Schul- oder Alternativmedizin?

Was heilt den Menschen wirklich?

Interview: Fritz Imhof Der Streit zwischen Anhängern der Schulmedizin und den Vertretern alternativer Therapiemethoden ist alt. Der Riehener Psychiater Samuel Pfeifer hat sich an der Diskussion über Jahrzehnte beteiligt und dazu publiziert. Wir wollten wissen, wie er heute mit diesem Spannungsfeld umgeht.

 

Magazin INSIST: Samuel Pfeifer, Sie haben sich zur Frage Alternativmedizin versus Schulmedizin persönlich sehr engagiert. Ist das Thema heute immer noch ein heisses Eisen?
Samuel Pfeifer: In der Tat habe ich in jungen Jahren mein erstes Buch zu dieser Thematik unter dem Titel «Gesundheit um jeden Preis?» veröffentlicht. Ich war fasziniert von den vielfältigen Versprechungen der alternativen Medizin und wollte dieser Richtung näher auf den Grund gehen. Dabei verstand ich mich in erster Linie als medizinisch ausgebildeter Wissenschaftsjournalist, der die Heilsversprechen alternativer Methoden kritisch unter die Lupe nahm und sie mit wissenschaftlichen Studienergebnissen verglich. Schon bald stellte ich fest, dass praktisch alle alternativen Heilungsangebote eng mit esoterischen Vorstellungen verbunden waren, im damaligen christlichen Jargon also «okkulte» Bezüge hatten. Seither sind über 30 Jahre ins Land gezogen und die «Biowelle» sowie die Esoterik sind heute zu in der Gesellschaft breit verankerten Konzepten geworden. Ein wesentlicher Wegbereiter für diese Entwicklung war sicher die alternative Medizin. In christlichen Kreisen ist das Thema nicht mehr so heiss diskutiert. Im Zuge des modernen Pluralismus kam es zu einem Mosaik von konkurrierenden Sichtweisen, die nicht mehr mit dem Eifer der frühen 70er Jahre diskutiert werden.

Wie verläuft die Diskussion heute unter Christen?

Eine soziologische Untersuchung von Dubach und Campiche hat gezeigt, dass sich evangelikal orientierte Christen von liberalen Christen deutlich dadurch unterscheiden, wie sie zu Esoterik und alternativer Heilung stehen. Nach wie vor besteht eine grosse – meiner Meinung nach berechtigte – Skepsis gegenüber den vollmundigen Heilungsversprechen alternativer Anbieter. Gleichzeitig ist es zu einer grundsätzlichen Diskussion gekommen, welche natürlichen Heilmittel als Alternative zur sogenannten Schulmedizin angewendet werden können. Pflanzliche Heilmittel, externe Anwendungen wie Wickel und körperorientierte Techniken der manuellen Medizin werden sorgfältiger abgegrenzt von behaupteten energetischen und mystischen Einflüssen. Zudem ist das damalige von Kurt Koch vertretene Modell der «okkulten Belastung» mit seinen vielen spekulativen Behauptungen relativiert worden, so dass die Beschäftigung mit alternativen und biologischen Heilmethoden nicht mehr an sich als Infektionsquelle für psychische Probleme betrachtet wird.

Wie streiten Schulmediziner und Alternativmediziner heute? Ist es vor allem ein ideologischer oder ein ökonomischer Kampf?
Auf der einen Seite habe ich den Eindruck, dass es sich oft um zwei Welten handelt, die nur wenig miteinander zu tun haben. Die Schulmedizin feiert grosse Erfolge, etwa in der Bekämpfung von Krebs durch neuartige, gentechnische Mittel, welche die Überlebensrate über Jahre vervielfacht haben und die unbestreitbar jeglichen alternativmedizinischen Behauptungen weitgehend überlegen sind. Hier geht es nicht mehr um Ökonomie oder Ideologie, sondern schlichtweg um die Frage, was wirkt besser? Was sind die konkreten Langzeitüberlebensraten? Die alternative Medizin hat verstärkt die Rolle der Komplementärmedizin übernommen. Dabei geht es nicht mehr um ein Entweder-oder sondern um eine Ergänzung der oftmals als kalt und technologisch empfundenen Schulmedizin durch verstärkte Zuwendung, individuelle Sinngebung und naturnahe stärkende Pflanzenextrakte.

