Bildende Kunst

Anachronistische Neuheit

Andreas Widmer Das emsige Surren und Rauschen entpuppt sich als das Arbeitsgeräusch eines grandiosen Ungetüms von einem 35 mm Victoria Filmprojektor. Seine mächtige Physis imponiert um so mehr, weil der Galerieraum völlig verdunkelt ist. Der Reflex der fast wandgrossen Projektion bildet die einzige Lichtquelle. 

 

Gezeigt wird eine andere Maschine: Nahaufnahmen einer unglaublich schönen, makellos schwarz glänzenden Schreibmaschine. Ohne Ton wechseln statische Bilder in ruhigem Rhythmus. Eine elegante Ausleuchtung macht die sorgfältige Gestaltung, die edle Ausführung und perfekte Mechanik dieses technischen Wunderwerkes greifbar – nein, fast riechbar. Die Tasten sind unberührt, nie haben die Typen einen Abdruck auf der Walze hinterlassen. Eine alte deutsche Maschine aus der Vorkriegszeit, aber brandneu. Entdeckt vom Künstler, originalverpackt in einem Trödlerladen in seiner Heimatstadt Vancouver, Kanada.

 

Verwandlung

Eine veraltete Technik bringt die andere ins Bild. Die Abgebildete wiederum macht die Projizierende im dunklen Raum erst sichtbar. Zwei wunderschöne, jedoch überflüssige Apparate in gegenseitiger Abhängigkeit. 

Plötzlich rieseln kleine Flocken aus einer unsichtbaren Quelle auf die Tasten und setzen sich dort fest. Detailaufnahmen zeigen die stetige Zunahme der weissen Partikel. Sie stören die makellose Schönheit auf zwingend sanfte Weise. Allmählich scheint der lautlose Schneefall intensiver zu werden. Wahllos setzt sich das Mehl auf Tasten, Gehäuse und Mechanik fest und häuft sich allmählich an. An steilen Teilen der Schreibmaschine gleiten Mehlmassen ab. Sie hinterlassen einen Lawinen-kegel, auf dem sich alsbald umso mehr Material sammeln kann. Vor meinen Augen verwandelt sich die Maschine – ohne dass ich das zunächst bemerke – in eine Landschaft. 

Das unberührte Designstück wird mittels eines von «Zu-Fall», respektive Schwerkraft bestimmten Prozesses in die Zeit befördert. Die Museumsvitrine wäre die Alternative gewesen. Auch der normale Gebrauch hätte die Schreibmaschine ins Zeit-liche gebracht, aber dies ist im
Laptopzeitalter ein nicht mehr befriedigender Gebrauch. Die zeitlose Unberührtheit und Schönheit der Maschine endet nicht als Abfall oder Fetisch, sondern verwandelt sich in ergreifende Poesie. Ein Stilleben in einer ebenso reinen Winterlandschaft. Mehl als Staub der Zeit verwandelt Technik in Landschaft. Dieser poetische Wandel strahlt eine tiefe Hoffnung aus: Technik muss nicht zwingend Schöpfung zerstören, sondern kann sich in sie integrieren. 

 

Der Schöpfung helfen

Der ganze Kosmos ist ein Tempel Gottes. Auch menschliche Erzeugnisse gehören dazu. Und wir Menschen sind aufgerufen, der Schöpfung zu helfen, in Gemeinschaft mit Gott zu kommen. Ein Gedanke, welcher der Ostkirche geläufig ist. Das Beispiel dieser poetischen Transformation von Rodney Graham kann uns nahelegen, an die Entwicklung unserer technischen (und handwerklichen) Schöpfungen weitergehende Kriterien anzulegen als jene der blossen Effizienz, geleitet von kurzfristigen Interessen. Wie können sich unsere Apparate harmonisch in Gottes Schöpfung einfügen? Oder wie können sie – auch nur ansatzweise – zu Gott sprechen, oder anders gesagt, ihm entsprechen? Könnten dabei nicht auch ästhetische Gesichtspunkte eine äusserst wichtige Rolle spielen? Eine Ästhetik, die nicht vom Drang nach Verkaufserfolg bestimmt ist und nicht ausschliesslich dem effizienten Funktionieren geschuldet sein muss, sondern auch zum Höchsten hinweist? Würden in diesem Licht nicht auch Überlegungen zur Wahl des Materials und des Herstellungsprozesses ganz anders aussehen? Wäre ein wesentliches Kriterium für menschliche Erzeugnisse demnach nicht auch, wie und ob sie – im Bilde des Schöpfers – zu neuer Schöpfung befähigen oder ihre Herstellung die Schöpfung respektiert und zulässt?

 

Andreas Widmer ist freischaffender Künstler und Lehrer für Bildnerisches Gestalten und Herausgeber von «Bart – Das Magazin für Kunst und Gott». 

andreaswidmer@STOP-SPAM.gmx.ch 

info@STOP-SPAM.bartmagazin.com 

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