Naturwissenschaften

Genau hinsehen – auch beim Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glauben

Konrad Zehnder In der Yale University in New Haven (USA) fällt ein Glasfenster auf. Es ist 1890 entstanden und symbolisiert die Naturwissenschaft auf der linken und die Religion auf der rechten Seite. Beide beugen sich beschreibend, erklärend und staunend über Blumen – und damit über die Welt und den Kosmos. 

 

Über ihnen steht in der Mitte die Personifikation von «Licht – Liebe – Leben» in einem weissen Gewand, mit einem offenen Buch in der linken und einem himmelwärts gerichteten Finger der rechten Hand. Das ganze dreiteilige Bild trägt den Titel «Education», was Erziehung und Bildung bedeutet. Für die damalige säkulare Welt und in einer der berühmtesten Universitäten stellte dieses Bild ein Programm dar. Die grundverschiedenen Disziplinen «Naturwissen-schaften» und «Religion» befassen sich mit dem gleichen Objekt – der Welt, und sie ergänzen sich in ihrer gemeinsamen Ausrichtung auf das übergeordnete grössere Ganze. Das war damals und ist heute noch innerhalb des «westlichen» Kulturkreises eine Idealvorstellung des menschlichen Erkenntnisprozesses.

 

Offen sein für Neues

Ein Detail möchte ich herausheben: Die beiden Figuren der Naturwissenschaft – ein junger und ein alter Mann – richten ihre Augen konzentriert auf die schönen Blumen oder auf etwas Bestimmtes an diesen Blumen. Der junge Mann scheint etwas Neues entdeckt zu haben. Er zeigt und erklärt es dem Älteren, der es prüft und kritisch reflektiert. Ein Sinnbild für das Sehen, Staunen und Erklären-Wollen, das am Anfang des abenteuerlichen Erkenntnisprozesses steht. 

Es gibt auch andere Haltungen: Ein kleines Mädchen – nennen wir es
Anestia – kneift seine Augen fest zu, als wir uns ihm freundlich nähern. Es fürchtet sich vor fremden Menschen. Indem es nichts mehr sieht, hofft es wohl, dass das Beängstigende von selbst wieder verschwindet. Erwachsene mögen solches Verhalten belächeln und dabei vergessen, wie leicht wir dem gleichen Trick verfallen, wenn wir nicht sehen wollen, was nicht zu unseren Vorstellungen passt, weil «nicht sein kann, was nicht sein darf». Die «Methode Anestia» hilft sofort, ist aber auf Dauer ungeeignet, das Leben zu bewältigen. 

Bilder, auch Weltbilder, die wir uns machen, müssen wir gelegentlich aufgeben oder verwandeln lassen, weil sie sich als überholt oder «falsch» erweisen1. Besseres Wissen kann zuvor Geglaubtes ersetzen. Die Geschichte, sei es die persönliche, die Erkenntnisgeschichte einer grossen Kultur oder auch die physische Geschichte der ganzen Welt ist voller Umbrüche. 

 

Ganzheitlich forschen

Ganz ähnlich ist es auch in der Wissenschaft. Sie ist einer von vielen und dazu ein sehr spannender Prozess des Suchens nach und des Findens von vorläufigen Wahrheiten in Gestalt wissenschaftlicher Theorien und Paradigmen. In diesem Prozess arbeiten Intuition, Spekulation, Hypothesen sowie deren Bestätigung und Widerlegung unablässig zusammen. Der Wikipedia-Artikel, dem ich das Bild entnommen habe2, gibt einen Einblick in das Verhältnis zwischen (Natur-)Wissenschaft und Religion. Dieses Forschungsfeld ist interdisziplinär, weil es zwischen den klassischen Disziplinen liegt. Paradox und zugleich bedeutsam erscheint, dass die Rand- und Grenzgebiete der Disziplinen zum neuen, gemeinsamen Zentrum werden, wie es das Bild zum Ausdruck bringt. 

Wissen und Glauben scheinen ein rivalisierendes Paar zu sein. «Mit dem Wissen wächst der Zweifel», sagte Johann Wolfgang von Goethe. Und Arthur Schopenhauer ergänzte: «Glauben und Wissen verhalten sich wie die zwei Schalen einer Waage: In dem Masse, als die eine steigt, sinkt die andere.» Charles Darwin gestand als alter Mann, dass er durch seinen unermüdlichen naturwissenschaftlichen Forscherdrang den Blick für die Poesie und das Leben insgesamt verloren habe. Genau hinsehen ohne den Blick für das Ganze zu verlieren, das scheint bis heute die Richtschnur für ein ganzheitliches Forschen zu sein.

 

1 siehe dazu auch den Artikel über Weltanschauungen von Felix Ruther im Magazin INSIST 4/10 

2  wikipedia.org./wiki/Naturwissenschaft_und_Religion

3 Quelle: Science and Religion Tiffany Education center

 

Konrad Zehnder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schweizerischen Geo- technischen Kommission der ETH Zürich. 

konrad.zehnder@STOP-SPAM.erdw.ethz.ch  

www.sgtk.ch/kzehnder 

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