Bundestheologie

Wie Gott sich an uns bindet – und wie wir darauf antworten können 

Peter Opitz Zu den Themen, die sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel ziehen, gehört der «Bund» Gottes mit den Menschen. Peter Opitz, Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte, entwickelt im Folgenden eine Zusammenfassung der biblischen «Bundestheologie».

 

In einigen Büchern, etwa im 5. Mosebuch, beim Propheten Jeremia oder im Hebräerbrief, ist sehr viel vom «Bund» Gottes mit den Menschen die Rede. Aber auch dort, wo das Wort «Bund» nicht vorkommt, ist die Sache oft präsent. So macht es Sinn, wenn wir die beiden Teile der Bibel selber als «Testamente» bezeichnen: als zwei «Bundesbücher», die sich unterscheiden und die doch eine Einheit bilden. 

Bereits in der Alten Kirche konnten Theologen das Verhältnis Gottes zum Menschen mit dem Begriff des «Bundes» zusammenfassen. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert zählt vier grundlegende Bundesschlüsse Gottes mit den Menschen auf. In der Reformationszeit haben besonders die Reformierten den Bundesgedanken hervorgehoben. Zuerst Ulrich Zwingli und nach ihm besonders auch Heinrich Bullinger. Seine berühmt gewordene Schrift aus dem Jahre 1534 trägt den Titel: Über den einzigen und ewigen Bund Gottes mit den Menschen. Worum geht es? 

 

Gott bindet sich an uns – und das ohne Ausstiegsklausel

Wer die Bibel mit einer Brille liest, die von der westlichen Kultur geprägt ist, insbesondere durch die philosophischen Gottesbilder der «Aufklärung» und die heute allgegenwärtige Sprache des «Marktes» – mit den Kernbegriffen «Angebot», «Preis», «Nachfrage», «Bedürfnis» und «Befriedigung» – kann es leicht übersehen: In diesem Buch ist nicht einfach von «Gott» die Rede, sondern von einem Gott, der mit ganz bestimmten Menschen verbunden ist: vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs1, vom Gott Davids2 und vom Gott Israels3. Der Gott der Bibel macht sich so bekannt, dass er sich mit bestimmten Menschen und ihrer Geschichte verbindet. Als Mose in 2. Mose 3 nach Gottes «Namen» fragt, erhält er eine Antwort, die nur aus vier Buchstaben besteht, und die doch viel mehr sagt als jede wortreiche Erklärung: Sein Name heisse «Jahwe» – auf Deutsch etwa: Ich bin der Gott, der für euch da sein wird, mit dem ihr künftig rechnen könnt – und müsst!

Schon im ersten Buch der Bibel hatte sich Gott Abraham so vorgestellt, dass er gleich einen «ewigen Bund» mit ihm abschloss. Ein «Gottesbund» besonderer Art: Kein «Vertrag» zwischen zwei Parteien mit Bedingungen, Vorbehalten und Kündigungsfrist, aber auch nicht einfach nur ein «Angebot», das den göttlichen Anbieter kalt lässt, falls es ausgeschlagen wird. Gottes Engagement ist viel stärker. Zuerst einmal ist es eine einseitige Sache und in dieser Form ziemlich ungewöhnlich: Gott verspricht, sich selber in alle Ewigkeit mit diesem vorderorientalischen Menschen und seiner Frau, und darüber hinaus mit ihren «Nachkommen», zu verbinden, sich an sie zu binden4. Das Wort «Nachkommen» ist allerdings nicht im Sinne der Erbfolge eines Adelsgeschlechts zu verstehen. Es geht weniger um «Blutsverwandtschaft» als um die Verbindung mit der Geschichte, die mit Abraham und Sarah anfängt. Ausdrücklich wird gesagt, dass auch der «fremde», nicht aus der Familie stammende, sondern «gekaufte Sklave» in diesen Bund einbezogen sein soll. Zum Ziel gelangt dieser Bund allerdings erst, wenn der Mensch ihn gelten lässt, sich zu ihm bekennt: äusserlich durch die Übernahme des Bundeszeichens, der Beschneidung, aber auch dadurch, dass er sein Leben «vor» diesem Gott lebt und führt, als Gottes Bundesgenosse bzw. Bundesgenossin: «Wandle vor mir und sei vollkommen!5» 

Die einseitige Begründung des «Bundes» zwischen Gott und Menschen hat aber ein Ungleichgewicht zur Folge: Während die menschlichen Bundespartner diesen Bund «brechen» können, gibt es auf der Seite Gottes keine Ausstiegsklausel! Gott hat sich ohne ersichtlichen Grund gerade an diesen «Abrahamsclan» und dessen Geschichte gebunden, und dies für alle Zeiten. 

