Architektur

Kirchen der Zukunft

Anne-Lise Diserens In der Stadt Zürich1 ist unter den 34 Kirchgemeinden und 47 Kirchen ein Reformprozess im Gange. Die Mitglieder der reformierten Kirchgemeinden haben in den letzten 60 Jahren von ca. 250’000 Mitgliedern auf ca. 90’000 abgenommen. Die Kirchen sind zwar äusserlich nach wie vor durch die Gebäude präsent, verlieren innerlich aber durch den Mitgliederschwund ihren Stellenwert in der Gesellschaft. Es gibt Möglichkeiten, diese Entwicklung inhaltlich und architektonisch kreativ aufzufangen.

Im Herbst 2012 organisierte ich zusammen mit einem Pfarrer unserer reformierten Kirchgemeinde Zürich-Höngg eine Kulturreise nach Hamburg. Dabei besichtigten wir auch die «HafenCity», eines der grössten Bauvorhaben Europas. 12’000 Menschen werden hier wohnen und 40’000 arbeiten. Mittendrin befindet sich das ökumenische Forum «HafenCity».
19 Hamburger Kirchen aus der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen haben diesen Ort geschaffen: von der Evangelisch-Lutherischen Kirche über das Erzbistum Hamburg bis zu den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Entstanden ist seit 2012 ein eindrückliches kombiniertes Kirchen-, Wohn- und Bürogebäude mit innovativer Architektur und einem hohen ökologischen Standard. Das Gebäude ist mit dem Backsteinkreuz und der Bronzeglocke in der gewölbten Fassade schon äusserlich ein Zeichen für geistliches Leben in der «HafenCity».

Zeichenhafte Aktivitäten rund um eine ökumenische Kapelle
In diesem Zentrum wohnt eine ökumenische Hausgemeinschaft – der Laurentiuskonvent – und gestaltet einen Ort des Gebets und der Gastfreundschaft. Seine Mitglieder engagieren sich im konziliaren Prozess für «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung». Das Weltcafé «ElbFaire» lädt mit seinem bio-fairen Angebot zum Verweilen ein; zum Gebäude gehören auch Seminarräume.
Das Herzstück bildet aber die wunderbar gestaltete ökumenische Kapelle mit Symbolen der verschiedenen christlichen Konfessionen: Texte aus der Bibel, Ikonen, Tabernakel u.a. Die Kirchen sind hier gemeinsam präsent und erinnern die Menschen an Gottes Gegenwart. In einem Umfeld, das von Konsum und Geschäftigkeit geprägt ist, geben sie den Wünschen, Ängsten und Hoffnungen Raum, die über das Sichtbare und Machbare hinausgehen. So zeigt die Kirche am Zukunftsstandort «HafenCity» mit diesem Forum ihre Zukunftsfähigkeit mit einem ökumenischen Gesicht.
Was für ein Zeichen nach aussen, wenn sich so viele verschiedene christliche Denominationen zu einem solchen Projekt zusammen-schliessen2! Es hat mich tief beeindruckt und mit Hoffnung erfüllt. «Die wichtigste Aufgabe der Kirchen in Europa ist es, gemeinsam das Evangelium durch Wort und Tat für das Heil aller Menschen zu verkünden», steht in einem ökumenischen Grundsatzpapier3. Das wird hier vorbildlich gelebt.

Die Menschen zeitgemäss ansprechen
Und in Zürich? Im dynamischen Stadtteil Zürich West wird die katholische Paulusakademie bald ein neues Gebäude beziehen4. Daran beteiligt sich auch das Zürcher Lehrhaus, eine Stiftung, die sich dem Dialog zwischen Christentum, Judentum und Islam widmet5. Die Reformierte Kirche ist leider nicht dabei, was ich als eine verpasste Chance empfinde.
Unter anderem bedingt durch die vielen elektronischen Kommunikationsmittel, den Pluralismus, den Individualismus, die Beschleunigung und die Globalisierung leben wir in Europa in einer Zeit, die stark von einem gesellschaftlichen Wandel geprägt ist. Die Kirchen sind von diesem rasanten Wandel mitbetroffen. Darum braucht es kreative Ideen – wie zum Beispiel das ökumenische Forum von Hamburg oder das Projekt der Paulusakademie in Zürich –, mit denen Menschen dieser neuen, aufstrebenden Stadtquartiere angesprochen werden können.
In der (Kirchen-)Geschichte gab es zu allen Zeiten Kirchen und christliche Bildungszentren, die der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und Architekturauffassung entsprochen haben. So bin ich zuversichtlich, dass in Zukunft vermehrt solche innovativen Kirchenprojekte entstehen werden.

1  inkl. Oberengstringen
www.oekumenisches-forum-hafencity.de
3  Charta Oecumenica II.2
www.paulus-akademie.ch >Neubau Zürich West
www.lehrhaus.ch

 

Anne-Lise Diserens ist dipl. Arch. ETH, VBG Mit-arbeiterin, Architektur-vermittlerin und Organisatorin von Kulturreisen.

anne-lise.diserens@STOP-SPAM.vbg.net

www.atour.ch

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