Heilende Seelsorge

In allem aber leite uns die Hoffnung

Hans-Rudolf Bachmann Der Theologe, Autor und Seelsorger Hans-Rudolf Bachmann hat immer wieder erlebt und beobachtet, wie christliche Seelsorge Menschen heilend verändern kann.

Zu einer Theologie, die nährt und weiterbringt, gehören immer Menschen, die von einer biblischen Wahrheit getroffen, ergriffen und durchdrungen wurden. Leute, bei denen in kleiner Münze das Wort wieder Mensch wird.

Heilung der Theologie
Da ist Peter Rudolf. Ihm habe ich zugehört, damals noch in Seewis1. Er erzählte, wie er als bestens ausgebildeter Theologe im Dienst der Basler Mission nach Afrika ausreiste, um die Christen dort in die Welt europäischer Theologie einzuführen. Kaum hatte er mit seinen Vorlesungen begonnen, suchte ihn einer seiner Studenten auf. Er hatte ein dringendes Anliegen: «Kommen Sie so schnell wie möglich bei uns vorbei! Ich bitte Sie, meine todkranke Mutter nach Jakobus 52 zu salben und mit ihr zu beten.» Peter Rudolf, ganz ehrlich: «Ich erschrak ob dieser Bitte, ob den damit verbundenen Erwartungen. Und ich muss Ihnen gestehen, ich wusste nicht, was in Jakobus 5 zu lesen war. Zudem gab es in meiner Theologie für heutige Zeiten keine Wunder. Doch ich wollte meinen Studenten nicht enttäuschen. Ich zog mich kurz zurück, las den Jakobustext und machte mich auf den Weg. So gut ich es konnte, nahm ich die Salbung vor. Und während dem gemeinsamen Gebet wurde die Frau spontan und völlig geheilt.» Peter Rudolf fügte hinzu: «Und in jenem Moment wurde auch meine Theologie geheilt.»

Könnte es sein, dass in unseren Kirchen und in unserer Gesellschaft zu vieles krankt, weil die Theologie der Kirche krank ist? Weil – wie bei Peter Rudolf – Wunder für heute gemäss theologischer Begründung nicht mehr zu erwarten sind? Weil uns die Welt des Sichtbaren, Mess-baren und Kontrollierbaren derart dominiert, dass die unsichtbare Welt nur noch unwirklich erscheinen kann? Weil Himmel und Erde in uns nicht mehr zusammen-
klingen?

Alles ist Gnade

Da ist David Jaffin. Wie sein Name erahnen lässt, ist er Jude. Nachdem er zum Glauben an Jesus Christus als Messias gefunden hatte, studierte er evangelische Theologie und wirkte als Pfarrer in Deutschland. Er kam öfters nach Seewis. Wenn ihn etwas erschütterte, dann konnte er sehr engagiert auftreten und auch starke Worte wählen, so dass er mich manchmal an den scheltenden Jesus3 erinnerte. Mit grossem Eifer trat er auf gegen Christen, die kumpelhaft mit dem Ewigen umgehen, die nicht mehr ergriffen sind von Gottes Heiligkeit und Souveränität, die meinen, sie hätten ein Recht auf Wunder und – mit Blick auf die Theologen – die meinen, sie könnten Gott in eine ausgeklügelte Systematik pferchen. David Jaffin kam mir vor wie ein Prophet des Volkes Israel, der uns Christen bewusst machen will, wie sehr wir den unfassbar grossen Gott unter vermeintlicher Berufung auf Jesus verniedlicht, gezähmt und verzärtelt haben. Er zeigte uns aber auch, dass wir ganz viele Facetten unseres Lebens nicht mehr mit dem Ewigen zusammen zu schauen vermögen, weil ein nur noch lieblicher Gott uns an vielen Orten enttäuschen, am Glauben irre werden lassen muss. Bei David Jaffin habe ich gelernt, die Psalmen zu lieben, jene Gebete von Menschen, die ihren Gott oft nicht verstehen konnten; die mit ihm rangen und ihm klagten, die auch bereit waren, an Gott zu leiden und die allem Schmerz zum Trotz auf seine Barmherzigkeit hofften und ihn lobten. Auch David Jaffin kannte das konkrete Eingreifen Gottes bei Krankheit und Leiden. Aber Wunder sind immer Gnade – das war ihm wichtig. Wir dürfen darum bitten, aber Gott zwingen, das können und sollen wir nicht.

