Kirchen

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Peter Schmid Im helvetischen Sonderfall im Herzen Europas läuft einiges aus dem Ruder. Volksinitiativen haben mit Problemanzeigen Mehrheiten erzielt. Wie reagieren Christen auf die Emotionalisierung des öffentlichen Lebens?

Lange sahen die Schweizer dem Treiben von Bankern und Managern und dem Zögern der Politiker zu. Der Unmut verhalf der Minder-Initiative zum Triumph. Am 9. Februar folgte ein weiteres Ja – zu einer Initiative, die viel einschneidendere Folgen hat, indem sie den Platz der Schweiz in Europa gefährdet. Irritiert durch den Zuzug selbstbewusster ausländischer Fachleute und den Hunger der Wirtschaft nach ihnen, alarmiert durch Missstände in Grenzgebieten und das Schönreden der Politiker, haben sich die Schweizer in einem Mix von Unmut und Hochmut – so ist zu befürchten – in den eigenen Fuss geschossen.
Das Hochrechnen der aktuellen Zahlen in die Zukunft – in zehn Jahren würden 800’000 Menschen mehr zwischen Genf und Rorschach wohnen – fordert Taten. Doch zeugt es nicht von Augenmass, die Hodlersche Axt an das bislang gehegte bilaterale Apfelbäumchen zu legen, ohne eine gangbare Alternative zu haben. Den Ausschlag gaben am 9. Februar die Agglomerationen: Denen, die ihren Kindern eine Zukunft eröffnen wollen, gibt die Zuwanderung mehr zu denken als den Singles und Hedonisten in den Grossstädten.

Verunsicherung
Unmut ist ein schlechter Ratgeber. Unsere direkte Demokratie ermöglicht, ihn in ein Ja oder Nein zu münzen – mit weitreichenden Folgen. Die Meinung, dass die EU uns das Weggli geben müsse, ohne den Fünfer zu fordern, zeugt von Selbstüberschätzung. Hausgemachte Anteile am Problem, etwa die tiefe Geburtenrate, werden ausgeblendet. Der Grundsatzdiskussion, was Zuwandernde zur Zukunft der Schweiz beitragen können, ist das nicht förderlich.
Woher der Unmut? Er erwächst aus der Verunsicherung angesichts des Traditionsabbruchs, aus dem Ärger über die Sackgassen und Spannungen, in die uns die Säkularisierung hineingeführt hat. Es gibt heute keinen für alle verbindlichen Rahmen mehr, und Zuwanderer machen die Gesellschaft noch unübersichtlicher. Ist der Unmut auch verbunden mit der Ahnung, dass es so nicht weitergeht?
Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs liegt die Frage nahe, wie der Zeitgeist uns heute blendet, ob auch wir am Abgrund taumeln. Während Zeitschriften wie «Landliebe» Heile-Welt-Nostalgie verbreiten, setzen sich Anwälte des Grenzen-Verwischens und Artisten zügelloser Freiheit in Szene, Fortpflanzungsmediziner, Biotechnologen, Gender-Strategen ...

Mentales Rüstzeug
Unmut kommt durch Unglauben auf; Glauben dagegen lässt Mut wachsen. Schillers Eidgenossen schwören auf dem Rütli: «Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.» Ob Glaube oder Unglaube überwiegen – die Kirchen haben deutlich zu machen, wie wir zusammen leben können, um das mentale Rüstzeug für den Umgang mit dem Unwägbaren bereitzustellen. Angesichts der Emotionalisierung des öffentlichen Lebens ist es an ihnen, Debatten in einen grösseren Rahmen zu stellen und zu versachlichen. Würden sie gehört, wenn sie sich
mit nachvollziehbaren Argumenten prägnant und glaubwürdig-gläubig vernehmen liessen? Ich hoffe es – auch wenn im säkularen Europa viele für fromme Obertöne taub sind.

Gutes zutrauen
Was wäre der christliche Beitrag zum Umgang mit dem Unmut und den Problemen, die ihn nähren? In erster Linie Gemeinschaften und Netzwerke, in denen Menschen einander Gutes zutrauen, weil sie Gott vertrauen. Doch Kirche steht für mehr: Die Hoffnung auf das Reich Gottes macht fähig, weder von einer Igel-Souveränität der Schweiz noch von einem integrierten Europa das Heil zu erwarten. Christus hat Versöhnung gestiftet. Sein Weg motiviert dazu, im Leid der Welt tätig zu werden. Die Liebe Jesu verpflichtet, Menschen über Güter zu stellen; seine selbstbewusste Bescheidenheit weist den Weg zu Mass, Teilen und Verzicht. Der Gott des Bundes fordert von uns, transparent zu handeln und aufs Gemeinwohl zu achten. Daraus wächst Vertrauen.

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW.

peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

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