Heilsamer Glaube

Forschen über Spiritualität und Heilung

Interview: Fritz Imhof Seit 25 Jahren arbeitet die Klinik SGM Langenthal im Schnittbereich von Glauben, Spiritualität und Heilung. Viele Patienten konnten vom ganzheitlichen Konzept profitieren. Der heutige Chefarzt René Hefti hat ein Forschungsinstitut ins Leben gerufen, das wissenschaftliche Arbeit zum Thema betreibt und international fördert. 

 

Magazin INSIST: René Hefti, wie sieht der aktuelle Stand der «Spiritual Care» aus?
René Hefti: Die Klinik SGM Langenthal hat 2012 ihr 25-jähriges Bestehen unter dem Motto «ganzheitlich helfen» gefeiert. Uns ist dabei klar geworden: Was wir mit unserem ganzheitlichen Behandlungsansatz praktizieren, entspricht genau dem, was man heute unter «Spiritual Care» versteht. «Spiritual Care» bedeutet, dass alle Beteiligten auch die spirituellen Bedürfnisse und Nöte des Patienten ernst nehmen – vom Seelsorger bis hin zum gesamten interdisziplinären Team aus Ärzten, Pflegenden, Psychotherapeuten u.a. Alle sollen sich über ihren Fachbereich hinaus auch für das spirituelle Wohl des Patienten interessieren.

Steht hinter «Spiritual Care» nicht auch die Absicht, dass Menschen dank des Glaubens leichter geheilt werden können?
Mit «Spiritual Care» gewinnt der Gedanke an Verbreitung, dass Glaube und Spiritualität auch eine Heilungsressource sind. Vor allem in der Psychiatrie war die Vorstellung verbreitet, dass Glaube hauptsächlich krankmachend ist. Doch in neuerer Zeit wächst die Erkenntnis, dass der Glaube halt-, wert- und sinngebend ist und so eine Ressource darstellt. Das belegt auch eine zunehmende Anzahl wissenschaftlicher Studien für das ganze Spektrum körperlicher und psychischer Erkrankungen. Kürzlich wurde ich als Referent an einen Kongress von Allgemeinmedizinern nach Davos eingeladen, um einen Workshop über Spiritualität in der Hausarztmedizin zu halten. Das hat mich überrascht, aber natürlich auch gefreut.

Spiritualität scheint in der Medizin immer noch ein Schattendasein zu führen. Jedenfalls in Europa. Hat sich da in den letzten Jahren etwas bewegt?
Ja, das ändert sich. An der Universität München wurde 2010 ein Lehrstuhl für «Spiritual Care» eingerichtet. Er ist aus der Palliativmedizin heraus entstanden. Das Anliegen war, «Spiritual Care» akademisch zu verankern. Die Studierenden lernen hier, wie man eine spirituelle Anamnese1 macht. Sie sollen die Zusammenhänge von Spiritualität und Krankheitsbewältigung erkennen. Ein vergleichbares Projekt gibt es auch für die Universität Zürich. Es wurde von den Kirchen im Kanton Zürich initiiert.

Hat die Forschung auf diesem Gebiet neue Erkenntnisse geliefert?
Die «Religion, Spirituality and Heath-Forschung», die vor 30 Jahren in den USA begonnen hat und nun auch in Europa Fuss fasst, bringt ständig neue Erkenntnisse hervor oder bestätigt klinische Erfahrungen. Eine Gruppe in Genf befasst sich mit schizophrenen Patienten und untersucht, in welcher Weise ihnen der Glaube hilft, ihre Krankheit zu bewältigen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Für mehr als die Hälfte der Patienten ist der Glaube eine Stütze in der Krankheitsbewältigung und gibt ihnen Sinn trotz Krankheit.
Weil die religiöse Landschaft in Europa anders ist als in den USA, war man gespannt, ob sich die Ergebnisse der amerikanischen Studien in Europa wiederholen lassen. Ich selbst konnte in Österreich eine Studie durchführen, die den Einfluss der Religiosität und des Gebets auf Herzoperationen untersucht hat. Dabei zeigte sich, dass religiöse Patienten nach der Operation kürzere Spitalaufenthalte und weniger Komplikationen haben. Die Effekte waren aber schwächer als in den amerikanischen Arbeiten. In den USA beten 40-50% der Menschen täglich und gehen einmal pro Woche in den Gottesdienst. In Österreich sind es nur etwa 20%. Bei den Leuten, die beten, ist die Wirkung aber grundsätzlich dieselbe.

