Transformation

Um die Ecke denken

Hanspeter Schmutz «Während die einen eifrig ihren Niedergang verwalten, bauen die andern ihre Wege in eine lebenswerte Zukunft1.» Für den zweiten Weg steht die SPES2-Zukunftsakademie3 im oberösterreichischen Schlierbach. Das SPES-Zentrum ist Ökohotel, Erwachsenenbildungszentrum und Forschungsstelle für die werteorientierte Entwicklung des ländlichen Raumes in einem. Wer sich für diesen Weg entscheidet, braucht viel Hoffnung und die Fähigkeit, «um die Ecke zu denken».

Im Rahmen einer Studienreise, die anfangs Jahr vom Institut INSIST angeboten wurde, besuchte eine Gruppe aus der Schweiz die SPES-Zukunftsakademie, um am österreichischen Original den WDRS-Ansatz der werteorientierten Dorf-, Regional- und Stadtentwicklung zu vertiefen. Dazu gehörten Begegnungen mit verschiedenen Umsetzern dieses christlich motivierten Denkansatzes, unter ihnen Karl Sieghartsleitner, Begründer des Steinbacher Weges4.

Hoffnung für Politik und Kirche
Von weitem sieht das Zentrum aus wie ein modernes Hotel im Voralpengebiet (Bild). Bei näherer Betrachtung zeigen sich aber Besonderheiten. Zum Hotel gehören nicht nur Zimmer mit Nasszellen, Seminarräume und ein Restaurant, sondern auch ein Meditationsraum und ein Wellnessbereich. Und humoristisch-tiefsinnige Tagessprüche wie «Ein Kompromiss ist die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, dass alle meinen, sie hätten das grösste Stück bekommen».
Das SPES-Zentrum ist vor 30 Jahren auf Initiative von Christen entstanden, die nicht bereit waren, gesellschaftliche Fehlentwicklungen widerstandslos hinzunehmen. Sie gründeten deshalb mit der SPES eine «Studiengemeinschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen». Der Ort ist – wie die Abkürzung SPES (lat. Hoffnung) andeutet – zu einem Ort der Hoffnung geworden, für politische Akteure wie auch für Leute aus der Kirche.

Entwicklung mit Tiefgang
Die SPES-Leute verstehen Entwicklung als ganzheitlichen Prozess, der Lebensqualität und Stabilität sichern soll. Sie kann nicht mit Machtansprüchen durchgesetzt werden, sondern nur unter Einbezug aller Beteiligten. Erst wenn die drei Bereiche «Sache/Struktur (Fachkompetenz)», «Beziehung/Kommunikation (Soziale Kompetenz)» und «Sinn/Ziel/Hoffnung (Spirituelle Kompetenz)»5 in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden, kann Lebensqualität entstehen. Im Grunde geht es den Initianten bei allen Entwicklungsprozessen um eine «Umkehr zum Leben»6.
Das SPES-Zentrum will «Drehschei-be, Plattform und Netzwerkpartner für zukunftsweisende Akteurinnen und Akteure und Initiativen» sein. Die SPES will mit ihren Angeboten dazu beitragen, dass «Menschen Spiritualität leben, Sinn finden, ihre soziale Kompetenz vertiefen und ihre praktische Lebenskompetenz ausbauen». Die Erneuerung im grösseren Ganzen erfolgt laut SPES dadurch, dass «erneuerte Menschen in den Strukturen unserer Gesellschaft wirken». Die SPES-Mitarbeitenden wollen deshalb Impulse geben, dass in der Gesellschaft «erneuerte Zellen» entstehen und diese so unterstützen, «dass sie ihrerseits in ihrer Struktur erneuernd wirken».
Vom Persönlichen bis zur Politik
Praktisch zeigt sich das etwa im originellen Mix des SPES-Programms im April 2014: Da gibt es «Exerzitien im Alltag», einen Bibelkurs und den Kurs «Von der Fülle des Lebens kosten»; oder das Referat «Wachstum als Heilsbringer», das Seminar «Wie Gespräche gelingen» und ein Referat über «Die Geschichte der Zukunft» des Zukunftsforschers Erik Händeler.
Die Akademie versteht sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie entwickelt Konzepte und Modelle, die multiplizierbar sind. Etwa die Lancierung eines ehrenamtlichen Dorfmobils, der Aufbau eines Biosphärenparks oder internationale Initiativen wie «Building Rural Identity7». Unternehmen werden mit dem «Zukunftsradar» zukunftsfähig gemacht. Er umfasst einen werteorientierten Unternehmens-Check, Mitarbeiter-Interviews und daraus folgende Ziele und Massnahmen. Die «Familien-Akademie» berät Gemeinden beim Umsetzen von familienfreundlichen Massnahmen, betreibt eine «Zeitbank 55+» und regt Veranstaltungen mit Familienthemen an.
Kurz: Die SPES Zukunftsakademie ist ein höchst anregendes Modell, das nach ähnlichen Umsetzungen in der Schweiz ruft8.

1   Merksatz von Fritz Ammer, Geschäftsführer der SPES Zukunftsakademie von 1988 – 2010
2  SPES heisst lat. «Hoffnung» und steht für «Studiengemeinschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen».
www.spes.co.at
4  siehe das Interview auf den Seiten 26 – 28
5  Das erinnert an die drei Dimensionen des «Integrierten Christseins»: sachgerecht, menschengerecht und gottesgerecht.
6  Selbstverständnis und Leitgedanken der Mitglieder des SPES-Vereins in der Neufassung von 2011 (Rohentwurf vom 17.3.11)
7  eine ländliche Identität entwickeln
8  Das Institut INSIST überlegt sich derzeit Möglichkeiten, gemäss dem WDRS-Ansatz einen vernetzten «Info-Platz» im Internet zu lancieren.


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch  

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