Theologie der Heilung

Heilen – ganzheitlich verstanden

Siegfried Grossmann Über «Heilung» wird oft in Schwarz-weiss-Manier gesprochen, obwohl das Bild der Heilung im Neuen Testament vielschichtig ist. Heilungsideologien aber machen krank. Siegfried Grossmann entwickelt im Gegensatz dazu ein wohltuend ganzheitliches Verständnis von Heilung1

 

Jesus sagt von sich: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben».2 Oder anders ausgedrückt: Weil das Erlösungswerk Jesu existiert, gibt es Leben; weil die Sünde existiert, gibt es Tod. Somit kann die Krankheit ihre Wurzel nicht in der Existenz Gottes haben.
 
Die Krankheit
Daraus wird allerdings der falsche Schluss gezogen, dass es im Wirkungsbereich Gottes keine Krankheit mehr geben dürfe. Ebenso wie es Sünde gibt, finden wir auch Krankheit. Die Erlösung durch Christus zielt aber auf den Sieg über die Sünde wie über die Krankheit. Deshalb sieht es Jesus als seinen Auftrag an, «das Evangelium vom Reich zu verkünden und alle Krankheiten und Leiden zu heilen»3. Aber die Erlösung ist noch nicht voll-
endet, wie es Römer 8,20 ausdrückt: «Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung.»
Diese Linie von Römer 8 möchte ich im Folgenden für das Thema «Heilung» entfalten. In Christus gibt es Hoffnung, nicht nur für das Leben nach dem Tod, sondern auch für das Leben vor dem Tod. Wir dürfen Heilung erwarten, aber ohne zu leugnen, dass es noch Sünde und Krankheit gibt. Die Kraft der Sünde und der Krankheit ist gebrochen, aber beide sind noch nicht vernichtet. Wir brauchen Hoffnung, die Heilung erwartet, aber in dem Bewusstsein, dass wir Gott die Art seines Handelns nicht vorschreiben können. Diese Hoffnung wird in Jakobus 5,13-15 beschrieben: «Ist einer von euch bedrückt? Dann soll er beten. Ist einer fröhlich? Dann soll er ein Loblied singen. Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich: Sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben.»
Die Begriffe für Sünde, Schwachheit und Krankheit gehen im Neuen Testament ineinander über. Damit wird bereits angedeutet, was die Medizin heute als psychosomatische Krankheit bezeichnet. Die Verbindungen zwischen Krankheit, Schwachheit und Sünde sind so vielschichtig, dass man Ursache und Wirkung oft nicht voneinander unterscheiden kann. Wir müssen daher von einem weitgefassten Krankheitsbegriff ausgehen, sonst werden wir weder dem Neuen Testament noch dem heutigen Kenntnisstand gerecht. Manche Krankheiten können wir schwerpunktmässig dem Körper zuordnen, andere der Seele, wieder andere erscheinen als Beziehungsstörungen, andere hängen mit gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen – manche haben ihre eigentliche Wurzel in einem gestörten Verhältnis zu Gott. Die Heilung kann also ganz unterschiedliche Ansatzpunkte haben. Auch wenn es sich um konkrete Krankheiten handelt, richtet sich die Heilung immer auf die ganze Person. So können wir auch Heil und Heilung nicht vollständig voneinander trennen.
Ich möchte dies ganz persönlich ausdrücken. Wenn ich krank werde, ist dies immer eine Störung, die meine ganze Person betrifft. Dies ist bei einer seelischen Krise oder bei einer Herzkrankheit natürlich ausgeprägter als bei einem Schnupfen. Die Krankheit selbst ist dabei meist nur die Spitze eines Eisbergs. Oft erleben wir einen Schritt zur Gesundung unserer ganzen Person, wenn wir eine konkrete Krankheit, die einem bestimmten Organ zugeordnet ist, überstanden haben. So wie die Krankheit immer meine ganze Person betrifft, bezieht sich die Heilung ebenfalls auf meine ganze Person. Es ist also nicht entscheidend, wo die Heilung ansetzt, sondern, dass sie eine tiefe, ganzheitliche Wirkung hat. Vor einigen Jahren erlitt ich einen leichten Kreislaufkollaps und musste für einige Wochen auf alle Arbeit verzichten. Dies löste bei mir wichtige und tiefgreifende Veränderungen aus, die meine ganze Person betrafen. Erst danach wurde mein Kreislauf vollständig wiederhergestellt. Obwohl schon vorher viele für die Heilung gebetet hatten, schenkte sie Gott erst jetzt. Wenn die organische Krankheit sofort geheilt worden wäre, hätte sich die eigentliche, tiefer wirkende Heilung nicht einstellen können.

