Das neue Alter

Das Alter bewusst gestalten

Interview: Fritz Imhof Die Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat sich wie wenig andere Fachleute mit den Fragen rund um das Altern beschäftigt. Wir trafen Sie an der Uni Bern zu einem Gespräch.

 

Magazin INSIST: Gibt es in der Schweiz eine verbreitete gesellschaftliche Angst vor dem Alter und der zukünftigen Masse von alten Menschen?
Pasqualina Perrig-Chiello: Unsere Gesellschaft begegnet dem Alter mit viel Ambivalenz. Zum einen ist man stolz, dass die Schweiz eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit kennt. Zum andern hat man Angst vor den zunehmend höheren Kosten der Altersvorsorge und vor den steigenden Pflegekosten. Wir haben immer noch keine Kultur im Umgang mit dem Alter und dem Prozess des
Alterns entwickelt. Unsere Gesellschaft hat diese Themen verdrängt. Insbesondere die Fragen rund um das hohe Alter sind noch nicht wirklich ausgelotet. Auch wenn die Realitäten in dieser Lebensphase sehr unterschiedlich sind, ist das auch demografisch gesehen eine neue Phase des Lebens. Und es ist eine Lebensphase, die in der Regel mit vielen Herausforderungen verbunden ist. Im hohen Alter wird man zunehmend fragil – man braucht plötzlich Hilfe und Pflege. Das wirkt sich nicht zuletzt auch auf die Generationenbeziehungen aus. Der Umgang mit dieser Lebensphase braucht bewusste Differenzierungen.

Was meinen Sie mit «Differenzierungen»?
Das hohe Alter ist mit vielen Verlusten auf körperlicher und geistiger Ebene verbunden. Andererseits kann man feststellen, dass es in diesem Alter auch zahlreiche positive Dinge gibt. So sind zum Beispiel die Persönlichkeitsentwicklung, die Reifung und das persönliche Wachstum eine Realität, die bis ans Lebensende reicht. Man kann sich auch im hohen Alter neu entdecken und neu definieren. Man kann sich selbst und die eigenen Grenzen neu kennenlernen. Ich denke auch an die Altersweisheit und an das geistige Erbe, das man hinterlassen möchte. Wir leben heute in einer Viergenerationen-Gesellschaft. Und das gibt in den Generationen-Beziehungen neue Möglichkeiten. Es gibt heute nicht nur Jung und Alt. Vieles spielt sich auf einer komplexen Mehr-Generationen-Ebene ab.

Was muss sich in den Köpfen verändern?
Das «Alter» umfasst heute rund drei Jahrzehnte. Viele «Alte» sind noch sehr gesund und leistungsfähig. Alte Menschen bilden eine sehr heterogene Gruppe, in der 90-Jährige so fit sein können wie 65-Jährige und 65-Jährige so vergreist wie 90-Jährige. Daher sind Differenzierungen notwendig.

Wir sprechen heute von den jungen Alten und den alten Alten.
Diese Definition macht Sinn und wird auch wissenschaftlich verwendet. In der Tat sind viele junge Alte noch beruflich aktiv und bringen sich in die Gesellschaft ein. Das tun zwar auch noch viele 80-Jährige, aber für die meisten beginnt hier die Phase der Fragilisierung. Ab 80 steigt der Anteil der Demenzkranken exponenziell. Ebenso die Multimorbidität1. Man kann diese Unterscheidung machen, wenn auch im Bewusstsein, dass es hier grosse Schwankungen gibt.

