Umgang mit dem Alter

Das Alter lieben lernen

Markus Müller Die glücklichsten Menschen sind jene zwischen 65 und 75. So sagen es zumindest einige Statistiken. Umgekehrt laden andere Untersuchungen und gewisse Reizworte nicht gerade dazu ein, älter zu werden. Rund 50% der jetzt 60-Jährigen dürften in einer späteren Phase ihres Lebens von langdauernden Demenzerkrankungen betroffen sein. Man redet vom Altersdrama, von leeren Sozialkassen, vom Krieg der Generationen, vom Mammutaltersheim Europa und von der wie ein Krokodil zuschnappenden Altersfalle. Es ist irgendwie nachvollziehbar, wenn Reimer Gronemeyer ein Buch schreibt mit dem Titel «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann».

 
Ich selber habe seit rund drei Jahren das einzigartige Vorrecht, mit alten, sehr alten und sterbenden Menschen zusammenarbeiten und mehr oder weniger nahe mit ihnen zusammenleben zu dürfen. Jeder Tag ist ein neues Abenteuer mit dem, was wir «das Alter» nennen. Im Folgenden beschreibe ich fünf Beobachtungen im Zusammenhang mit dieser Lebensphase und ziehe daraus einige Schlussfolgerungen für heutige Verantwortungsträger in Schule, Wirtschaft und Politik. Schliesslich benenne ich fünf Themen, die meines Erachtens insbesondere unter Christen künftig mit sehr viel mehr Leidenschaft bearbeitet werden sollten.

Fünf Beobachtungen zum Alter
Beobachtung 1: Im Alter zeigt sich, was in einer Person angelegt ist.
Im Alter entfallen viele äussere und innere Kontrollmechanismen: Der Auftritt als sehr dominanter und alles kontrollierender Mann lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten; innerlich sind es Hemmungen, die nicht mehr greifen, ein übermässig strenges Gewissen oder ein Rollenverständnis, das plötzlich entwicklungsbedingt seine Macht verliert. Fazit: Es ist richtig schön zu sehen, wie eine früher sehr kontrollierte Frau plötzlich ungehindert Freude an der Volksmusik zeigen kann; und richtig erschreckend, wenn ein Mann, der früher viel von Friede gesprochen hat, plötzlich seine Umgebung tyrannisiert.
Der Merksatz dazu: Was sich eine Person während 50 oder 70 Jahren gewollt und ungewollt angeeignet hat, bricht sich jetzt, wenn die Kontrollinstanzen fallen, Bahn. Erfreulich und erschreckend zugleich.

Beobachtung 2: Vergangenheit hat Wucht.
Die Bilder, die auf dem Nachttisch und Schreibtisch alter Menschen stehen, sind schön. Ich pflege die Frage zu stellen, was der Bewohner mit diesen Bildern verbindet. Und es ist unglaublich, was die Menschen dann preisgeben. Ein Mann sagt zum Porträt seines Kindes, «da sei es mit seinem Sohn noch gut gewesen». Seit 15 Jahren weiss er nicht mehr, wo sich der Sohn nach der Trennung von seiner Frau aufhält. Eine Frau erzählt, wie Bauernmalerei ihr immer wieder Ausgleich zur harten Familienwirklichkeit gegeben habe. Das Beunruhigende: Bei diesen Bildern werden nicht nur schöne Erinnerungen wach, vielmehr meldet sich mit aller Wucht auch der Beziehungsballast, alles Unversöhnte und Unverarbeitete. Die Folge kann darin bestehen, dass sich jemand der Herausforderung Zukunft – vor und nach dem Tod – nicht zu stellen vermag.
Der Merksatz dazu lautet: Unverarbeitete Vergangenheit verhindert Hoffnung für künftiges Leben – vor dem Tod und nach dem Tod.