Es geht um etwas Grösseres
Da ist Traugott Schelker, mein blinder Seelsorger und Weggefährte über Jahre. Er, der Blinde, hat mir die Augen für vieles geöffnet: Er durfte es erleben, dass Menschen Heil und Heilung erfuhren, manchmal unerwartet, als Geschenk, das ihn tief demütig machte. Er hat mir oft gesagt, wie er darunter leide, dass unter Christen nicht mehr Heilungen geschehen. Immer wieder kniete er darum in ernster Selbstprüfung vor Gott. Gerne sprach er aber auch über den Anfang von Johannes 9: «Jesus ging vorüber und sah einen, der blind geboren war. Seine Jünger fragten ihn: ‚Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?’ Jesus antwortete: ‚Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden’.»

Als Blinder hatte er zu diesen Worten eine besondere Beziehung. Er sagte jeweils, nicht ohne den innerlich durchgestandenen Kampf zu verleugnen: «Jenen hat Gott geheilt, auf dass die Werke Gottes offenbar würden. Mich aber hat er vollständig erblinden lassen – auf dass die Werke Gottes offenbar würden.» Dass Gottes Werke und Gottes Herrlichkeit offenbar würden durch sein Leben – das war sein übergeordnetes Ziel, ob dies nun hiess: «Heraus aus dem Leiden» oder ob es bedeutete: «Hindurch durch das Leiden». Wie oft hat er mich zur Ordnung gerufen, wenn ich ungeduldig wurde und Gottes Handeln nur noch als sofortiges und heilendes Eingreifen verstehen wollte: «Hansruedi, wänn nume öppis uselueged fürs Riich vo Gott!» Diese Bemerkung hörte ich nicht immer gleich gerne, erinnerte sie mich doch daran, dass es etwas Wichtigeres gibt, als die Frage, wie es mir geht ...
Wir leben in einer Zeit grossartiger medizinischer Fortschritte, die wir alle gerne in Anspruch nehmen. Unser Schöpfer hat uns Menschen so geschaffen, dass wir wunderbare Fertigkeiten zur gegenseitigen Hilfe entwickeln können! Aber das darf uns nicht dazu verführen, dass wir Leid, Krankheit und Behinderung nur noch als etwas ansehen, das beseitigt werden muss. Ich bin überzeugt, dass durch die Verherrlichung Gottes im Leiden – nicht durch die Verherrlichung des Leidens! – genau so markante Zeichen des Reiches Gottes aufgerichtet werden, wie durch ein Wunder der Heilung. Menschen, die in Liebe und Vertrauen kreuzwärts gehen – sie gehören für mich zum kostbaren Schatz der Kirche und zu ihren besten Lehrern.

Das Gesunde stärken

Und da ist Doris Siegenthaler. Als Leistungssportlerin ist sie zusammengebrochen und hat in einem mühsamen Lernprozess eingeübt, im Umgang mit ihrem Körper Gnade zu praktizieren. In ihren Fitness- und Wellnesskursen berichtet sie davon. Bevor ich ihr zuhörte, hatte ich zwei Fragen, die mich in der Seelsorge immer wieder bewegt hatten: «Ist Krankes zu heilen?» Und: «Ist Leiden zu gestalten?» Im Gespräch mit ihr kam noch eine dritte Frage hinzu: «Ist Gesundes zu stärken?» Alle drei Fragen erinnern an urbiblische Themen. Die dritte greift die Anliegen der alten Weisen und Diätetiker auf, welche die Menschen nicht zuerst lehrten, wie Kranke geheilt werden können, sondern wie die Gesunden gesund bleiben. Da kommen ganz unscheinbare Dinge zur Sprache, aber gerade geistlich gesinnte Menschen brauchen manchmal praktische Hinweise zur Ernährung, zu Arbeit und Ruhe, zu Licht und Luft. Es täte ihnen gut, neben dem Römerbrief auch das Buch der Sprüche zu verkosten …

Der Blick nach vorne
In allem aber – ob wir Heilung erfahren, ob wir vertrauensvoll auf Gott hin leiden oder ob wir zur Gesundheit Sorge tragen – in allem aber leite uns die Hoffnung: «Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. … Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: ,Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein.
Denn was früher war, ist vergangen4.’»

1  Dort war ich während 14 Jahren im Sinnhotel Scesaplana als theolo-
gischer Mitarbeiter engagiert.
2  In Jakobus 5,14.15 werden die Ältesten der Gemeinde aufgefordert, Kranke mit Öl zu salben und für sie zu beten.
3  Vergleiche Matthäus 24
4  Offb 21,1-4


Hans-Rudolf Bachmann, Pfr., geboren 1950, verheiratet mit Kathrin Bachmann-Schaub, vier erwachsene Söhne, gehört zum Dritt-
orden der Kommunität Diakonissenhaus
Riehen und wohnt in Riehen.

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