 

Gott handelt souverän
Wer auf Heilung hofft, wer um sie betet und wer sie erwartet, sollte nicht versuchen, Gott vorzuschreiben, wie er handeln soll. Er könnte sonst das, was Gott tut, völlig übersehen und sich an Bitten festbeissen, die Gott nicht erhören will. Denn Gott reagiert sehr individuell, sehr liebevoll und einfühlsam auf unsere Anliegen. Er ist ein guter Vater, der nur gute Gaben gibt, der aber nicht alles gibt, was seine Kinder fordern, denn sonst wäre er kein guter Vater. Es wäre schlimm, wenn Gott alle unsere Bitten erhören würde. So ist es sehr wichtig, dass wir ein Bewusstsein von den ganz verschiedenartigen Möglichkeiten des Handelns Gottes bekommen.

 

Schritte zur Heilung
Wir selbst können nicht heilen. Wir können Gott auch nicht zwingen zu heilen, weder durch unseren Glauben noch durch bestimmte geistliche Techniken. Weil aber Gott das Gute will4, können wir bestimmte Schritte tun, um ein Gefäss für die heilende Wirkung des Heiligen Geistes zu sein. Denn wir können den Heiligen Geist fördern, indem wir ihn nicht hindern.

 

1. Heilung kann geschehen, wo wir aus der Perspektive der umfassenden Wirkung des Heiligen Geistes heraus offene Augen für das Wirken Gottes bekommen.
Petrus sagt in der Pfingstpredigt: «So spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgiessen über alles Leben6.» Dies gilt seit Pfingsten. Denn seit dem Erlösungstod Jesu steht vor der Welt das Pluszeichen des Kreuzes. Seitdem nimmt das Wirken des Heiligen Geistes einen grossen Raum ein. Er schafft neues Leben, er öffnet Menschen den Blick für die Notwendigkeit der Umkehr. Er erneuert unsere Gesinnung und die Beziehungen zwischen Menschen. Er wirkt aber auch in vielfältiger Weise an Menschen, die noch keine Kinder Gottes sind; er versucht, Lebensbedingungen zu schaffen, die nicht krank machen, sei es im Bereich des menschlichen Zusammenlebens oder sei es in den grossen Fragen des Überlebens des Menschen angesichts einer globalen ökologischen Katastrophe.
So wie die Krankheit nicht erst bei der messbaren, schmerzhaften Zerstörung eines Organs, des Stoffwechsels oder des Nervensystems beginnt, setzt auch die Heilung nicht erst beim spürbaren Gesundwerden eines Organs ein, sondern vieles geschieht im Vorfeld. Lebensbedingungen, Probleme mit anderen Menschen oder mit sich selbst können krank machen, Veränderungen in diesen Lebensumständen können zur Heilung beitragen. Somit beginnt der Dienst der Heilung bereits bei der Gestaltung unseres persönlichen Lebens, unserer Gemeinde-
situation und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich unser persönliches Leben abspielt.
Auf dieser Ebene wird jeder wache Christ eine Möglichkeit finden, seine Gaben – besser: sich als Gabe – einzusetzen. Das kann darin bestehen, anderen Raum zur Entfaltung zu geben, sich anderen in Barmherzigkeit zuzuwenden, dafür zu sorgen, dass jeder das bekommt, was er zum Leben braucht, Freundlichkeit zu verbreiten, anderen wieder das Lachen zu ermöglichen, die Natur als Gottes Schöpfung zu schützen, Kreativität einzubringen und dazu zu ermuntern, Gottes Wort bis in die konkrete Alltagssituation zu «verlängern», Gastfreundschaft zu üben oder dem zu helfen, der konkret oder im übertragenen Sinn «unter die Räuber gefallen ist». Oft beginnt der Heilige Geist ganz schlicht, aber lebensnah mit seinem Werk der Heilung.

