Medien

Nachrichten haben  eine Geschichte

Thomas Hanimann Dem Nachrichtenjournalismus kommt zunehmend das Gedächtnis abhanden. Mediendatenbanken können aber die Erfahrung des Journalisten nicht ersetzen.


Schnell und zuverlässig informiert zu werden, dieser Anspruch gehört zu unserer Zeit. Unbestritten ist, dass Informationen, die aus journalistischen – das heisst auch irgendwie neutralen – Quellen kommen, unverzichtbar zu einer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft gehören. Da unsere Zeit für das Aufnehmen und Verwerten von Informationen beschränkt ist, werden sie heute auch in der erwünschten Kürze geliefert. Genügen aber 20 Sekunden bis maximal zwei Minuten, um zu verstehen, was auf dem Majdan-Platz in Kiew oder im umkämpften Südsudan geschieht?

Produktion im Eiltempo
Die hauptsächliche Herausforderung für Redaktionen ist längst nicht mehr das Erarbeiten von vertieften Recherchen und Hintergrundgeschichten. Dazu sind weder die Zeit noch die Finanzen vorhanden. Die redaktionelle Arbeit besteht heute vorwiegend im Zusammenstellen eines attraktiven und intelligenten Nachrichten-Mixes. Dieser wird je nach verbleibender Zeit und Lesepublikum noch mit einer Experten- oder eigenen Meinung ergänzt. Die historische Recherche beschränkt sich auf eine Konsultation der Mediendatenbank oder eine Google-Recherche. Damit gehen immer mehr wertvolle Teile des kollektiven Gedächtnisses verloren.

Verlust der Recherche
Das geduldige zeitliche Rückverfolgen von grossen Entwicklungslinien lässt sich allein mit der Mediendatenbank und dem noch jungen Web nicht bewerkstelligen. Darum gibt es in heutigen journalistischen Texten zwar viele Ist-Zustands-Bilder, aber zu wenig tiefere Erklärungen dafür. Das hängt besonders auch mit dem Fehlen von erfahrenen «Recherche-Journalisten» in den Redaktionen zusammen. Diese wurden durch den enormen Informations- und Zeitdruck immer mehr an den Rand gedrängt, oder sie finden ihren Platz in den Redaktionsstuben nicht mehr. Im Zuge der Zeitungskrise, die seit 20 Jahren fast ungebremst voranschreitet, kamen auch die freien – nicht in eine Redaktion eingebundenen – Journalistinnen und Journalisten unter Druck. Ihre recherchierten Beiträge waren für die Redaktion oft zu lang und zu teuer und wurden deshalb aus den Zeitungen gestrichen. Ebenso verheerend war die drastische Reduktion der Korrespondentenstellen am Ort des Geschehens; damit ging dem Journalismus das eigentliche «Ohr» verloren. Die internationale Verknüpfung der Agenturen hat zum Verlust der Vielfalt beigetragen. Die Nachricht ist heute zu einem globalisierten Einheitsprodukt geworden.

Das Geschichtsbewusstsein der biblischen Evangelien
Die Bibel hat vier Evangelien. Geschrieben von vier Autoren, die mit ihrer ganzen Lebenserfahrung auf die Zeit von Jesus zurückblicken oder diese recherchieren. Das ergibt vier Rechercheresultate, vier Sichtweisen. Drei der vier Evangelien beginnen übrigens mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zur Geschichtlichkeit der Ereignisse, das vierte (Johannes) bezieht sich direkt auf das Buch Genesis («am Anfang …») und thematisiert damit gleich zu Beginn «Weltgeschichte». Der Rahmen, den die Evangelisten nutzen, ist also die reflektierte Geschichte, das Einbringen von persönlicher und kollektiver Erfahrung. Doch nun zurück zu unseren Nachrichtenredaktionen.

Erfahrung als Qualitätsmerkmal
Das «Gedächtnis» im Journalismus beginnt allmählich schmerzlich zu fehlen. Mit noch unabsehbaren Folgen. Menschliche Erfahrung zeichnet sich durch einen fortschreitenden Erkenntnisprozess aus, der auf das Gedächtnis, kollektiv oder individuell, zurückgreift. Lebenswirklichkeit verstehen bedeutet auch, diese in eine zeitliche Dimension zu setzen, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft reicht. Journalistische Qualität wird von Journalisten erbracht, die selber einen solchen Erkenntnisprozess durchlaufen. Ein guter Text beinhaltet neben kritischer Analyse auch ein Stück Erfahrung. Dadurch bekommt der Text einen Sinn, der über das Medium auch in die Lebenswirklichkeit des Medienkonsumenten einfliesst.
Nachrichten ohne Erfahrungsqualität landen rasch auf dem Abfall. Bestenfalls genügen Talent und Analysefähigkeit der Journalistin oder des Journalisten, um aus Information etwas Verwertbares entstehen zu lassen. Wo jedoch zusätzlich die Erfahrung und Erkenntnis des Autors einfliessen, können die Nachrichtentexte vom Leser und der Leserin als Nahrung aufgenommen werden. Sie enthalten Sinn.

 

Thomas Hanimann ist Medienbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

thomas.hanimann@STOP-SPAM.insist.ch 

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