Medien

Warum Religion in die Nachricht gehört

Thomas Hanimann Für die Medien – gemeint sind hier die der Aktualität verpflichteten Gesellschaftsmedien wie Tageszeitungen, Radio, Fernsehen, Online-Redaktionen und Newsrooms – ist es heute eine grosse Herausforderung, über Religion zu sprechen und
zu schreiben. Es scheint, dass einige Medien vor dieser Herausforderung kapituliert haben oder das Thema
Religion unbewusst verdrängen.

 

Die christliche Gemeinde hat dies zwar intuitiv realisiert, sie äussert sich aber zu wenig zu dieser Problematik. Wenn jedoch vermeintlich oder tatsächlich die Medien an religiösen Themen vorbeigehen, darf uns das nicht gleichgültig sein. Im Gegenteil: Für christliche Gemeinden ist es eine ebenso grossartige wie anstrengende Aufgabe, ihrem Glauben und den daraus fliessenden Werten in der Öffentlichkeit der Medien Ausdruck zu verleihen. 

 

Falsche Skepsis

Manche Medien wiederholen gegenüber religiösen Gruppierungen oft gebetsmühlenartig die immer gleichen Vorwürfe wie «fundamentalistisch, missionarisch, manipulativ». Die Hintergründe dieser Skepsis gegenüber Religion sind erklärbar. Medien verpflichten sich dem Auftrag der demokratischen Willensbildung, was für sie bedeutet, Ansprüche, die transzendent begründet werden, auszuschalten. Weltanschauungen und Überzeugungen, die mit dem absoluten Gott rechnen, erscheinen ihnen undemokratisch.

 

Demokratische Verpflichtung

Medienschaffende begreifen oft nicht, dass sie gerade durch die Verdrängung oder undifferenzierte Ablehnung des Religiösen ihren eigenen Grundsatz, die Wirklichkeit abzu-bilden, verleugnen. Im Grunde genommen fallen sie selber ins Manipulative, muten den Medienkonsumenten eine Art Zensur zu und verschulden so letztlich einen Demokratieverlust. So weit sind wir heute noch nicht, aber die Gefahr ist da. 

Über eine halbe Million Einwohner unseres Landes besuchen jeden Sonntag einen christlichen Gottesdienst. Allein aus dem Bekenntnis zur Demokratie heraus müsste die Religion eigentlich ein wichtiges Medienthema sein. Die religiösen Botschaften, die im Kircheninnern jede Woche aufgenommen werden, sind ein Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens, genauso wie Sportveranstaltungen, Parteiversammlungen oder die Bilanzkonferenzen von Unternehmen. Damit meine ich nicht, dass über jeden Gottesdienst eine Meldung erscheinen sollte. Es geht vielmehr um ein grundsätzliches Anliegen: Wenn sich so viele Menschen Woche für Woche auf den Weg machen, um Gottes Wort zu hören, dann darf dies nicht einfach ein «Schwarzes Loch» in der Medienberichterstattung sein. Wer die Religion verächtlich als mittelalterliches Relikt abstempelt und deshalb aus dem Raum der Newswelt verdrängt, arbeitet journalistisch ebenso wenig korrekt.

 

Religiöse Beiträge ernst nehmen

Es muss in der demokratisch-rechtsstaatlich begründeten Gesellschaft möglich sein, religiös begründete Positionen öffentlich zu vertreten, auch wenn diese einem Teil (!) der Öffentlichkeit als vorsintflutlich erscheinen. In seinem Buch «Wie viel Religion verträgt der liberale Staat?»1 äussert sich der Gesellschaftsphilosoph Jürgen Habermas pointiert zu dieser Frage: «Wenn die schrille Polyfonie aufrichtiger Meinungen nicht unterdrückt werden soll, dürfen die religiösen Beiträge zu moralisch komplexen Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, vorgeburtliche Eingriffe in das Erbgut usw. nicht schon an der Wurzel der demokratischen Willensbildung abgeschnitten werden. Religiösen Bürgern und Religionsgemeinschaften muss es möglich sein, sich auch in der Öffentlichkeit religiös darzustellen, sich einer religiösen Sprache und entsprechender Argumente zu bedienen.»

 

Übersetzungsarbeit leisten

Religiöses gehört in die Nachricht. Meinungen von gläubigen Menschen dürfen und sollen öffentlich eingebracht werden, auch in die Medien. Es ist aber wichtig, dass Christen dabei Übersetzungsarbeit leisten. Religiöse Meinungen müssen dem nicht-religiösen Menschen verständlich sein, nicht nur in ihrer Aussage, sondern mindestens ebenso sehr in ihrer Begründung. Um in einem Bild zu sprechen: Es ist unabdingbar, dass gläubige Menschen, die in der Öffentlichkeit kommunizieren, immer wieder einen «Rundgang» durch die Welt des Säkularen machen. Auch diese ist selbstverständlich nicht einfach nur «säkular», sondern vielschichtig. In der direkten Begegnung mit Medienschaffenden lässt sich am besten erkunden, wie religiöse Inhalte in die Medienwelt einfliessen können. Ein allgemeines Rezept gibt es dafür nicht, aber viele Tore, hinter denen mögliche Wege beginnen. 


1 NZZ 6. August 2012

 

Thomas Hanimann ist Medienbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

thomas.hanimann@STOP-SPAM.insist.ch 

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