 

2. Heilung kann geschehen, wenn die Partnerschaft mit dem Heiligen Geist mein Leben bestimmt.
Neben der konkreten Heilung von Krankheiten gibt es einen lebenslangen Prozess der inneren Heilung, bei der Belastungen, Folgeerscheinungen von Sünden und manche Begrenztheit unserer Person wie ein Eisberg im Licht Gottes schmelzen. Auf diese Weise entfalten sich die verschiedenen Bereiche der «Frucht des Geistes». Das geschieht durch Dauer, nicht durch spontanes Geschenk des Heiligen Geistes, obwohl das spontane Wirken des Geistes das langsame Wachstum ergänzen und erfüllen kann. Wenn man das Wachstum durch künstliche Mittel zu beschleunigen versucht, entsteht eine schlechtere Qualität, als wenn man dem Wachstum seine natürliche Dauer lässt. So brauche ich zur Heilung nicht nur das spontane heilende Wirken des Heiligen Geistes, sondern dauerhafte Partnerschaft mit ihm. Durch sie kann dieser langsame, aber tiefgreifende Prozess der inneren Heilung in Gang gesetzt werden.
In diesem Prozess gibt es verschiedene Schwerpunkte, die sich gegenseitig nicht ausschliessen. Die tragfähige Basis ist der tägliche Umgang mit dem Wort Gottes, das dabei ganz persönlich gelesen wird, etwa unter der Frage: «Was will mir Gott heute durch diesen Text persönlich sagen?» Diese Art des Bibellesens nennen wir «Stille Zeit». Der Heilige Geist macht mich dabei auf manche Situation aufmerksam, das Wort Gottes bringt mich ins Gespräch mit meinem Vater im Himmel. Ebenso wichtig ist das Anschauen Gottes, das von mir wegführt und bei dem ich zur Anbetung komme.
Denn Gott ist nur dann mein Partner, wenn ich nicht nur in Notsituationen zu ihm komme, sondern wenn ich ein lebendiges, prägendes Bild von ihm habe – wie es sich nur durch Anbetung entfaltet. Zum Anschauen Gottes können auch liturgische Texte und Lieder oder Bibelworte wie die Psalmen hilfreich sein.
Ein weiterer Bereich der Partnerschaft mit dem Heiligen Geist ist die geistliche Partnerschaft mit einem Menschen. Man trifft sich vielleicht wöchentlich oder auch täglich mit einem anderen Christen, um miteinander die Bibel zu lesen, sich auszutauschen und zu beten. Oftmals ist meine eigene Person verschlossen, wenn es um mich selber geht, durch Ängste oder andere Blockierungen. Dann ist es sehr wichtig, dass der Heilige Geist mich durch den Partner erreichen kann.
Schliesslich gehört zum Prozess der inneren Heilung das Bewusstsein, dass mir der Heilige Geist auch in meinem alltäglichen Leben eine Fülle von Impulsen gibt. Ich kann in anderen Menschen, in meiner Familie, an meinem Arbeitsplatz, in meiner Gemeinde oder in meiner Nachbarschaft solche Impulse des Heiligen Geistes entdecken, auch bei Menschen, die keine Christen sind, weil in ihnen der Heilige Geist zwar nicht wohnen kann, aber doch manchmal Möglichkeiten findet, an ihnen zu wirken. Ereignisse, Schwierigkeiten, Worte oder Bücher, das Leben und die Natur um mich herum oder innere und äussere Bilder können das Reden des Heiligen Geistes vermitteln. Wenn ich einen weiten Horizont ha-be, gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, das Wirken des Heiligen Geistes im Prozess der inneren Heilung zu er-
leben.