Beobachtung 3: Zukunft entscheidet über Gegenwart.
Wer kein sinniges Bild von Zukunft hat, tut Unsinniges in der Gegenwart. Dies gilt manchmal für unser ganzes Denken rund um die Altersversorgung. Es gilt aber ganz besonders für einzelne Personen in ihrer zunehmenden Gebrechlichkeit und Schwäche. Es scheint, dass wir von einem Wahn der «Gegenwartsoptimierung» befallen sind. Der Run zu Sterbehilfeorganisationen ist ein typisches Symptom für eine gegenwartsverhaftete Gesellschaft.
In einem Merksatz ausgedrückt: Wer gelingende Gegenwart will, muss ein Bild sinnstiftender Zukunft haben – als betroffener Mensch wie auch als im Altersbereich engagierte Person.

Beobachtung 4: Nicht Können, Geleistetes, Besitz oder Ansehen entscheiden über Frieden im Sterben, sondern Stärke und Gepflegtheit des inneren Menschen.

Spätestens im Alter zeigt sich, wie das Innere eines Menschen aussieht. Wer kennt sie nicht: die dankbaren, vertrauensvollen und zuversichtlichen Menschen? Und wer kennt die anderen nicht: die verbitterten, mürrischen, vorwurfsvollen Personen, die uns das Leben schwer machen? Es ist eine Wohltat, wenn ein alter und gebrechlicher Mensch weiss, wer er ist und worauf es im Letzten ankommt. Der Apostel Paulus hält fest: «Deshalb werden wir nicht mutlos, sondern wenn auch unser äusserer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert1.» Es scheint so etwas wie eine ablaufende und eine anlaufende Geschichte im Leben eines Menschen zu geben. Glücklich jener Mensch, der einen Blick auf das Innere und die anlaufende Geschichte hat.
Der Merksatz heisst: Ein gut genährter innerer Mensch lebt von der Hoffnung auf die anlaufende Geschichte und relativiert die laute Sprache des äusseren Menschen.

Beobachtung 5: Im Alter wird deutlich, was Menschsein eigentlich ist.
Ein hochbetagter, vielleicht pflegebedürftiger Mensch ist – welch ein Schreckgespinst in der Moderne – gekennzeichnet von Schwäche und Abhängigkeit. Wer einen glücklichen Menschen in dieser Bedürftigkeit sieht, muss sich ehrlicherweise fragen: Haben wir uns in unserem «Projekt Moderne» nicht getäuscht, wenn wir meinten, das Höchste für uns Menschen sei die Autonomie und Nicht-Bedürftigkeit? Es ist eigenartig, dass wir Abhängigkeiten nicht auch als Chance der Erfüllung und Schwäche nicht auch als Chance zu wahrem Menschsein erkennen. Die Bibel lehrt, dass Gottes Kraft in den Schwachen – nicht in den Starken und Autonomen – mächtig ist2.
Der Merksatz: Das Eigentliche des Menschseins ereignet sich nicht in Leistungsbrillanz und Unabhängigkeit, sondern in Begrenztheit und Angewiesenheit auf andere, im Angewiesensein auf das «Du», wie Martin Buber sagt.

Was Verantwortungsträger lernen können und sollten
Wenn die genannten Beobachtungen stimmen, dann sollten wir als gesellschaftliche Verantwortungsträger – als Lehrer, Ärzte, Vorgesetzte, Künstler, Politiker, … – das Potenzial nutzen, das uns ältere Menschen bewusst und unbewusst lehren. Entweder ist das Alter unser Lehrmeister im 21. Jahrhundert – oder wir schaffen es nicht, das 21. Jahrhundert zu bewältigen. Dabei sollten uns Grundüberzeugungen leiten wie: Unsere Schulen, Krankenhäuser, Kirchen, Ratshäuser sind Räume und Orte, an denen sich alle Aktivitäten der Gegenwart an einem Bild der Zukunft orientieren. Und: Unsere Aufgabe als Bildungs- und Führungspersonen besteht darin, eine Kultur zu leben, in der hinter allem Äusseren die Innenseite des Lebens gesehen wird.
Wie kann eine solche Kultur geschaffen, und wie können solche Lebensräume gestaltet werden? Dazu einige Beispiele.

