Die Kunst des Redens

Heilsame Kommunikation

Marcus Weiand «Du kapierst aber auch gar nichts!» – Fassungslos stehe ich als junger Erwachsener vor meiner Vorgesetzen. Fieberhaft versuche ich zu verstehen, was diese wütende Reaktion ausgelöst haben könnte. Das «gar nichts» überrollt mich. Ich fühle mich als gesamte Person abgewertet, der man nichts anvertrauen kann. 

 

Es gibt Sätze, die weiss man noch Jahrzehnte später. Oft sind es leider die Sätze, die uns Schmerzen zugefügt haben. Es gibt Menschen, die sehr geschickt darin sind, mit Worten zu schlagen. Man merkt es – womöglich erst zwei oder drei Sätze später –, dass man gerade einen Schlag abbekommen hat. Es gibt aber auch Menschen, deren Worte einfach nur gut tun. Die heilsam sind. Ich bin natürlich sehr viel lieber mit Menschen zusammen, die heilsame Worte finden.

Wahre Liebe
Es stellt sich nun die Frage: Was ist heilsam? Ist es eine Art zu reden, die dem Anderen Unangenehmes erspart – liebevoll, jedoch auf Kosten der Wahrheit? Aber: Trägt das zur Heilung bei? Wir wissen von Arztbesuchen, dass Heilung nicht immer ohne Schmerz geschehen kann: eine Spritze, die Wurzelbehandlung eines Zahns oder nachträgliche Schmerzen, wenn die Betäubung nachlässt. Doch der Schmerz ist auszuhalten, wenn man Vertrauen in den Arzt oder die Ärztin hat und weiss, dass er oder sie das Handwerk versteht.

Heilsame Kommunikation besteht genau aus diesen zwei Komponenten: dem Vertrauen und dem Beherrschen des «Handwerks» oder besser gesagt des «Mundwerks». Eine faszinierende Geschichte über heilsame Kommunikation steht in der Bibel im Johannesevangelium1. Jesus begegnet einer Frau, die in ihrem Dorf nur Kritik hört – wenn überhaupt mit ihr geredet wird. Jesus bittet sie am Brunnen um Wasser. Die Frau ist misstrauisch: «Was soll das werden?» Deswegen sagt Jesus zu ihr: «Wenn du wüsstest, wer vor dir steht, du würdest mich um lebendiges Wasser bitten.» Es entsteht ein Gespräch, in dem die Frau nach und nach merkt, dass dieser Jesus ihr nicht nur nichts Böses will, im Gegenteil, er gibt ihr die Hoffnung, dass ihr verkorkstes Leben wieder in Ordnung kommen kann. Dabei ist Jesus nicht zimperlich und legt den Finger genau in die Wunde. Er spricht an, was nicht in Ordnung ist.

Den Feind lieben
Vertrauen und Können: Beides ist nötig, um Heilsames zu reden. Vertrauen kann dort wachsen, wo es ehrlich um das Wohl des Anderen geht, wo unsere Kommunikation auf der Liebe zum Nächsten aufbaut. Das ist bei denen, die wir lieben, nicht schwierig. Deswegen gelingt die Kommunikation mit Freunden viel leichter. Schwierig ist es bei denen, die uns aufregen, denen wir eigentlich die Pest an den Hals wünschen, weil sie uns verletzt haben oder weil wir denken, dass sie schuld daran sind, dass alles den Bach runtergeht. Aber gerade hier sind Vertrauen und Können wichtig. Vielleicht reden wir dann weniger von Nächstenliebe als von Feindesliebe. Einen der beiden Begriffe benötigen wir, um unsere Kommunikation zu beschreiben.

Wir werden uns dabei mit Themen wie Verantwortung, Wahrheit, Gerechtigkeit, Gnade, Versöhnung und Frieden beschäftigen müssen. Verantwortung fragt danach, ob die Beteiligten an einem Konflikt bereit sind, die Verantwortung für das zu übernehmen, was sie getan oder gesagt haben. Und ob sie bereit sind, so weit wie irgend möglich, sich für eine Wiedergutmachung einzusetzen. Diese Verantwortung benötigt Wahrheit als Basis, damit Licht in die Angelegenheit kommt und Ungerechtigkeit beim Namen genannt und beseitigt werden kann. Verantwortung und Wahrheit benötigen allerdings Gnade und Barmherzigkeit an ihrer Seite.