 

3. Heilung kann geschehen, wenn die Gaben des Heiligen Geistes angenommen und entfaltet werden.
Natürlich stehen hier die «Gaben der Heilungen7» im Vordergrund. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, in unterschiedlicher Weise für Kranke zu beten. Man kann ganz schlicht mit einem Kranken beten, ihn im segnenden Gebet in den Einflussbereich des Heiligen Geistes stellen und – wenn es möglich ist und vom Kranken angenommen wird – ihm die Hände auflegen. Man kann in einer Gruppe für den Kranken beten, wobei jeder Teilnehmer seine eigene Inspiration einbringt, auch seine persönliche Art, dem Kranken wohlzutun, durch Worte als Zuspruch, durch körperliche Berührung, durch Singen oder durch das schweigende «Bei-ihm-Sein», das oft mehr ausdrückt als viele Worte. Manche Krankheiten verlangen ein «Langzeit-Gebet», weil die Heilung prozesshaft abläuft oder weil der Anteil der psychischen Belastung an der Krankheit sehr hoch ist. Oft braucht es das Zusammenwirken von Heilungsgebet und Seelsorge – das Gebet um Gottes Eingreifen und die Arbeit an der eigenen Person.
Die spezielle Gabe der Krankenheilung kennt – wie die meisten anderen Gaben des Heiligen Geistes auch – zwei unterschiedliche Ebenen. Die häufigere ist eine Art «Basisgabe der Heilung», die viele Christen haben können. Wenn in meiner Umgebung eine Krankheit auftritt, dann bete ich mit dem Kranken, oder ich unterstütze das Handeln des Arztes mit meinem Gebet, – vielleicht stärke ich den Kranken einfach durch mein Nahesein oder die Handauflegung. Ich spreche dem Kranken nicht die Heilung zu, sondern stelle mich mit ihm auf eine Ebene als demütig Bittender. Vielleicht kann ich stellvertretend für den Kranken hoffen. Demgegenüber gibt es auch den «herausgerufenen Dienst» der Krankenheilung, den nur wenige haben. Auch hier darf das Heilungsgeschehen keine «Schau abziehen», aber es kann schon geschehen, dass eine solche Heilungsgabe bekannt wird und kranke Menschen einen mit diesem Heilungsdienst Begabten aufsuchen.
Neben den «Gaben der Heilungen» gibt es noch weitere Wirkungen des Heiligen Geistes, die den Prozess der Heilung unterstützen oder auslösen können. Die Gabe der Prophetie kann Sünde als Ursache einer Krankheit aufdecken oder deutlich machen, wo jemand in einer krankmachenden Situation lebt, die er verlassen muss, wenn er gesund werden will. Die Gabe der Weisheit hilft zum pädagogischen Umgang mit dem Kranken. Sie ist besonders wichtig, wenn man längere Zeit mit einem Kranken zusammenlebt, um ihn zu pflegen. Auch das Sprachengebet8 kann eine Bedeutung für die Heilung haben. Denn in schwierigen Situationen kann durch das Gebet in einer Gebetssprache eine Inspiration aus diesem Gebet im Unbewusstsein in das Bewusstsein kommen. In manchen Krankheitssituationen kann das gemeinsame Singen im Geist den Kranken in die Geborgenheit Gottes zurückführen und eine Einheit zwischen dem Kranken und der Gruppe schaffen. Die Gabe der Seelsorge hilft, die begleitenden Schritte zu finden, denn oft müssen die Heilung einer organischen Erkrankung und die innere Heilung Hand in Hand gehen. Manchmal tritt zu diesen Gaben noch die Gabe des Glaubens hinzu, die mir deutlich macht, dass Gott hier ein Wunder tun will und die mich in meinem Gebet um Heilung bestärkt. Selbstverständlich gelten alle diese «begleitenden Gaben zur Heilung» auch für die Unterstützung des ärztlichen Handelns, denn immer können auch Gebet um Heilung und medizinische Wirkungen Hand in Hand gehen. Auch die praktischen Gaben besitzen eine Bedeutung, wie z. B. die Gastfreundschaft, die Hunger und Ungeborgenheit heilt und damit zur Heilung der ganzen Person beitragen kann. Wichtig ist dabei vor allem die Gabe der Barmherzigkeit, einer oft wortlosen, aber zeichenhaften Anwesenheit und tiefen Verbindung zum Kranken, die manchmal mehr zur Heilung beitragen kann als alle verbalen Bemühungen. Schliesslich kann in meiner Lebenssituation eine Gabe liegen. So sollen die Ältesten der Gemeinde den Kranken salben und um Heilung beten. Ein Lehrer kann zum Abbau sozialer Krankheiten beitragen, wenn er eine «charismatische Friedensgabe» hat oder in der Lage ist, eine Klasse zur Stille zu führen.