Beispiel A: Die beiden Seiten des Lebens einüben
Wenn Alter mit «Nicht-mehr-Können», mit Schwäche und Bedürftigkeit zu tun hat, dann muss ich einen Raum schaffen, in dem schon früh im Leben gelernt wird, wie mit Erfolg und Misserfolg, Leistung und Scheitern, Anerkennung und Ablehnung, Selbstbestimmung und Fremdbestimmung achtsam und konstruktiv umgegangen werden kann. Misserfolg, Scheitern, Ablehnung sind allgegenwärtige Wirklichkeiten; wir sollten sie deshalb nicht verleugnen und verdrängen, sondern als Chance begreifen. Dies ist die Hohe Schule der Bildung und Führung. Begleitende und führende Menschen sollten Identitätsstifter, Lebensförderer, Originalitätsliebhaber sein, niemals nur Lebensbeurteiler und Schiedsrichter.

Beispiel B: Lust auf Zukunft machen
Bildungs- und Führungspersonen sind Menschen, die Lust auf Zukunft haben und machen. Weil Gott ein Gott der Zukunft ist, sind Christen Anwälte der Zukunft und lassen die Melodie der Zukunft erklingen – in Erfolg und Misserfolg, Leistung und Scheitern, Anerkennung und Ablehnung, Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Zukunft ist der Ort, von dem her sicht- und hörbar ist, was Leben lebenswert macht. Das zeigt sich etwa im Buch Jesaja. Der alttestamentliche Prophet «schaute das Wort» und wurde darin zum unübertrefflichen Hoffnungsstifter auch für das 21. Jahrhundert. Solches ist nicht Flucht in Ewigkeitsgedanken, sondern pure Voraussetzung, um mündig die Gegenwart bewältigen zu können.

Beispiel C: Den inneren Menschen fördern
Lehr- und Führungspersonen sollten durch die äussere Schale des Menschen den «inneren Menschen» sehen können. Sie sollten zum Bebauer und Gärtner des inneren Menschen – dem Menschen des Vertrauens, der Dankbarkeit und der Zuversicht – werden. Sie sollten wissen, was den inneren Menschen nährt. Und zum Denken und Schauen mit dem Herzen anleiten.
Wer hier Spuren im Menschen legt, legt Spuren zu liebenswertem Alter. Und wer hier Liebe zum Alter schafft, der trägt dazu bei, dass ältere Menschen nicht zur Last, sondern zur Hilfe in der Gestaltung des 21. Jahrhunderts werden. Das wiederum ist buchstäblich not-wendig.

Fünf Themen, die wir leidenschaftlich vertiefen sollten
Wenn ich täglich mit älteren und alten Menschen zusammen bin, dann merke ich, dass mir in klassischen Dingen viel Hilfe – u.a. durch Weiterbildung, Literatur – gegeben wird, etwa in den Bereichen Zuhören, Bedürfnisse erkennen, das Wohlbefinden steigern, im richtigen Moment zur Seite zu stehen. Weniger Hilfe bekomme ich beispielsweise in den folgenden fünf Themen:

1. Den Tod verstehen
Die Speerspitze des Evangeliums besteht darin, dass der Tod besiegt ist. Ich werde also am Ende des Lebens nicht vom Tod verschlungen, sondern – stets vorausgesetzt, dass ich das so wollte – ein letztes Mal vom Tod «gekratzt», verunstaltet und durch möglicherweise allergrösste Nöte geschleift. Doch dies ist der letzte Zugriff des Todes auf mein Leben. Mir wartet – welch eine Aussicht – das Leben, in dem es keinen Tod, keinen Schmerz und keine Tränen mehr gibt3. Ich ringe darum, wie ich Menschen dieses Verständnis von Tod lieb machen kann. Und ich glaube, dass es vor diesem Hintergrund eine Art Versöhnung mit Leiden, Schmerz, Gebrechlichkeit, Abhängigkeit, Schwäche und letztlich auch mit dem Tod gibt.