Heilsame Kommunikation entsteht dort, wo den einzelnen Personen klar wird, dass jeder Mensch zu schlimmen Dingen fähig ist und dass wir eine Gemeinschaft von Sündern sind, die von Gottes und von der gegenseitigen Vergebung leben. Desmond Tutu, Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas, ist angesichts der Grausamkeiten, die er bei den Anhörungen der Kommission mitbekam, davon überzeugt, dass niemand vorhersehen kann, wie er oder sie in ähnlichen Situationen gehandelt hätte. Es ist Tutus Hoffnung, dass Menschen, die sich dessen bewusst sind, mehr und mehr von Gottes Barmherzigkeit erfüllt werden; und dann statt zu hassen und zu verurteilen, darüber trauern, dass einer der geliebten Menschen solches getan hat2. Die (Feindes-)Liebe und nicht der Hass ist es, die Heilsames in eine Beziehung bringt.

Das richtige Mundwerk lernen
Sodann kommt die Frage nach unserm Können. Mit anderen über schwierige Themen zu reden, und zwar auf eine aufbauende Art, das kann man tatsächlich lernen. Wissenschaftler wie Friedemann Schulz von Thun, Autoren wir Marshall Rosenberg mit seiner «Gewaltfreien Kommunikation» haben Modelle entwickelt, die helfen, dass mein Gegenüber besser versteht, was ich fühle, was ich meine und was ich brauche. Und sie helfen zudem, den anderen besser zu verstehen.

Wer also nicht ins Schleudern kommen will beim Versuch, Nächstenliebe und unbequeme Wahrheiten in Einklang zu bringen, wer nicht wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen der Kommunikation alles zerstören will, der muss lernen zu reden und zu verstehen. Das geht mit Hilfe von Büchern und Kursen, aber noch viel eindrucksvoller in der Begegnung mit Menschen, die heilsam reden können. Die Nähe zu solchen Menschen lohnt sich. Es ist Lernen am Vorbild. Und dann ist da noch die Einladung von Jesus: «Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen3

Mein Werkzeugkoffer hat sich im Laufe meines Lebens nur langsam mit Kommunikationswerkzeug gefüllt. In der anfangs beschriebenen Situation hätten mir zusätzliche Werkzeuge helfen können. Ich hätte mich womöglich selbst besser vertreten. Ich hätte besser verstanden, was meine Vorgesetzte so wütend gemacht hat. Möglicherweise wäre daraus ein heilsames Gespräch entstanden, in dem wir beide etwas gelernt hätten und aus dem Vertrauen gewachsen wäre.

 

Weiterführende Literatur

Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur4
Eine Beschreibung, wie Vergebung zwischen Gott und Mensch einerseits und Vergebung zwischen Menschen andererseits zusammenhängen.

Miteinander reden5
Schulz von Thuns Kommunikationsansätze bieten eine fundierte Basis, um neue Kommunikationsformen zu lernen und zu lehren. Besonders bekannt sind:

  • Die vier Seiten einer Nachricht (Selbstaussage, Sachaspekt, Beziehungsaspekt, Appell)
  • Das Wertequadrat
  • Das innere Team


Gewaltfreie Kommunikation6
Dieser Ansatz der «Gewaltfreien Kommunikation» beschreibt eine Möglichkeit, besser zu verstehen, worum es der anderen Person geht und wie ich mich selbst verständlicher machen kann. Beim Hören und beim Reden geht es um folgende Fragen:

  • Worum geht es? (Beobachtung)
  • Was fühle ich/der Andere? (Gefühle)
  • Worum geht es mir/der anderen Person? (Bedürfnisse)
  • Was erbitte ich vom Anderen /was erbittet der Andere von mir? (Bitte).


1   Joh 4
2  Desmond Tutu, No Future Without Forgiveness, Rider, 2000, S. 85
3  Mt 11,28 (EÜ)
4  Volf, Miroslav. «Geben und vergeben in einer gnadenlosen Kultur.» Brunnen, 2012. ISBN 978-3765511851
5  Schulz von Thun, Friedemann. «Miteinander reden 1-4: Störungen und Klärungen. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Das ‚Innere Team‘ und situationsgerechte Kommunikation. Fragen und Antworten.» Rororo, 2014. ISBN 978-3499628757
6  Rosenberg, Marshall. «Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens.» Junfermann, 10. Auflage, 2012. ISBN 978-3873874541


Dr. Marcus Weiand ist Berater und Trainer beim Institut für Konflikttransformation ComPax am Theologischen Seminar Bienenberg.
www.compax.org
marcus.weiand@STOP-SPAM.gmail.com 

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