Die grösseren Universitäten haben einen Lehrstuhl für Komplementärmedizin eingerichtet, der neben der Wirksamkeitsforschung auch die Frage nach den Bedürfnissen der Patienten im zwischenmenschlichen Bereich beantworten soll. Die Schulmedizin ist etwas kultursensibler geworden und drückt eher einen gewissen Respekt vor traditionellen Heilmethoden aus. Dennoch zeigen wissenschaftliche Doppelblind-Studien bei allen wichtigen komplementärmedizinischen Methoden eine mangelnde wissenschaftliche Nachweisbarkeit, so etwa bei Akupunktur oder der Homöopathie, die immer wieder mit grosser Vehemenz um Anerkennung ringen. Hier ist der Kampf aus meiner Sicht eindeutig ideologisch und oftmals nicht zum Wohl des Patienten.

Sie urteilen heute milder über die Alternativmedizin als in früheren Jahren. Was hat Ihren Meinungsumschwung ausgelöst?
Ich begegne meinen Patienten nicht als kritischer Wissenschaftsjournalist, sondern als Arzt, der versucht, sich in ihr Leiden, in ihre Verzweiflung und in ihre Suche nach Hilfe und Heilung einzufühlen. Da stürmen so viele wohlgemeinte Ratschläge auf sie ein, von Akupunktur bis Reiki, von Homöopathie bis Fussreflexzonenmassage, von «Sozo»1 bis Befreiungsdienst. Sehr oft haben sie diese Methoden bereits angewandt, ohne mit mir Rücksprache zu nehmen. Manchmal haben sie geholfen, manchmal nicht. Auch wenn die Patienten gläubig sind, so ist ihnen zunehmend der spirituelle Hintergrund egal, «wenn es nur hilft». Warum soll ich da mit ihnen streiten und ihnen eine zusätzliche Bürde auferlegen? Die Menschen möchten sich an irgendein Hilfsangebot klammern, ganz egal, ob es wissenschaftlich abgesichert oder spirituell mit ihrem Glauben kompatibel ist.

Allerdings: Ich selbst könnte die alternativmedizinischen Behandlungsangebote nicht in meiner Praxis aktiv vertreten, da bin ich konsequent. Ausnahmen sind einige wenige pflanzliche Heilmittel. Gleichzeitig sind die Berichte meiner Patienten für mich auch ein interessantes Studienobjekt, sozusagen ein Spiegel der sich ständig wandelnden Szene der Alternativmedizin.

Wo ist aus Ihrer Sicht heute der Einsatz von Alternativ- oder Komplementärmedizin angebracht, wo warnen Sie davor?

Ich habe versucht, diese Frage ausführlich in einem Seminarheft unserer Klinik zu beantworten, das auch gratis im Internet heruntergeladen werden kann2. Hier nur so viel: Pflanzliche Mittel in wirksamen Dosierungen sind für mich absolut okay. Zudem auch körperorientierte Methoden, wie etwa Massagen und Umschläge, die eine wohltuende Wirkung haben. Ganz klar warnen würde ich vor esoterischen Methoden und damit vor dem Einbezug von spirituellen Kräften, zudem auch vor vielfältigen Heilmethoden mit obskuren Begründungen und Querbezügen zur Esoterik. Dies gilt sicher zuerst einmal auch für die psychischen Leiden, die ich in meiner Sprechstunde sehe. Ich warne zum Beispiel ausdrücklich davor, mit einer Depression einfach zur Reiki-Therapeutin, zur Kinesiologin oder zum Schamanen zu gehen. Depressionen brauchen eine längere fachliche Begleitung.