Im Grunde beschäftigt sich der ganze Rest der Bibel mit den Folgen dieses Entschlusses. Denn Gott hat sich mit dieser seiner Selbstbindung dauerhaft in Schwierigkeiten gebracht: Was tut man, wenn diejenigen, denen man im Voraus ewige Treue geschworen hat, notorisch untreu sind? Davon erzählen die Vätergeschichten und das Geschick des Volkes Israel (wörtlich heisst Israel ja: Streiter gegen Gott!), darüber sprechen die Propheten, damit ringt der Apostel Paulus, wenn er der Tatsache, dass die meisten Juden Jesus ablehnen, die unveränderliche Treue Gottes zu seinem Bund mit eben diesen Juden gegenüberstellt6.

Nicht nur im Geschäftsleben, überhaupt im zwischenmenschlichen Bereich gilt es nicht als weise, derart engagierte und einseitige Bundeszusagen zu machen. Was tun, wenn die Kluft zu gross wird zwischen dem engagierten Bundes- und Treueversprechen auf der einen Seite und einer notorischen Untreue auf der anderen Seite?

 

Jesus Christus – Bewährung der göttlichen Selbstbindung

Dann muss das Engagement eben erhöht werden: Indem das Bundesversprechen damit bekräftigt wird, dass man das eigene Leben mit in die Waagschale wirft und den untreuen «Bundespartner» samt seiner notorischen Untreue noch einmal neu umfasst! So jedenfalls handelt die göttliche Weisheit: Jesus Christus hat sein Kommen, sein Leiden und Sterben als Bewährung, Bekräftigung und damit als Erneuerung des göttlichen «Bundes» gedeutet. In seinem Tod wird der «Bund» Gottes mit den Menschen «testamentarisch» besiegelt, wie Jesus den Jüngern bei der Passahfeier vor seinem Tod erläutert7; und zugleich wird er endgültig erweitert auf alle «Fremden», aus welchem Sklavenhaus sie ursprünglich auch immer stammen mögen. Heinrich Bullinger kommentiert: «Als der wahre Gott die wahre menschliche Natur annahm, war er nicht länger nur mit Worten oder mit Beweisen tätig, sondern er bezeugte durch dieses Handeln der ganzen Welt das grösste Geheimnis: Dass nämlich Gott den Menschen in einen Bund und eine Gemeinschaft aufgenommen, und dass er ihn durch die grösste Wundertat der Liebe mit sich verbunden hat8». 

 

Glauben heisst: Treu sein

Für «glauben» und «treu sein» wird im Griechischen ein und dasselbe Wort verwendet. «Glauben» heisst: Von dieser unglaublichen Bundestreue Gottes gegen alle notorisch treulosen Menschen betroffen und über sie erfreut zu sein, sie anzuerkennen, sie für sich gelten zu lassen, und: sie öffentlich zu bezeugen. Taufe und Abendmahl sind die äusseren Zeichen, durch welche Christen bezeugen, dass sie sich dieser göttlichen Treue anvertrauen. Vor allem aber bezeugen sie die göttliche Bundestreue durch ihr Leben: «Wandle vor mir und sei vollkommen» gilt auch für sie! Warum fangen wir nicht damit an, uns an der wichtigsten göttlichen Vollkommenheit zu orientieren: am «treu sein»? Treu sein ist eine zentrale christliche Grundhaltung, die immer auch konkret wird: Treu sein gegenüber diesem Gott, treu sein in unseren menschlichen Beziehungen, in unserer Arbeit, im Umgang mit dem Geld, das uns anvertraut ist? Treue beweist man dann, wenn man sie ohne persönlichen Nutzen ausübt. Eine Eintrittskarte in den Gottesbund brauchen wir uns damit nicht mehr zu erwerben. «Treu sein» macht nicht immer nur «Spass», aber als ein sichtbarer Ausdruck von Dankbarkeit macht Treue letztlich immer Freude – und zwar allen Beteiligten! Kurz und gut: Mach es wie Gott, werde treu! 

 

1  2 Mose 3,6

2  2 Kön 20,5

3  1 Mose 33,20; 1 Kön 18,36

4  1 Mose 17,1-22

5  1 Mose 17,1

6  Röm 11

7  Mk 14,22-25

8  Kurze Darlegung Heinrich Bullingers über das einzige und ewige Testament oder den einzigen und ewigen Bund Gottes, in: Heinrich

Bullinger Schriften, hg. von Emidio Campi; Detlef Roth; Peter Stotz, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2004, Bd. 1, S. 74.


Dr. theol. Peter Opitz ist Professor für neuere Kirchen- und Dogmengeschichte an der 

Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

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