Wo liegt zur Zeit der Schwerpunkt Ihres Forschungsinstituts?
Zur Zeit haben wir drei Schwerpunkte: In der Klinik werten wir die Ergebnisse der Patientenbehandlungen aus. Dazu haben wir eine klinikinterne Forschungsabteilung eingerichtet. 2013 wollten wir wissen, ob sich durch die Behandlung die Religiosität verändert. Dazu haben wir mehrere Aspekte der Religiosität untersucht: die allgemeine religiöse Einstellung, die Gefühle gegenüber Gott (positiv und negativ), die Vergebungsbereitschaft, die religiösen Bewältigungsstile und das Sinnempfinden. Alle genannten Dimensionen verändern sich während der Therapie, am stärksten aber die Gefühle gegenüber Gott und das Sinnempfinden – und damit auch das Gottesbild. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Untersuchung der Stresstoleranz. Hierzu haben wir im Rahmen einer Doktorarbeit 32 junge Menschen untersucht. Wir haben sie gestresst, indem wir ein Vorstellungsgespräch simulierten. Wir wollten wissen, wie stark der Blutdruck ansteigt und wie schnell er wieder in die Ausgangsposition zurückgeht. Bei den religiösen Studienteilnehmern war der Blutdruck schneller wieder unten, was auf eine bessere Regulationsfähigkeit des Herzkreislaufsystems hinweist2. Der dritte Schwerpunkt bildet eine Fragebogenstudie unter Schweizer Ärzten. Wir möchten mehr über ihre religiöse Einstellung erfahren und darüber, wie sie den Zusammenhang zwischen Glaube und Gesundheit sehen. Wir sind sehr interessiert, weitere Ärztinnen und Ärzte zu finden, die sich an dieser Studie beteiligen3.
Können Sie uns noch mehr über Ihre Patientenstudie berichten? Beeinflusst der Glaube, die Religiosität auch die Therapieergebnisse?
Ja, das haben wir auch untersucht (siehe Grafik). Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Leute mit einem hohen Dankbarkeitsgefühl ein besseres Therapieergebnis aufweisen. Auch wenn sie an einer Depression leiden, sind solche Menschen tiefer im Glauben verankert. Auch wer seiner Situation einen Sinn abringen kann, hat ein besseres Therapieergebnis. Andererseits beeinflussen negative Bewältigungsstile das Behandlungsergebnis ungünstig. Wer z.B. überzeugt ist, dass dämonische Einflüsse im Spiel sind, bleibt eher in der Depression stecken.

Wie sieht der Vergleich mit nichtreligiösen Patienten aus? Wie arbeiten Sie mit ihnen?
Unser Basisbehandlungsangebot ist nicht religiös. Es gibt aber Zusatzangebote für Patienten, die dem Glauben gegenüber offen sind, zum Beispiel eine Andacht am Morgen, eine Abendmahlsgruppe, seelsorgerliche Gespräche und Gebet. Interessanterweise erleben oft Menschen mit keiner oder wenig religiöser Überzeugung die grössten Veränderungen. Der Glaube wird für sie zu einer neuen Erfahrung, die ihr Leben und auch ihre Krankheitssituation nachhaltig verändert.

Gibt es aktuell weitere Projekte Ihres Forschungsinstituts?  
 
Ja, das grösste Projekt im Moment ist die Organisation des 4. Europäischen Kongresses für Religion, Spiritualität und Gesundheit, der im Mai 2014 in Malta stattfinden wird4. Bereits liegen 50 Abstracts von Arbeiten vor, die in Malta präsentiert werden sollen. Sie stellen die Ergebnisse der europaweiten und internationalen Forschung vor. Wir haben zunehmende Resonanz vom Mittleren Osten bis hin nach Indien und in den asiatischen Raum hi-nein. Gerade auch aus den islamischen Ländern! Hier findet über die digitalen Netzwerke eine Globalisierung des wissenschaftlichen Austausches statt.

1  Anamnese: Vorgeschichte einer Krankheit
2  Siehe auch Seite 9
3  Interessierte können sich auf info@STOP-SPAM.fisg.ch anmelden
4  Programm auf www.ecrsh.eu


Dr. med. René Hefti, verheiratet, 3 Kinder, ist Chefarzt und ärztlicher Leiter der Klinik SGM in Langenthal. Er leitet ausserdem das Forschungsinstitut für Spiritualität und Gesundheit (FISG) und organisiert internationale Kongresse zu diesem Thema.
Weitere Informationen finden Sie auf www.hefti-psmedizin.ch

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