Die jungen Alten nehmen ja auch noch viele Aufgaben in Beruf und Familie wahr, zum Beispiel als engagierte Grosseltern ...
Ja, auch in der Freiwilligenarbeit. Es gibt das Vorurteil, dass die «Babyboomer»2 durchwegs Egomanen seien, die nur an sich, an Reisen und ein angenehmes Leben denken. Es gibt zwar junge Alte mit dieser Einstellung. Die Mehrheit ist aber familial und gesellschaftlich engagiert. Sie hüten ihre Enkelkinder, pflegen die betagten Eltern und engagieren sich häufig noch in Vereinen. Diese Generation trägt noch sehr stark mit. Männer engagieren sich vermehrt in der institutionellen Freiwilligenarbeit, Frauen eher in der informellen, also in der Nachbarschaftshilfe oder innerhalb der Familie. Viele helfen in gemeinnützigen Organisationen wie etwa Pro Senectute mit, die für die hilfsbedürftigen Älteren da sind.

Wie kann die öffentliche Wahrnehmung dieses Einsatzes verbessert werden?
Es ist tatsächlich eine Frage der Wahrnehmung und der mangelnden Wertschätzung. Ich erkläre es mir so: Das Alter ist vor allem weiblich. Viele Frauen aus der Babyboomer-Generation aber sind sich nicht gewohnt, sich in den Vordergrund zu schieben und über ihre Leistungen zu reden. Aber auch Männer erachten es als selbstverständlich, die eigene Mutter oder die Enkel zu betreuen. Aus Liebe oder einfach aus Pflichtgefühl. Wir müssen aber heute anerkennen, dass ihre Tätigkeit auch einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert hat. Und wir müssen vermehrt darüber reden, denn diese Leistungen werden künftig wohl keine Selbstverständlichkeit mehr sein. Sie sind weit mehr als eine Privatangelegenheit. Männer könnten sich dazu besser artikulieren. Aber auch die Frauen müssten sich vermehrt des gesellschaftlichen Wertes ihrer Tätigkeit bewusst sein und beginnen, darüber zu sprechen. Es gibt Bemühungen in diese Richtung wie etwa die «Grossmütter-Revolution», die vom Migros-Kulturprozent unterstützt wird3. Dieses Netzwerk setzt sich ein für ein neues Rollenverständnis älterer Frauen und somit für eine bessere Sichtbarkeit ihrer Arbeit in der Gesellschaft. Vor 15 Jahren war etwa die Pflege betagter Angehöriger durch ihre Töchter nur ein Insiderthema. Heute ist die Notwendigkeit ihrer Entlastung auch auf Bundesebene ein wichtiges Postulat geworden. Es brauchte viel politische Vorarbeit auf verschiedensten Ebenen und vor allem auch eine Forschung, welche die Fakten dazu erarbeitet.

 

Was kann und müsste die Politik tun?
Diese Themen müssen bereits in den Gemeinden aufgegriffen werden. Hier können zum Beispiel flächendeckende Angebote zur Entlastung von pflegenden Angehörigen aufgegleist und koordiniert werden. Aber auch auf kantonaler und auf Bundesebene sowie in der Arbeitswelt sind Lösungen gefragt, die zeigen, wie pflegende Angehörige Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können. Viel kann auch durch gemeinnützige Institutionen geleistet werden. Aber es braucht auch hier neue Lösungen. Viele Frauen werden diese Arbeit in Zukunft nicht mehr übernehmen wollen. Und viele Pflegebedürftige werden keine Angehörigen mehr haben, die sie pflegen – sei es, weil sie kinderlos sind oder weil ihre Kinder aufgrund ihrer familialen oder beruflichen Situation die Pflege nicht übernehmen können.

Wer soll die alten Menschen pflegen, wenn sie Pflege brauchen?

Das Pflegeheim ist heute die Option – wenn es anders nicht mehr geht. Oft helfen Angehörige in der Pflege mit, oder Partner, Kinder, zuweilen auch Verwandte. Doch sie stossen an Grenzen. Viele können zwar in alltäglichen Dingen helfen, aber die eigentliche Pflege nicht übernehmen. Dafür sind die ambulanten Pflegedienste immer effizienter geworden. Das System muss aber noch flexibler werden. Heute entscheiden sich viele rechtzeitig, in eine Alters-WG, eine andere alternative Wohnform oder in ein Pflegeheim zu wechseln. Andere bevorzugen das betreute Wohnen zuhause. Vieles haben wir selbst in der Hand!

