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Die Kunst des  Aufstehens

Hanspeter Schmutz Gesellschaftlich engagierte Christen werden immer wieder in Auseinandersetzungen verwickelt und müssen dabei ab und an auch Tiefschläge einstecken. Da gilt es, die Kunst des Aufstehens zu üben. Für Aktivitäten im öffentlichen Bereich kommen Transparenz, professionelles Arbeiten und eine nachvollziehbare Begründung des eigenen Handelns hinzu.

 

Aufstehen ist eine Kunst. Im Verlaufe des Lebens fallen wir immer wieder hin. Wir stolpern über unerwartete Hindernisse, rutschen auf einer allzu unsicheren Unterlage aus oder werden von Gegnern niedergeschlagen. Dabei hatten wir es doch so gut gemeint! Am Boden liegen ist meist unbequem, liegen bleiben aber wird irgendwann zum Problem. Statt niedergeschlagen zu bleiben, könnten wir eigentlich auch wieder aufstehen. Das allerdings braucht Kraft. Und Fertigkeiten. Die Kunst des Aufstehens ist unter dem Stichwort «Resilienz» zur Forschungsrichtung geworden. «Sie fragt danach, wie Menschen auf Belastungen, Störungen, Druck und Widrigkeiten reagieren», heisst es im aktuellen Newsletter von Compax1, dem Institut für Konflikttransformation Bienenberg. Gemäss dem Philosophen Clemens Sedmak gebe es dabei drei Möglichkeiten: 1. vorsichtiges, kluges Leben – und Widrigkeiten möglichst vorbeugend vermeiden; 2. ausweichende Strategien: Widrigkeiten leugnen oder verdrängen; 3. direktes Herangehen: Umgang mit Widrigkeiten. Für Sedmak gehört die Resilienz zur dritten Variante; sie ist das «Vermögen, direkt mit Widrigkeiten umzugehen und dabei gut bestehen zu können».Kann man das lernen? Frei nach Sedmak gibt es drei Hilfen: 1. die Unterstützung durch eine Gemeinschaft, in der Schwächen zugegeben werden können und Hilfe angeboten wird; 2. die aktive Suche nach Wahl- und Handlungsmöglichkeiten, im Wissen, dass es keine übermächtigen Umstände gibt, die zur Passivität verurteilen; 3. das Bewusstsein, dass alles seinen Sinn hat.Alle drei Merkmale sind typisch für Christen: Sie leben in einer christlichen Gemeinschaft, die Schwächen zulässt; sie glauben nicht an ein finsteres Schicksal, sondern an einen Gott, der aus Sackgassen befreit. Und sie wissen, dass ihr Leben einen Sinn und ein Ziel hat. Zusätzlich kennen sie auch noch ihre ewige Berufung, Kinder des Höchsten zu sein. Deshalb gilt für Christen bei Tiefschlägen das Motto: «Hinfallen, aufstehen, Krone zurechtrücken, weitergehen2.»

 

Der Kanton Bern hat 2013 aus Lotteriegeldern zwei christliche Hilfswerke mit je 100’000 Franken unterstützt, die Nothilfe für syrische Flüchtlinge geleistet haben3. Pfui, sagt hier der brave Bürger. Wie kann sich eine staatliche Stelle dazu he-rablassen, Institutionen zu unterstützen, die in ihren Statuten nicht nur humanitäre Zwecke verfolgen, sondern Ziele nennen wie «verfolgten Christen beistehen, Notleidenden helfen und Jesus bekanntmachen». Der Sprecher des einen christlichen Hilfswerkes stellte aber sofort klar, was mit dem Geld zum Beispiel gemacht wurde: regelmässige Unterstützung von 500 Familien mit Nahrungsmitteln; Überlebenshilfe an Bedürftige in Form von Matratzen, Wäsche, Kleidern, Heizmaterial und Arzneimitteln sowie das Unterrichten von Kindern. Nutzniesser seien vorwiegend muslimische Familien gewesen. Davon getrennt seien aber auch schon mal Bibeln an interessierte Muslime verschenkt worden. Im Merkblatt an Gesuchsteller für Gelder des Lotteriefonds werden tatsächlich Vorhaben mit «politischer, ideologischer und religiöser Zielsetzung» ausgenommen. Bei der erwähnten Hilfsaktion wurden diese Vorgaben offensichtlich erfüllt. Dass die Organisation zusätzlich missionarische Aktivitäten entwickelt hat, braucht den Kanton nicht zu kümmern, solange die Aktivitäten sauber getrennt werden. Sind es doch gerade christliche Organisationen, die in der Regel vor Ort bestens vernetzt sind und auch dann noch Zugang zu den Notleidenden haben, wenn sich «neutrale» Hilfswerke schon lange zurückgezogen haben. Falls die Flüchtlinge über die Lektüre des Neuen Testamentes zusätzlich noch Trost und einen etwas gewaltfreieren Zugang zur Religion finden sollten, wäre das als präventive Entwicklungshilfe zumindest zu begrüssen, wenn nicht sogar zu unterstützen.


1   www.compax.org

2  Blanka Bleier in der Zeitschrift «Familiy» 1/14

3  «Der Bund» vom 9.1.14 

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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