Philosophie

Ist das Kompensieren von CO2-Emissionen erlaubt?

Conrad Krausche  Wer mit dem Flugzeug unterwegs ist, kann den damit verbundenen CO2-Ausstoss mit einer Abgabe kompensieren, die zur Einsparung von CO2-Emissionen andernorts verwendet wird. Kann diesem Emissionshandel ethisch zugestimmt werden?

 

In ihrem Artikel «Carbon Trading: Unethical, Unjust and Ineffective?»  verteidigen der Politologe Simon Caney und der Ökonom Cameron Hepburn den Handel mit CO2-Emissionen. Dabei versuchen sie den Einwand zu entkräften, dass Emis-
sionshandel nicht moralisch richtig sein kann, weil wir keine Besitz- oder Gebrauchsrechte über die Atmosphäre hätten. 

 

Der Natur ihre Rechte zugestehen

Caney und Hepburn lehnen Besitzrechte ebenfalls ab, denn wir hätten nicht das Recht, die Atmosphäre und das Klima zu zerstören. Der Emissionshandel sei aber vereinbar mit einem Konzept der «Stewardship» (Verwalterschaft): Menschen hätten Nutzungsrechte und Verwaltungspflich-
ten gegenüber der Erde. Es sei aber nicht so, dass wir ein derart weites Nutzungsrecht nicht hätten, denn die Natur habe an sich keine Rechte.

In seinem Buch «Justice: Right and Wrongs» schreibt Nicholas Wolters-torff, dass aus christlicher Sicht etwas Rechte hat, weil es von Gott geliebt wird. Diese Träger der Liebe nicht nach ihren Rechten zu behandeln, wäre Respektlosigkeit gegenüber Gott, der sie in Liebe geschaffen hat. Gilt dies auch für die nicht-menschliche Natur? 

Warum erschafft Gott die Welt, wenn er sie nicht liebt? Ist es nicht ein Zeichen der Wertschätzung, wenn Gott seine Schöpfung als «gut» bezeichnet? Paulus schreibt im Römerbrief, dass auch die Schöpfung auf ihre Erlösung wartet – erlöst Gott etwas, das er hasst? Ist also die Natur von Gott geliebt, so müssen wir sie respektvoll behandeln. Damit hat die Natur Rechte, die sie an uns stellt.

 

Grenzen des Emissionshandels

Gott gesteht uns zu, die Natur zu nutzen, um zu überleben. Das schliesst aber nicht das Recht ein, mutwillig zerstörerisch mit ihr zu verfahren, denn dies wäre kein liebevoller Umgang. Wie Caney und Hepburn richtig argumentieren, darf der Handel mit natürlichen Ressourcen – und die Aufnahmefähigkeit von Treibhausgasen durch die Atmosphäre ist eine Ressource – nicht an sich ausgeschlossen werden. Wir gehen aber mit dem Emissionshandel zu weit: Der Aus-stoss, den wir verursachen, verändert die Atmosphäre derart, dass das Klima zum Schaden für die Natur und viele Menschen verändert wird. Wenn wir die Grenze unserer Rechte ernst nehmen, dürfen wir nicht so viel ausstossen, wie wir es tun – auch dann nicht, wenn dieser Ausstoss zum Aufbau unserer Zivilisation beitragen würde. Der heutige Emissionshandel (z. B. innerhalb der EU) liegt weit über dieser Grenze. Wir handeln also mit Gütern, die wir nicht besitzen und nutzen dürften. Wir dürfen als gesamte Menschheit nur so viel ausstossen, dass dieser Ausstoss unterhalb der Grenzen messbarer schädlicher Auswirkungen bleibt.

Dies sollte die christliche Antwort sein. Es ist eine strenge Forderung und hat drastische Konsequenzen. Einerseits für uns in den Industrieländern, weil wir auf Luxus verzichten müssten. Andererseits auch für die Schwellenländer, die mit Industrialisierung ihre Bevölkerung aus der Armut heben wollen. Deshalb macht es meiner Meinung nach Sinn, eine globale Umverteilung des Reichtums von den Industrie- zu den anderen Ländern zu fordern, denn unser Reichtum ist auf Kosten anderer Menschen und der Natur angehäuft worden. Christen müssen sich klar positionieren: Der momentane Umgang der Menschheit mit der Natur ist schlichtweg falsch.

 

Conrad Krausche studiert an der Uni Bern «Political and Econonomical Philosophy (PEP)» und engagiert sich in der Bibelgruppe für Studierende der VBG in Bern.

conrad@STOP-SPAM.krausche.org 

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