2. Zukunft richtet die Gegenwart aus
Um ehrlich zu sein: Ich fühle mich des öftern von Theologen im Stich gelassen, wenn es um die Gestaltung der Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft geht. Ich weiss, dass man Christen den Vorwurf der Weltflucht gemacht hat. Ich aber würde meinen: Heute gehört eher der Vorwurf der Gegenwartsversessenheit zur Tagesordnung. Die christliche Hoffnung ist wie ein roter Teppich, der uns von der Zukunft her ausgerollt worden ist. Hoffnung ist das kostbarste Produkt im 21. Jahrhundert – für einzelne alte Menschen genauso wie für einzelne Gemeinden und Gemeinschaften sowie für unsere gesamte abendländisch-westliche Gesellschaft.

 

3. Anlaufende statt ablaufende Geschichte
Prof. Hans-Joachim Eckstein unterscheidet die ablaufende von der anlaufenden Geschichte. Viktor Frankl, der Begründer der «Logotherapie», in deren Mitte die Sinnstiftung steht, hat vom Gesetz der entgegengesetzten Entwicklungsdynamik gesprochen. Ich glaube, dass wir innerhalb einer soliden Arbeit mit älteren Menschen genau an dieser Stelle wesentlich mehr Klarheit gewinnen sollten, ganz nach dem Motto von Fritz Rienecker: «Das Schönste kommt noch4».

4. Die Entwicklungsphasen ernst nehmen
Es ist schön, wenn Eltern kleiner Kinder jeden Monat
voller Stolz feststellen können, wie sich ihr Sprössling phasengerecht entwickelt hat. Nur schade, dass es kaum Überlegungen gibt zu den entsprechenden Lebensphasen im Alter. In Anlehnung an Romano Guardini würde ich folgende Phasen im Erwachsenenalter unterscheiden: Der mündige Mensch (im Alter von 30/50) – der reife Mensch (bis 50/60) – der weise Mensch (bis 70/90) – der erfüllte (hochbetagte) Mensch (ab 70) und der hinnehmende (greise) Mensch (in der mehr oder weniger totalen Abhängigkeit). Über solche Phasen Bescheid zu wissen und entsprechend Menschen zu begleiten, ist ein einzigartiges Vorrecht.

5. Gut vom Alter reden: Es ist nicht Abstieg, sondern Repräsentanz von Leben und Zukunft
Wenn wir uns in den vergangenen Jahren daran gewöhnt haben, Alter als Problem zu verstehen, und wenn alte Menschen sich dafür entschuldigen müssen, jetzt halt alt zu sein, dann ist irgendetwas falsch gelaufen. Ich glaube, dass wir leidenschaftlich entdecken sollten, welch ein Glück es ist, älter werden zu dürfen. Die Vorstellung, 100 oder auch nur zehn Jahre genauso bleiben zu müssen, wie wir im Moment sind, müsste doch eigentlich die meisten Menschen in Schrecken versetzen. Alt werden dürfen – das ist ein Glück und Vorrecht. Besonders dann, wenn das Alter – frei nach Theodor Bovet – nicht als letzter Akt einer Tragödie verstanden wird, nach dem der Vorhang fällt und die Lichter gelöscht werden, sondern als die letzten Takte einer Ouvertüre. Dann kommt der Moment, an dem der Vorhang aufgeht, das Licht
erstrahlt und das Eigentliche beginnt. Dies in unserer Grundhaltung zu verwurzeln, ist ganz neu eine wichtige Aufgabe im noch jungen 21. Jahrhundert. Dazu lade ich ein.

 

1 2 Kor 4,16

2 2 Kor 12,9

3 Offb 21,4

4 Buchtitel

Dr. Markus Müller studierte Heilpädagogik, Erziehungswissenschaft und Anthropologie und promovierte in Behindertenpädagogik. Der ehemalige Direktor der Pilgermission St. Chrischona arbeitet heute als Heimpfarrer in der Heimstätte Rämismühle bei Winterthur.

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