Braucht es neue Netzwerke?
Ja! Ich denke an Wahlverwandtschaften, Freundschaften, kommunale Angebote, Nachbarschafts- und Quartierhilfe, neue Wohnformen – und an den Ausbau der ambulanten Dienste. Die Wünsche der älteren Menschen sind heute sehr unterschiedlich. In dieser Hinsicht tut sich zur Zeit Vieles.

Wie kann das Älterwerden in Würde geschehen?
Alter ist nicht einfach ein Schicksal, es ist biografisch bedingt. Das Alter ist das Ergebnis des Lebensstils früherer Jahre. Unsere Generation hat es in der Hand, die späteren Lebensphasen gut aufzugleisen. Frühere Generationen sind da einfach hineingeschlittert. Wir sollten die Fragen rund um das Alter nicht auf später verschieben. Schon in jüngeren Jahren sollten wir uns ganz bewusst mit unserer weiteren Entwicklung auseinandersetzen. Spätestens im Alter von 50 Jahren müssen wir uns klar werden, wo wir stehen und wo wir hinwollen. Wir sind Baumeister unserer eigenen Lebensentwürfe und nicht ein Spielball der Gesellschaft. Um die richtigen Wohnmöglichkeiten zu finden, dürfen wir nicht bis 80 warten. Den Frauen sollte bewusst sein, dass sie eines Tages mit grosser Wahrscheinlichkeit ohne Partner weiterleben werden. Zu unserer Verantwortung gehört auch, darauf zu achten, dass wir möglichst lange gesund, aktiv und mobil bleiben. Ohne uns dabei in einen Aktivismus zu stürzen. Wir brauchen ein Leben lang Stimulation, und das auch geistig. Wir sind verantwortlich für unser Leben und müssen uns die guten Antworten selbst geben.
Das entbindet die Politik nicht davor, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Schweiz steht hier vergleichsweise gut da. Und: Viele müssen lernen, Hilfe zu suchen und anzunehmen, ohne dies als Makel zu empfinden. Es kann auch ein Zeichen der Stärke sein!

Auch für Paare ist das gemeinsame Altwerden oft eine Herausforderung.

Ja. Zur Zeit arbeiten wir an einem Forschungsprojekt, das der Frage nachgeht, wie Paare viele Jahre miteinander unterwegs sein können. Und unter welchen Umständen sie dabei glücklich bleiben. Es gib einen Trend zu späten Scheidungen – auch nach 30 und mehr Jahren Ehe. Zum einen geschieht dies aufgrund der längeren Lebenserwartung: Die vielen potenziellen gemeinsamen Jahre sind eine noch nie dagewesene Herausforderung. Zum andern aufgrund des Wertewandels: Man betont den Individualismus und das Recht auf das persönliche Glück. Wir haben über 1000 langjährig Verheiratete befragt. Darunter waren viele Paare, die nicht glücklich in ihrer Beziehung sind. Aber eine Mehrheit von über 50% bezeichnet sich als glücklich. Es sind Paare, die gelernt haben, dass Partnerschaft immer wieder neu definiert werden muss. Und dass die Gleichung «Einmal Liebe – immer Liebe» nicht stimmt. Und dass eine Partnerschaft immer wieder erprobt wird. Und dass man die Flinte nicht gleich ins Korn werfen sollte, wenn ein Problem auftaucht. Beim Entschluss, Krisen miteinander durch-zustehen, geht es auch um eine Werthaltung. Viele langjährig Verheiratete glauben an die Institution «Ehe», das hat auch mit Religiosität zu tun. Geschiedene etwa bezeichnen sich hoch signifikant weniger als religiös.