4. Heilung geschieht, wenn die verschiedenen Kräfte des Heiligen Geistes in einer «Gemeinschaft im Geist» zusammenwirken.
Das negative Beispiel macht 1. Korinther 11 deutlich. Hier war die Gemeinschaft in der Gesamtgemeinde Korinth im tiefsten gestört, nicht nur durch unterschiedliche Lehrmeinungen, sondern vor allem auch durch ein «unsoziales» Umgehen miteinander. «Deswegen sind unter euch viele schwach und krank, und nicht wenige sind schon entschlafen», sagt Paulus. Die Gemeinschaft in Korinth, die ja im Abendmahl ihre tiefste Bedeutung hätte haben sollen, ist so gestört, dass sie krank macht. Also kann eine ungestörte Gemeinschaft heilen. So ist uns in Römer 12,9 ff. eine solche heilende Gemeinschaft beschrieben. Ihre heilende Kraft entwickelt sie aus der ungeheuchelten Liebe, also aus einer offenen, echten Art des Umgangs miteinander.
Es ist sicher schwierig, in einer oft recht grossen, miteinander nur durch die «Hörgemeinschaft» des Gottesdienstes verbundenen Gemeinde eine solche heilende Gemeinschaft zu erleben. Hier bietet sich die Hausgemeinde an, in der man – wie schon in der Urchristenheit – in einer intensiveren und persönlicheren Art und Weise gemeinsames Leben auf Zeit praktizieren kann. Dabei entsteht eine Basis, auf der alle die hier geschilderten vielfältigen Gaben zur Heilung zusammenwirken können.
In der grossen Gemeinde kann der Gebetsgottesdienst durch das gemeinsame Anschauen Gottes eine solche Freude auslösen, dass sie Heilung bewirken kann. Hier können auch der psychische Stress oder Nervosität, Angst und Ungeborgenheit leichter überwunden werden als in der kühleren, intellektuelleren Atmosphäre des traditionellen Gottesdienstes. Wie allerdings manche neuen, mutmachenden Erfahrungen zeigen, ist ein «Gebet aus dem Hören», Anbetung und persönliche Gemeinschaft im Ansatz auch im grossen Kreis der Gemeinde möglich, wenn wir die Erwartung der Spontaneität des Heiligen Geistes haben und entsprechende Freiräume schaffen, in denen das freie Wirken des Geistes überhaupt möglich ist. Dies alles sind Bausteine zur Heilung.

