Medizin

Religion und Herz – ernsthafte  Kooperationspartner?

René Hefti Können religiöse Lebenshaltungen die Funktion des Herzens, konkret die Herzfrequenz, beeinflussen? Das erweiterte biopsychosoziale Modell1 integriert die spirituelle Dimension in einen biopsychosozialen Kontext und zeigt mögliche Interaktionen auf. Dabei kann Spiritualität direkt mit der «Biologie» interagieren und umgekehrt.

Aufsehen erregte das Buch von Dean Hamer «The God Gene», welches postuliert, dass ein spezifisches Gen, das VMAT2, die Offenheit für spirituelle Erfahrungen reguliert2. Wie lassen sich solche Zusammenhänge verstehen?

Was den Menschen zusammenhält
Im biblischen Kontext haben die Begriffe Person und Persönlichkeit eine zentrale Bedeutung. Sie stehen für die Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott: «Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn3.» Diese Ebenbildlichkeit konstituiert den Menschen in seiner Ganzheit von Leib, Seele und Geist, wie auch in seiner Personalität, welche die drei Bereiche gleichermassen durchdringt und zusammenhält. Inspiriert vom biblischen Menschenbild stellt die «Médicine de la Personne» von Paul Tournier die Person ins Zentrum ihrer Betrachtungen4. Auch Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, versteht die Person als die konstituierende «Grösse» des Menschen5. Gordon Allport, der grosse Persönlichkeitspsychologe, sieht in der Persönlichkeit «die dynamische Ordnung derjenigen psychophysischen Systeme im Individuum, die seine einzigartigen Anpassungen an seine Umwelt bestimmen»6. Psychophysiologische Untersuchungen konnten zeigen, dass Persönlichkeitsfaktoren die Reaktion auf Stress beeinflussen7. Sind also Person und Persönlichkeit vermittelnde Instanzen zwischen der Spiritualität und den drei Dimensionen des biopsychosozialen Modells?

Der Stresstest
In einer aktuellen Studie, die wir in Kooperation mit der Universität Innsbruck8 durchführten, wollten wir wissen, ob die spirituelle Orientierung von 50 Studentinnen und Studenten ihre Stressphysiologie beeinflusst. Die Probanden wurden gebeten, sich einer der folgenden «Spiritualitätsgruppen» zuzuordnen: Atheist, Agnostiker, Distanziert, Religiös, Religiös-Spirituell, Spirituell. Zudem wurden sie einer Stresstestung unterzogen. Sie mussten vor Publikum und laufender Kamera ein Job-Interview abhalten. Dabei wurden Puls und Blutdruck gemessen. Die Ergebnisse für die Herzfrequenz sind in der Grafik dargestellt. Die sechs Gruppen unterschieden sich hinsichtlich ihres Herzfrequenzprofils deutlich (s. Diagramm). Die Spirituellen und die Atheisten zeigten die höchste Reaktivität, das heisst den stärksten Herzfrequenzanstieg in der Stressbelastung und damit die grösste Gesundheitsgefährdung.

Die untrennbare Ganzheit

Die spirituelle Grundhaltung widerspiegelt sich damit im physiologischen Stressprofil, was die Ganzheit und Personalität des Menschen unterstreicht. Der Persönlichkeit kommt dabei eine vermittelnde und gestaltende Rolle zu. Man könnte mit gewisser Berechtigung von der «Religionsphysiologie» des Menschen sprechen, wie sie im erweiterten biopsychosozialen Modell dargestellt ist (siehe Diagramm S. 25 oben).

 

Literatur

  • Allport, G.W. (1959). Persönlichkeit. Struktur, Entwicklung und Erfassung der menschlichen Eigenart (2. Aufl.). Beltz, Meisenheim a. Gl., 1959.
  • Bibbey, A., Carroll, D., Tessa J. Roseboom, T.J., Phillips, A.C., de Rooij, S.R. (2012). Personality and physiological reactions to acute psychological stress. International Journal of Psychophysiology, 2012
  • Hamer, D. (2005). The God Gene: How Faith Is Hardwired Into Our Genes. Anchor Books
  • Frankl, V.E. (1982). Ärztliche Seelsorge. Wien: Franz Deuticke.
  • Hefti, R. (2003). Unser Therapiekonzept. Infomagazin, 5, 12-13.
  • Hefti, R. (2010). Spiritualität – die vierte Dimension oder der vergessene Faktor im biopsychosozialen Modell. Primary Care, 10, 259-260.
  • Hefti, R. (2013). The Extended Biopsychosocial Model: a whole person approach to psychosomatic medicine. Psyche & Geloof, 24, 119-130.
  • Tournier, P. (1983). Médecine de la personne (12. Aufl.). Edition Delachaux et Niestlé.


1  Hefti, 2003, 2010, 2013
2  Hamer, 2005
3  1 Mose 1,27
4  Tournier, 1983
5  Frankl, 1982
6  Allport, 1959
7  Bibbey, 2012
8  Prof. Tatjana Schnell, psychologisches Institut

 

Dr. med. René Hefti, verheiratet, 3 Kinder, ist Chefarzt und ärztlicher Leiter der Klinik SGM in Langenthal.

To top