Medizin

Ideale im Stresstest

Esther Fehlberg Die junge Ärztin gehört zu der Sorte Mensch, die Ideale liebt. Sie muss dann aber erleben, wie das Christsein in der Klinik zur persönlichen Herausforderung wird.

 

Als ich vor zweieinhalb Jahren meine erste Stelle als Assistenzärztin in der Inneren Medizin einer Universitätsklinik aufnahm, war ich zuversichtlich, realistisch und innerlich gut vorbereitet, in den Beruf hineinzugehen. 

 

Entlarvende Realität

Nach wenigen Wochen war ich auf der Station allein. Ich stellte fest, dass das Krankenhaus ein gefrässiger Organismus ist, der mit Vorliebe ausgefüllte Anmeldezettel für die Funktionsdiagnostik verschlingt. Fiel mir der Verlust nachmittags auf, war es für die Untersuchung des Patienten an diesem Tag zu spät.                                                                                                                                         

Mein Stationsleiter zeigte sich von meinen freundlichen Bitten, dieses oder jenes zu erledigen, demonstrativ unbeeindruckt und schien sich nicht im Geringsten weisungsgebunden zu fühlen, egal wie dringlich die Lage war. Erstantibiose1 für die septische2 Patientin? «Das musst du dir selber aufziehen, ich muss jetzt erst einmal Essen austeilen!» Innerlich schäumend vor Wut über diese kalte Machtdemonstration kümmerte ich mich selber um die Infusion. Zum Händchenhalten blieb nicht viel Zeit, ausserdem musste ich feststellen, dass mir die Lust darauf zumindest teilweise vergangen war: Ich hatte mir Patienten, nun, irgendwie dankbarer vorgestellt. Glücklich über die freundliche Zuwendung einer bemühten jungen Ärztin. Stattdessen schlug mir oft Unmut über lange Wartezeiten vor Untersuchungen entgegen, über Fehler im Stationsablauf oder das falsche Essen. 

Ich fühlte mich ohnmächtig gegenüber all den Ansprüchen, die von allen Seiten an mich herangetragen wurden, und ich wurde wütend. In dieser Stimmung geriet ich das erste Mal mit einer Schwester in der Frauenpoliklinik wegen eines nicht gelaufenen Konsils3 in einen handfesten Streit, bei dem ich ausfällig wurde. Während dieses Telefonats stand mein Stationsleiter (dessen Aufgabe es eigentlich gewesen wäre, dieses Problem zu lösen) in der Tür und hörte mit, neugierig, ob ich mich wohl durchsetzen würde.

Es gelang mir nicht, die Schwester gewann den Streit, aber es war auch egal. An diesem Abend ging ich zutiefst erschüttert über mein Verhalten nach Hause und weinte mir die Augen aus. Ich konnte nicht glauben, dass ich alle Souveränität und christliche Nächstenliebe hatte fahren lassen. Das also kam zum Vorschein, wenn der christliche Lack abgekratzt war: unter einer dünnen Schicht freundlicher Demut das stolze, selbstsüchtige alte Ich, das hasserfüllt in Rachegelüsten schwelgt und Vergeltungsschläge plant. Meine ganzen idyllischen Ideale kamen mir vor wie eine fromme Maskerade, die der Wirklichkeit nicht standhält.                                                                                                                 

 

Spannungsfelder aushalten

Ich musste lernen, meine Vorstellungen der Realität anzupassen. Dazu zählt vor allem die Vorstellung von mir selber: Auch wenn ich hohe Ideale und Ansprüche an mich selbst habe, bekomme ich im Berufsalltag doch immer wieder vor Augen geführt, dass ich diese Ideale keineswegs vollständig erfülle. 

Als christliche Ärzte sehe ich uns in einem Spannungsfeld zwischen menschlicher Begrenztheit und dem Wunsch, «Salz und Licht» zu sein. Im Extremfall steigern sich die Erwartungen, neben der fachlichen Kompetenz auch allseits menschlich integer, reif und liebevoll zu handeln, auf ein bedrückendes, auslaugendes Mass. Eine überhöhte Rollenvorstellung erstickt den Menschen, der die Rolle ausfüllt. Wo die eigenen Ideale uns überfrachten, haben wir verlernt, uns zuerst als erlöste Sünder zu sehen. 

 

Dieser gekürzte Beitrag wurde der Zeitschrift «acm journal» April 2012 entnommen.

www.acm.smd.org 


1 Antibiotische Behandlung

2 Patientin mit Infektion 

3 eine fehlende Beratung

 

Dr. Esther Fehlberg ist 

Assistenzärztin für 

Gastroenterologie/

Endokrinologie

fehlberg@STOP-SPAM.med.uni-marburg.de 

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