 

Das Angebot der Heilung
Gott macht uns ein vielfältiges Angebot zum Heil und zur Heilung. Wir dürfen es nicht in menschlich verengte Gesetze giessen, sondern sollten uns die spontane Erwartung des täglichen heilenden Eingreifens Gottes in unseren Alltag nicht nehmen lassen. Denn nur so können wir die persönlichen Wege Gottes zu unserer Heilung und zur Heilung unseres Nächsten im unmittelbaren Vollzug des Lebens entdecken. In einer solchen Erwartungshaltung werden wir dann auch die Stimme Gottes nicht überhören, wenn er uns zu einem speziellen Heilungsdienst ruft. Der Heilige Geist allein erneuert und heilt im Namen Gottes. Wir aber können das Wirken des Heiligen Geistes fördern, indem wir es nicht hindern.

 

Wie reagiert Gott auf unsere Bitte um Heilung?
1. Er heilt und gibt damit eine Antwort auf das Gebet von Menschen, die um Heilung gebetet haben; des Kranken etwa, oder demjenigen, der dem Kranken die Hände auflegte, oder von Ältesten, die kamen, als sie der Kranke gerufen hatte, oder als Antwort auf eine anhaltende Fürbitte, oder auf das Fasten und Beten eines Gebetskreises hin. Die Hoffnung von Menschen auf Heilung – oft von Menschen, die für einen anderen hoffen – ist ein Gefäss, das Gott oft mit Heilung füllt.
2. Er heilt durch das Handeln eines Arztes. Dies ist keine weniger bedeutende Art des göttlichen Heilens, sondern geschieht nur auf einer anderen Ebene. Jede Gesundung ist ein Wunder, gleichgültig, ob sie in einem Augenblick oder durch einen längeren Prozess geschieht, ob sie durch ein Gebet oder durch Medizin in Gang gesetzt wird. Der Arzt ist also nicht dann an der Reihe, wenn das Gebet «nichts genützt» hat, ebenso wenig ist Gott dann an der Reihe, wenn die Medizin «nichts genützt» hat. Es ist oft eine Frage der inneren Führung, wo der Ansatzpunkt liegt – man kann sich viele Kombinationen von «Gebet und Medizin» vorstellen. So steht in Jesus Sirach 38: «Schätze den Arzt, weil man ihn braucht, denn auch ihn hat Gott erschaffen. Durch Mittel beruhigt der Arzt den Schmerz, damit Gottes Werke nicht aufhören. Zu gegebener Zeit liegt in seiner Hand der Erfolg; denn auch er betet zu Gott.»
3. Gott will heilen, aber er findet niemanden, der Hoffnung auf Heilung hat, der um sie betet oder im Gebet die Arbeit des Arztes unterstützt – oder er findet niemand, der Lebensumstände schafft, welche die Heilung fördern. Manchmal kann Gott auch nicht heilen, weil wir uns auf eine bestimmte Art des göttlichen Eingreifens versteift haben, die Gott nicht gutheissen kann. Es ist tragisch, wenn Gott heilen will, aber keine menschlichen Partner findet.
4. Gott heilt, indem er den Kranken ein für allemal von allen Krankheiten und von allen Sünden befreit und ihn durch das Tor der Ewigkeit führt. Jeder von uns wird einmal den Tod erleben, der für einen Christen die umfassende und endgültige Art der Heilung ist.
5. Gott lässt die Krankheit zu, weil er uns durch sie helfen will, indem er einen anderen Bereich unserer Person heilt. Manchmal können wir dann auch die ursprüngliche Krankheit überwinden, manchmal verliert sie ihre Wichtigkeit angesichts einer viel tiefgreifenderen Veränderung, manchmal wird sie in diesen tieferen Prozess integriert. Das «Nicht-Heilen» ist dann in Wirklichkeit ein Schritt der Heilung, nur auf für uns unerwartete und «unerbetene» Weise.
6. Gott lässt die Krankheit zu, weil er uns durch das Leiden teilhaben lässt an seinem Leiden an der Welt. Paulus gibt diesem Leiden einen doppelten Sinn: «Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden. Wie uns nämlich die Leiden Christi überreich zuteil geworden sind, so wird uns durch Christus auch überreicher Trost zuteil5.» Die Teilhabe am Leiden Christi bringt uns in eine besondere Beziehung zu Gott, der im Zusammenhang dieses Textes als «Vater des Erbarmens» bezeichnet wird. Dadurch wird uns die Gabe zuteil, andere zu trösten. Wer sein Leiden annehmen kann als Anteil am Leiden Christi, trägt insgesamt zur Heilung bei, indem er trösten kann.
7. Gott lässt Dinge geschehen, die wir beim besten Willen nicht verstehen können. Wir erleben, dass wir selbst oder andere Menschen unter ihrer Krankheit, ihrer Schwachheit oder ihrer Sünde zerbrechen. Auch wer Augen für das sehr individuelle Handeln des liebenden Gottes hat, wird immer wieder vor Rätseln stehen. Das Heil in Christus bringt Heilung. Wir dürfen sie erwarten und im Glauben dafür beten. Aber unsere Definition von Wohlbefinden ist für Gott nicht verbindlich. Und seine Wege sind für uns nicht immer erklärbar. Gott liebt uns, aber er ist in seiner Liebe souverän.


