Heilsame Strukturen

Den Lebensraum heilsam gestalten

Interview: Hanspeter Schmutz Karl Sieghartsleitner gab als Bürgermeister den Startschuss für eine an christlichen Werten orientierte Dorfentwicklung im 2000-Seelen-Dorf Steinbach an der Steyr. Der «Steinbacher Weg» ist unterdessen zu einem Modell für viele Gemeinden v.a. im deutschsprachigen Europa geworden. Und zum Vorbild für den Ansatz der Werteorientierten Dorf-, Regional- und Stadtentwicklung des Instituts INSIST.

Magazin INSIST: Christen sind in der Regel sehr aktive Menschen. Sie engagieren sich nicht nur in ihrem Beruf, sondern auch in der Kirche. Warum sollen sie sich zusätzlich auch noch für die politische Gemeinde einsetzen?
Karl Sieghartsleitner: Weil die politische Gemeinde der Raum ist, in dem sie leben. Die Aufgabe von Christen ist es letztlich, dafür zu sorgen, dass viele Menschen die Möglichkeit haben, in einem Raum zu leben, in dem sie gesund an Leib und Seele bleiben, sich wohl fühlen und sich gut entwickeln können. In diesem Raum sollen Familien leben können, die tragfähig sind und eine nächste Generation hervorbringen können, die wiederum belastbar ist. Diese Aufgabe können wir nicht irgend jemandem überlassen, das ist eine ganz wichtige Aufgabe für Christen.

Warum können wir dies nicht einfach den Politikern überlassen und uns auf unsere Aufgaben in der Kirche konzentrieren?

Wir müssen uns im Klaren sein, dass Politiker sehr oft den Menschen nach dem Mund reden und manchmal auch reden müssen, weil sie Wahlen gewinnen wollen. Wir leben heute in einer Zeit, in der oftmals nur das gewünscht wird, was im Moment mehr Geld, mehr Freizeit und mehr Vergnügen bringt. Auf dem alleine kann man die Zukunft nicht aufbauen. Es braucht Menschen, die sich um die Dinge kümmern, die wirklich notwendig sind, die also die Not wenden. Das ist leichter für Menschen, die nicht gewählt werden müssen. Sie können den Boden für eine nachhaltige Politik bereiten und Positionen vertreten, die notwendig und zukunftsfähig sind.

Das Verhältnis zwischen der Kirche und der politischen Gemeinde ist oft gestört. Warum bilden diese beiden Systeme nicht eine sozusagen natürliche Arbeitsgemeinschaft?
In manchen Gemeinden meint die Kirche, sie müsse «Machtpolitik» betreiben. Das ist aber nicht ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Christen ist es, sich in den Dialog einzubringen und sich möglichst um die Menschen zu kümmern, die sonst nicht gehört werden. Für Christen gilt ja die Aussage von Jesus: «Alles, was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan1.» Es geht darum, diesen Menschen ein Wort zu geben; ihnen zu helfen, dass sie nicht das Gefühl haben, sie würden nicht gehört, nicht gebraucht und um sie kümmere sich niemand. Wenn dieses Potenzial immer grösser wird, ist das nicht nur menschlich eine Tragödie, sondern auch eine Tragödie für unsere Demokratie, denn das ist keine gute Entwicklung. Christen sollen das Rechte tun, ohne einen Garantieschein für den Erfolg ihres Handelns zu haben.

