Kirchen

Glauben wie Glut unter der Asche

Peter Schmid Namen sind mehr als Schall und Rauch. Das Aufgeben eines Namens setzt ein Signal. 

 

Das evangelische Wochenmagazin «Leben & Glauben» heisst seit Februar 2013 «Doppelpunkt». Das Badener Medienunternehmen CAT Medien AG betont, der Inhalt solle derselbe bleiben. Der Name wurde geändert, weil die Reichweite von wöchentlich 50 000 Leserinnen und Lesern in den letzten Jahren nicht gesteigert werden konnte, wie dies der katholischen Schwesterzeitschrift «Sonntag» gelungen sei.

Der Marketing-Frust rührt daher, dass mit «Leben & Glauben» angeblich schlecht geworben werden konnte. Das Medienhaus schreibt in seiner Mitteilung1,  heute würden «Begriffe wie ‚Glauben‘ und ‚gläubig‘ im säkularen Umfeld allzu rasch mit ‚frömmlerisch‘ oder gar ‚sektiererisch‘ oder ‚fundamentalistisch‘ gleichgesetzt». Wer vom Glauben spreche, dem werde rasch eine Bekehrungsabsicht unterstellt. Davon wolle man sich «ganz klar abgrenzen».

 

Statt der Aufgabe auszuweichen ...

Der Traditionsabbruch ist nicht von der Hand zu weisen. Und doch riecht der Schritt von CAT Medien nach einer De-Mission. Als habe man die Überzeugung verloren, unter diesem Titel für eine weitgestreute Leserschaft gewinnend vom Glauben schreiben zu können. Jenen, die ihn mit Engstirnigkeit und Frömmlerei verbinden, das Gegenteil nahezulegen, ist eine vornehme, dringliche Aufgabe. Ich bezweifle, dass der Allerwelts-Titel mehr dafür leistet.

Der Namenswechsel weckt grundsätzliche Fragen: Hat das Begriffspaar «Leben & Glauben» seine Strahlkraft verloren? Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die sich vom christlichen Glauben überhaupt emanzipiert und gelöst hat? Religiös Distanzierte und säkular Gestimmte verkennen gern, dass ihr Lebensstil auf quasi-religiösen Annahmen und Voraussetzungen beruht. Die Frage heute ist nicht, ob wir Glauben haben, sondern wem wir Vertrauen schenken.

 

...  den Glauben nicht aufgeben

Den Kirchen verdeutlicht der Namenswechsel eine Herausforderung: Was tun, damit «Glaube» im Vermitteln christlicher Inhalte ein bedeutungsvolles Wort bleibt? Was, wenn – nach Gnade, Sünde, Barmherzigkeit – auch dieses für das Christentum zentrale Wort in die zweite oder dritte Liga der Begriffe relegiert wird?

Als Jesus in Galiläa auftrat, rief er die Menschen auf, ihm zu glauben und sich auf sein Evangelium von der Königsherrschaft Gottes einzulassen2. Anders als der Prediger aus Mekka verlangt Jesus nicht Ergebung und Unterwerfung, sondern er lädt ein, seine Botschaft anzunehmen und zu verstehen, ihr zu trauen und zu einer Lebensweise zu wechseln, die ihr entspricht.

 

Mitte des Lebens

Wolfgang Huber hat als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland von der Selbstsäkularisierung der Kirche gesprochen – dann, wenn sie sich, um in der Gesellschaft anzukommen, säkular gibt und es an Besinnung auf den Glauben fehlen lässt. Die Kirche solle angesichts der Säkularisierung der ihr anvertrauten Glaubensgehalte durch die Gesellschaft «unter der Asche der Säkularisierung die Glut der ursprünglichen Glaubensmotive frei-legen»3. Bei anderer Gelegenheit sprach Huber von der Tugend des Glaubens: «Dafür müssen wir als Einzelne den Glauben neu als Mitte unseres Lebens erkennen … Und als Kirche müssen wir uns neu auf unseren ‚geistlichen Markenkern‘ konzentrieren. Evangelisch von der Tugend des Glaubens zu sprechen meint, der verbreiteten Selbstsäkularisierung in unseren Kirchen zu widersprechen und mutig für die Sehnsucht nach Gott einzustehen4.»

Das ist die beste Sehnsucht. Gott lässt sich finden. Wer ihm traut, soll auch davon reden. Der abtretende St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder5 hat es auf den Punkt gebracht: «Was bedeutet christliches Glauben und Leben heute? Darauf müssen wir in wenigen, klaren und den heutigen Menschen verständlichen Worten antworten können – und dann glaubwürdig entsprechend handeln.»

 

1 L&G 7,2013, http://tinyurl.com/a48x9sx  

2 Mk 1,15

3 Vortrag zum 450-Jahr-Reformationsjubiläum in Baden, 4. April 2006, http://tinyurl.com/c9cqfc5 

4 Vortrag in Hannover, 25. August 2004, http://tinyurl.com/cjoxglv

5 www.lkf.ch/bericht/103 


Peter Schmid ist Theologe und Redaktor beim 

Webportal Livenet.ch.

petrus@STOP-SPAM.livenet.ch 

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