1  Quelle: Rufer-Zentrale, D-3370 Seesen 16
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)
2  Joh 14,6
3  Mt 9,35
4  Röm 12,2
5  2 Kor 1,4-5
6  Apg 2,17b
7  1 Kor 12,9
8  1 Kor 12,10c u.a.


Siegfried Grossmann ist ein bekannter Autor theologischer Sachbücher und hat sich in mehreren Büchern mit dem Heiligen Geist und den Charismen beschäftigt.

 

Ein heilender Brief

Wenn wir einem Freund, der uns gekränkt, verletzt hat, einen sehr verärgerten Brief schreiben, sollten wir ihn nicht gleich abschicken, sondern ein paar Tage auf unserem Schreibtisch liegen lassen und ihn mehrmals durchlesen. Danach sollten wir uns fragen: «Bringt dieser Brief mir und meinem Freund Leben? Bringt er Heilung, bringt er einen Segen?»
Wir brauchen nicht totzuschweigen, dass wir uns verletzt fühlen. Wir müssen nicht vor unserem Freund verbergen, dass wir uns beleidigt fühlen. Gleichwohl können wir darauf so reagieren, dass Versöhnung, Heilung und Vergebung möglich sind und eine Tür zu einem neuen Leben offen bleibt. Sollten wir den Eindruck gewinnen, dass unser Brief kein Leben überbringt, sollten wir ihn neu schreiben und mit einem Gebet für unseren Freund auf den Weg bringen.

Berühren
Berühren, immer wieder berühren, lautet die Devise in der wortlosen Welt der Liebe. Als kleine Kinder werden wir viel berührt und gestreichelt, als Erwachsene kaum. Eine freundliche Berührung wirkt aber oft mehr als viele Worte. Ein liebevolles Streicheln unserer Wange, der Arm eines Freundes auf unserer Schulter, das Wegwischen unserer Tränen, ein Kuss auf unsere Stirn sind Gesten, die uns wirklich zu trösten vermögen. Solche Augenblicke des Berührens sind heilig. Sie richten auf, versöhnen, beruhigen, vergeben, heilen.
Alle, die Jesus berührten, und alle, die von Jesus berührt wurden, wurden geheilt. «Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte» (Lk 6,19). Wenn uns ein Freund spontan und ohne von uns Besitz ergreifen zu wollen, liebevoll berührt, ist es Gottes menschgewordene Liebe, die uns berührt, und Gottes Kraft, die uns heilt.

 

Henri Nouwen in: «Leben hier und jetzt»

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