Ist dieses Eingreifen der Christen nicht auch eine Form von Politik?
Politik ist grundsätzlich wichtig und notwendig und daher etwas Gutes. Die Kirche darf aber nicht parteipolitisch werden. Die Christen sollen sich zu Wort melden und dabei die Werte, die sie vertreten, hervorheben und zeigen, welche Bedeutung sie für die Menschen haben. Auf diese Weise kann mit Freude der Inhalt des Evangeliums verkündet werden. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Aussicht, damit eine gute Zukunft zu schaffen und Hoffnung zu vermitteln. Christen sind ja berufen zur Hoffnung, sogar über den Tod hinaus. Sie können diese Hoffnung des «Trotzdem» einbringen, weil sie wissen, dass sie einen Gott haben, der aus Niederlagen einen Erfolg schaffen kann; der aus Fehlentwicklungen noch etwas heilen und etwas Gutes machen, ja sogar aus Verfallenem etwas Lebendiges machen kann, bis hin zur Erneuerung unserer Dörfer. Wenn wir von diesem Geist erfasst werden, dann kann auch in einem sterbenden Dorf noch eine lebendige Gemeinschaft entstehen, weil wir es mit einem lebendigen Gott zu tun haben. Ich würde dies aber nicht nur auf Christen beschränken. Es gibt auch ausserhalb gläubige Menschen, die Gott zumindest als Schöpfer anerkennen und wissen, welche Grösse und Macht er hat, und wie er uns Menschen immer wieder helfen will, aus schlimmen Situationen wieder herauszukommen und einen Neuanfang zu wagen. In diesem Sinne sind wir berufen, umzukehren und aus den Trümmern des Lebens eine hoffnungsvolle Zukunft zu schaffen.

Für Sie hat eine Dorfgemeinschaft eine heilsame Wirkung. Christen haben einen Heilungsauftrag. Wie können sie heilend in eine Dorfgemeinschaft oder in ein Stadtquartier eingreifen?
Da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Das egozentrische Denken kann dazu führen, dass jeder sich seine Sachen dort besorgt, wo er meint, sie momentan am billigsten zu bekommen. Dadurch entstehen Strukturen, die langfristig unsere nahen Strukturen und die Versorgungssicherheit gefährden. Eine Heilung dieser Fehlentwicklung wäre, wenn Christen mit den wirtschaftlichen Partnern in der Nähe zusammenarbeiten würden. Sie helfen damit, dass die Versorgung nicht ausschliesslich durch Grossstrukturen geschieht. Wir sind dann nicht den Launen und dem Gewinnstreben der Konzerne sowie deren wirtschaftlichen Zufälligkeiten und einer allfälligen Marktbeherrschung ausgeliefert. Heilende oder geheilte Strukturen im Dorf haben einen möglichst hohen Anteil an Selbstversorgung, an kurzen Wegen und an einer Kreislaufwirtschaft, in der einer dem andern behilflich ist, wirtschaftlichen Erfolg zu haben oder existieren zu können; ihn also nicht nur in einer Notsituation benutzt oder nur dann, wenn gerade etwas fehlt, sondern für ihn ein treuer Kunde ist. Es fordert von beiden Seiten eine starke Persönlichkeit und entsprechende Werte, dass man das in guten Zeiten oder in Mangelsituationen nicht ausnützt und dass man diese Partnerschaft auch in Krisensituationen aufrechterhält und sich nicht wie bei den Hühnern freut, wenn ein Huhn stirbt, weil man dann mehr zum Picken hat. Wir sollten jemandem, der eine Krise durchmacht, erst recht beistehen, ihn ermuntern und ihm sagen: «Auf mich kannst du dich verlassen.»

Sie sprechen die Nahversorgung und die Kreislaufwirtschaft vor Ort an, die man unterstützen sollte. Was ist heilsam daran?
Es braucht Arbeitsplätze im Dorf. Die Gemeinde braucht Steuerzahler. Es geht um die Nutzung unserer Gebäude in den Dörfern. Es ist wichtig, dass unsere alten Menschen zu Fuss etwas kaufen können. Solange jemand jung und beweglich ist, kann er ins Auto sitzen und zum Grossverteiler im nächsten Dorf fahren. Wenn aber jemand nicht mehr mit dem Auto fahren kann oder kein Auto mehr hat, dann ist er auf Versorgung durch andere Menschen angewiesen. Hier sollten wir gemeinschaftlich denken. Auch die Jungen sollten mithelfen, Strukturen der Nähe zu erhalten, damit auch alte Menschen ihre Versorgungssicherheit haben. Da geht es ja auch um Begegnungen. Beim Einkaufen treffen sie Leute, mit denen sie reden können. Sonst wird die Einsamkeit zunehmen. Hier können Menschen ohne grosse Organisation zusammenkommen und miteinander reden. Und dem andern vielleicht von einer Notsituation oder einer Freude erzählen, die auf dem Herzen liegt.