Sind die von der Ehe Überzeugten auch eher bereit, an der Beziehung zu arbeiten?
Ja, soweit die Bedingungen gut sind. Wenn Probleme wie Alkoholismus oder häusliche Gewalt da sind, wird es schwieriger. Andererseits muss Leuten, die auf das Recht zum eigenen Glück pochen, die Frage gestellt werden, was ihnen Werte wie Treue oder Solidarität bedeuten. Werthaltungen werden heute wieder wichtiger, zum Beispiel auch in Firmen. Es hat sich gezeigt, dass eben nicht «alles geht».
Weshalb bleiben viele alte Menschen lieber allein, statt sich eine neue Partnerschaft oder eine Wohngemeinschaft zu suchen?
Einsamkeit im Alter ist ein grosses Thema und eine grosse Herausforderung. Vor allem für Frauen. Die Partnerschafts-Plattformen im Internet sind überschwemmt von jungen Alten. Das ist ein riesiger Markt. Männer haben es leichter, auch junge Partnerinnen zu finden. Unsere Befragungen zeigen, dass viele ältere Frauen gerne wieder eine Partnerschaft eingehen möchten – aber nicht um jeden Preis. Andere bleiben gerne allein. Die Einsamkeit nimmt zwar im Alter zu, sie ist aber auch ein Problem für viele Junge. Alternative Lebens- und Wohnformen werden zunehmen, dafür sprechen viele Indikatoren. Eine Minderheit lebt aber allein und ist damit sehr verwundbar. Da hat die Gesellschaft noch eine grosse Aufgabe. Denn Einsamkeit geht in der Regel einher mit Depressionen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch und mit früherem Sterben. Viele gemeinnützige Organisationen haben das erkannt und entsprechende Angebote erarbeitet.

Es gibt auch den Trend, dass Paare viel Zeit miteinander verbringen, aber allein wohnen.
Ja, und er hat einen Namen: «Living apart together». Männer ziehen zwar eine neue Partnerschaft unter dem gleichen Dach vor. Doch für viele Frauen ist ein gemeinsamer Haushalt nicht mehr die erste Wahl – viele möchten einfach einen Partner für die Freizeit. Mir sagte mal eine ältere Frau: «Der Sonntag ist das Schlimmste.» Denn am Sonntag ist Familientag, und da bleiben die Alleinstehenden oft aussen vor. Doch viele verstehen es, sich zu organisieren. Überhaupt stelle ich fest, dass unter der jüngeren Generation der alten Menschen der Wunsch zunimmt, die Rahmenbedingungen für ein gutes Altern mitzudefinieren und mitzugestalten. Das ist gut so und gibt Anlass zur Hoffnung!

1  Das Leiden an mehreren Krankheiten, die zum Tode führen können.
2  die kurz nach dem 2. Weltkrieg Geborenen
www.grossmuetter.ch/de/ueber_uns/grossmuetterrevolution/

 

Die Spanne des Lebens

Prof. Dr. Pasqualina Perrig-Chiello ist seit 2003 Professorin an der Universität Bern mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Sie hat zudem Lehraufträge an den Universitäten Lissabon, Frankfurt a.M., Saarbrücken, Fribourg und Basel. Ihre Forschungsaufenthalte führten sie an die University of Colorado in Boulder (USA) und an die Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind das Wohlbefinden und die Gesundheit über die Lebensspanne, familiäre Generationenbeziehungen, biographische Übergänge und kritische Lebensereignisse im mittleren und höheren Lebensalter (Scheidung, Verwitwung), Vulnerabilität1 und Resilienz2.

 

Von 2004–2012 war sie Mitglied des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds. Sie leitete und koordinierte verschiedene Forschungsprojekte des Nationalfonds sowie ein nationales Forschungsprogramm zu Generationenbeziehungen. Pasqualina Perrig-Chiello ist ausserdem Autorin zahlreicher Publikationen.
www.entwicklung.psy.unibe.ch/ >Team >Prof. Pasqualina Perrig-Chiello


1 Verletzbarkeit
2 psychische Widerstandsfähigkeit

 

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