Auch bei Krebserkrankungen rate ich dringend von jeglichen Methoden ab, die sich als Alternative zu einer wissenschaftlich überprüften Chemotherapie anpreisen. Oft geht wertvolle Zeit verloren, in der man den Tumor noch rechtzeitig hätte zum Verschwinden bringen können. Die Fortschritte in der medizinischen Onkologie sind derart frappant, dass hier nicht genug vor falschen Alternativen gewarnt werden kann. Etwas Anderes ist es, wenn in späteren, sogenannt palliativen Phasen nur noch das Leiden gemildert werden soll. Hier mag Komplementärmedizin hilfreich sein – wenn auch nicht wirksam im heilenden Sinne.

Konkret zur Homöopathie: Es wird immer wieder gesagt, dass keine Wirkung nachgewiesen werden könne. Weshalb machen denn trotzdem auch viele Christen positive Erfahrungen damit?
Für mich ist die wissenschaftliche Beweislage klar: Es gibt bis heute keine ernst zu nehmenden wissenschaftliche Belege für eine signifikante Wirksamkeit der Homöopathie. Wenn mir ein Arzt ein homöopathisches Mittel empfiehlt, dann weiss ich, dass ich genauso gut Pfefferminztee trinken kann. Im Grunde genommen sagt er mir damit: «Geben Sie Ihrem Körper Zeit, sich zu regenerieren, vertrauen Sie auf Ihre Selbstheilungskräfte, haben Sie keine Angst vor vorübergehenden Symptomen, dieses Leiden wird abklingen, ohne eine spezifische medikamentöse Einwirkung.» Ob ein Mensch in dieser Zeit dann jeden Tag homöopathische Kügelchen nimmt oder nicht, ist völlig zweitrangig. Wie er am Schluss seine Heilung begründet, hängt von der Intensität des Glaubens ab; für mich handelt es sich dabei um die von Gott gegebenen Selbstheilungskräfte, die in vielen Fällen zu einer wunderbaren Wirkung beitragen. Ein Selbstbetrug wäre es allerdings, parallel zu den homöopathischen Mitteln gleichzeitig noch Antibiotika oder andere wirksame Mittel zu nehmen, dann aber den Erfolg den homöopathischen Mitteln zuzuschreiben.

Wie «christlich» ist überhaupt die Schulmedizin?
Das ist eine gute Frage. Wissenschaftliche Systeme neigen oft dazu, überheblich zu werden, Erfolge als Resultat menschlicher Genialität zu feiern und dabei Gott aussen vor zu lassen. Bis heute erlebe ich bei einzelnen Wissenschaftlern immer wieder diese Überheblichkeit und eine einseitige Methodengläubigkeit, die jegliche Transzendenz ausschliesst. Fromme Reden allein machen weder Schulmedizin noch Komplementärmedizin christlich. Wenn es bei schweren Erkrankungen wirklich um die Frage des Überlebens geht, ist eine wissenschaftlich abgesicherte Medizin für mich eine unabdingbare Ergänzung in einer ganzheitlichen Behandlungsstrategie, wie sie auch eine christliche Medizin verfolgen sollte.
Auf der andere Seite gibt es sehr einfühlsame Ärzte, die wissenschaftliche «Schulmedizin» benutzen, sich gleichzeitig aber bewusst sind, dass die komplexe Welt der Schöpfung immer noch viel mehr Fragen aufwirft, als die Wissenschaft je beantworten kann. Der einfühlsame Arzt wird versuchen, sich in die Glaubenswelt seiner Patienten einzufühlen und dennoch diejenigen Mittel anwenden, für die es ausreichende Belege der Wirksamkeit gibt. Somit wird «Schulmedizin» zu einem Instrument, das erst im Sinne einer «Medizin der Person3» die volle Wirksamkeit erreicht.

1  Sozo: eine neue Seelsorgemethode im charismatischen Raum, bei der in einer einzigen Sitzung die Probleme erfasst werden sollen und eine geistgeleitete Prophetie Linderung und Heilung vermitteln soll.
www.seminare-ps.net/ipad/
3  Die «Médecine de la Personne» wurde vom christlichen Arzt und Psychologen Paul Tournier entwickelt; sie nimmt den Menschen in seiner Ganzheit ernst

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