Sich ins Dorf zu investieren, ist nicht ausschliesslich ein kirchlicher Auftrag. Gibt es Dinge, die nur die Kirche erfüllen kann? Und was müsste eher auf der politischen Seite getan werden?
Die politische Gemeinde soll sich um eine gute Kinderbetreuung kümmern. Sie soll dafür sorgen, dass junge Familien oder alleinerziehende Mütter eine leistbare Wohnung bekommen können oder dass Wohngemeinschaften für alte Menschen ermöglicht werden, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Kirche kann mit ihrem Engagement ihre Werte bewusst machen und aus dem Evangelium begründen. Jesus beantwortet die Frage nach dem Wichtigsten im Gesetz mit dem Hinweis auf die Beziehungsfrage: «Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken ...» und «du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst2.» Die Beziehung zu Gott und zu den Menschen ist etwas sehr Wichtiges. Christen sollten sich also fragen: «Was tue ich, dass dieses Beziehungsfeld im Ort intakt bleibt?» Und hier kann man gar nicht genug tun. Das können z.B. Bibelgespräche sein, Nachbarschaftstreffen oder Austauschrunden von Ehepaaren, die im selben Jahr geheiratet haben. Wichtig ist auch das Gespräch nach dem Gottesdienst. Hier erfährt man, wo es Menschen gibt, die man nächste Woche besuchen sollte, weil sie krank geworden sind. Menschen, die darauf warten, dass ihnen jemand Mut macht, ihnen Hoffnung gibt und ihnen zeigt, dass sie nicht vergessen sind. Manchmal wird ja den Christen nachgesagt, dass sie zuerst in den Gottesdienst gehen und anschliessend über die Leute schlecht reden. Wenn wir nach dem Kirchgang über die Leute reden, sollten wir alles Positive sagen, das wir unter der Woche erfahren haben. Wenn sich eine Frau eingeheiratet hat und nun erzählt, wie gut sie sich mit ihrer Schwiegermutter versteht, dann sollten wir das z.B. möglichst vielen Leuten weitersagen.

Hier geht es also um das heilsame Reden.

Ja. Wir wissen, dass sich negative Meldungen sofort verbreiten. Aber wenn die Mutter über fremde Leute erfährt, dass ihre Schwiegertochter etwas Positives über sie gesagt hat, dann ist das heilsam, es ist eine Therapie. Ähnlich kann man auch positiv über die Predigt des Pfarrers sprechen – wenn sie gut war. Und davon mit Freude weitererzählen.

