Transformation

Ein Spaziergang mit Tiefgang

Hanspeter Schmutz Die Werte einer werteorientierten Gemeindeentwicklung beruhen immer auf weltanschaulichen Grundlagen. Eine hervorragende Schatzkammer für solche Werte findet sich in der jüdisch-christlichen Tradition und somit in der Bibel. Trotzdem gehört es nicht zu den vorrangigen Aufgaben eines Gemeinderates, der Bevölkerung biblische Inhalte zu vermitteln. Das ist der Auftrag der Kirche.

Leider verschanzt sich die Kirche mit ihrer Botschaft aber oft hinter ihren Mauern. Das ist schade, weil hier Werte zu finden sind, die jedem Dorf und jeder Stadt gut tun. Ein schönes Beispiel, wie die Kirche mit ihrer Botschaft öffentlich werden kann, ist der Stationenweg in Oberdiessbach1. Er orientiert sich am Vorbild des altkirchlichen Kreuzweges, spannt den Bogen aber weiter über Ostern und Auffahrt bis zu Pfingsten. Eine Wegleitung liefert dabei die theologischen und historisch-geografischen Hintergründe.

12 Stationen, die zu denken geben
Die Orte der zwölf Stationen sind bewusst ausgewählt. Sie knüpfen bei historischen Zusammenhängen im Dorf oder an äusseren Gegebenheiten an. Pro Station gibt es ein Thema mit einem passenden Ausschnitt aus der Bibel. Das Thema wird mit einer je nach Station unterschiedlich gestalteten Hand aus Gips verdeutlicht. Schliesslich verbinden Impulse das Thema mit eigenen Lebenserfahrungen.

Beginn
Der anderthalbstündige Spaziergang beginnt beim Kirchbrunnen. Grund: «Aus diesem Brunnen strömt Quellwasser. Wir sind sozusagen an der Quelle – am Beginn des Stationenweges.» Das Thema der ersten Station «Karfreitag: Andere beschuldigen» wird mit zwei Abschnitten aus der Bibel dokumentiert2. In der Wegleitung gibt es dazu folgende Hintergrundinformationen: «Jesus, das Kind in der weihnächtlichen Krippe, ist erwachsen geworden. Im Alter von 30 Jahren zieht er drei Jahre lang durch Palästina im Gebiet des heutigen Israel. Er erzählt den Leuten, wer Gott ist und wie er handelt. Und er heilt viele Menschen. Seine Zuhörer rätseln darüber, ob er vielleicht der von Gott versprochene Messias ist. Die religiösen Würdenträger der damaligen Zeit stören sich zunehmend am Erfolg ihres Konkurrenten. Sie bringen ihn vor ein geistliches Gericht. Seine Behauptung, er sei Gottes Sohn (und damit selber Gott), ist die schlimmst mögliche Gotteslästerung. Das muss mit dem Tod bestraft werden. Falls seine Behauptung aber stimmt, ist das ein krasses Fehlurteil. Er wird als Gerechter zum Ungerechten gemacht. Da Palästina damals unter römischer Herrschaft steht, können die Israeliten Jesus nicht zum Tod verurteilen. Sie schleppen ihn deshalb vor den römischen Statthalter. Jesus sieht aber nicht aus wie ein politischer Revolutionär. Eigentlich gibt es keinen Grund, ihn zu verurteilen. Pilatus bietet dem aufgewiegelten Volk seine Freilassung an. Dieses zieht aber die Freilassung eines wirklichen Revolutionärs vor – Barabbas. Hier wird der stellvertretende Tod von Jesus bereits angedeutet. Um das Volk ruhig zu stellen, verurteilt Pilatus Jesus zum Tod am Kreuz. Auch nach damaligem römischen Recht ist das ein Fehlurteil. Man findet keine wirkliche Schuld an ihm. Jesus lässt dies alles an sich geschehen, weil er weiss, dass er einen grösseren Auftrag hat.»
Der dazugehörige Impuls heisst: «Hier wird jemand zu Unrecht beschuldigt und verurteilt. Kennen Sie diese Erfahrung aus Ihrem eigenen Leben? Wie haben Sie darauf reagiert?»

Golgatha in Oberdiessbach
Golgatha findet sich am höchsten Punkt des Weges, unterhalb eines grossen Findlings, der einem Schädel ähnlich ist. Dann folgt der Karsamstag – mit seiner tröstlichen Botschaft der Verkündigung im Totenreich3. Die letzte Station – Pfingsten – befindet sich in der Kirche, im Raum der Stille. In Erinnerung an die Handskulpturen unterwegs können die Teilnehmenden hier mit ihrem Fingerabdruck symbolisch Teil des Geschehens werden und in einem aufgelegten Buch ein kurzes Feedback zum Stationenweg geben. In der Wegleitung wird zudem auf einen Glaubenskurs4 verwiesen, der bei den aufgeworfenen Fragen weiterhelfen kann.

1  Er war vom 28.3. bis 17.4.15 aufgestellt und kann seither auf der Website der Kirchgemeinde wenigstens virtuell begangen werden: www.kirche-oberdiessbach.ch
2  Mt 26, 63-66 und 27,22-26
3  1 Petr 3,19
http://www.insist.ch/glaubenskurs.html

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch  

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