Sie haben in einem Gespräch den Bibelvers «Ich mache alles neu. Seht ihr es denn nicht?»3 zitiert. Wo wirkt Gott denn Neues, was ist sein Anteil am Aufbau von heilsamen Strukturen und wie können wir sein Wirken sehen?
Wir leben in einer Zeit, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Gleichzeitig haben wir noch nie erlebt, dass so viele Christen, die nicht von Armut getrieben sind, aktiv werden und sagen: «Da mache ich nicht mehr mit. Das muss geändert werden.» Das ist nicht selbstverständlich. Diese Menschen haben ein ganz neues soziales Gespür. Sie setzen sich ein für fairen Handel. Sie zeigen Filme über sündhafte oder krankhafte Strukturen in unserer Welt. Strukturen, die ausbeuterisch sind und der Zukunft keine Chance geben, weil man schon jetzt alles erntet oder ausfischt und so den nachkommenden Generationen schier unlösbare Probleme hinterlässt. Hier auf kommende Generationen Rücksicht zu nehmen und ihnen zu ermöglichen, dass sie dieselben Voraussetzungen finden wie wir, das ist nachhaltige Entwicklung. Wir dürfen nicht einfach heute gut leben, dem Staat Schulden aufbürden, den Jungen zusätzlich noch viele Senioren und demenzkranke Menschen überlassen und davon ausgehen, dass die Jungen dies dann schon bezahlen werden. Wir müssen ihnen die Chancen offen halten. Stattdessen betonieren wir fruchtbaren Grund und Boden zu und hinterlassen ihnen die zunehmenden Probleme mit Hochwasser, Umweltkata-strophen und Trockenheit. In diesen Fragen treten heute immer mehr Menschen mit qualifiziertem Fachwissen und Engagement auf. Sie merken, dass das auch sie etwas angeht. Deshalb verzichten sie freiwillig auf unnötigen Luxus und leben eine neue Bescheidenheit, also einen umweltgerechten Lebensstil.

In diesem Engagement sehen Sie das Wirken Gottes?
Ja. Das gilt auch für den kirchlichen Bereich. Gerade wegen des Priestermangels in der katholischen Kirche engagieren sich immer mehr Laien in der Führung der Kirchgemeinde und in der Verbreitung des Glaubens, im Feiern von Festen und in der Liturgie. So entsteht eine neue Form einer lebendigen Volkskirche. Hier wird die Kirche nicht nur von oben gesteuert. Die Leute hören nicht nur zu und tun in Wirklichkeit etwas ganz anderes. Sie setzen den Glauben ins Leben um. Durch diese Nähe zu den Menschen und das Arbeiten mit ihnen wird auch eine Neuevangelisierung eher möglich. Warum soll nicht jemand am Arbeitsplatz oder im Gasthaus zum Glauben kommen? So kommen wir weg von der Meinung, die frommen Leute seien in der Kirche zuhause und in unserm Umfeld solle man den Glauben überhaupt nicht ansprechen. Es ist schön, wenn Menschen unkompliziert und ohne fromme Worte ein klares Zeugnis von dem ablegen, was sie mit Gott erlebt haben bzw. erleben.

Was wären dann kranke Strukturen?
Kranke Strukturen sind für mich zum Beispiel Grossbanken, die keine persönliche Verbindung mehr zu ihren Kunden haben und von den ärmsten Menschen, welche die schwersten Schicksalsschläge zu tragen haben, die höchsten Zinsen einfordern. Das Umgekehrte wäre, wenn eine regionale Bank Menschen, die in einer besonders schwierigen Lage sind – sei es durch Krankheit, Unfall oder durch den Strukturwandel, der vieles erschwert – mit einem sehr günstigen Kredit unterstützt. Es ist erschütternd zu erleben, wie manchmal in einer Zeit der niedrigen Zinsen die finanziell Schwachen so hohe Zinsen zahlen müssen, dass man das als normaler Mensch gar nicht mehr verstehen kann. Dann kann ich nur sagen, dass es ein Beispiel für das heilende Wirken Gottes ist, wenn an allen Ecken und Enden der Gesellschaft und der Welt Menschen auf Zinseinkünfte verzichten, um Finanzierungsmöglichkeiten für bedürftige Menschen und nachhaltige Strukturen zu schaffen.

1 Mt 25,40
2 Mt 22,37.39
3 nach Offb 21,5a 


Karl Sieghartsleitner hat mit dem «Steinbacher Weg» Ende der 1980er Jahre im oberösterreichischen Steinbach an der Steyr einen werteorientierten Ansatz der Dorfentwicklung modellhaft umgesetzt, der seither mehrere hundert Gemeinden befruchtet hat.

 

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