Alterspolitik

Grundzüge einer neuen Alterspolitik vor Ort

Hanspeter Schmutz Die klassische Alterspyramide ist ins Wanken geraten. Zumindest in der Schweiz. Aus der Pyramide ist eine Tanne geworden (2008) und diese wird sich laut Bundesamt für Statistik in den nächsten 50 Jahren «zu einer Art Urne» (siehe Grafik) entwickeln. «Gemäss allen Szenarien verbreitert sich die Spitze der Alterspyramide immer weiter, da die Babyboom-Generationen in die höheren Altersklassen eintreten. Hingegen kann der Sockel der Alterspyramide sich entweder verbreitern, wenn es mehr Geburten gibt, oder bei einem Geburtenrückgang auch schmaler werden. Im Fall des Referenzszenarios bleibt der Sockel relativ stabil1

Diese Veränderungen haben Folgen für unser System der Altersversorgung. Dies gilt vor allem für die AHV, die nach dem Umlegeverfahren funktioniert: Hier finanziert die kleiner werdende arbeitstätige Generation die grösser werdende Gruppe der Pensionierten. Wichtig ist uns an dieser Stelle aber ein anderer Aspekt: Wenn immer mehr Menschen in der dritten und vierten Phase des Alters leben, muss auch die Alterspolitik grundlegend überdacht werden.

Das «Golden Age»
Das Nachdenken über die Gestaltung der dritten und vierten Lebensphase sollte spätestens 10 Jahre vor der Pensionierung einsetzen. Alterspolitik hat dementsprechend die Generation 55+ im Auge. In vielen politischen Gemeinden gehört immerhin 1/3 der Bevölkerung zu
dieser wachsenden Zielgruppe. In der Vorphase bis zur Pensionierung geht es darum, sich – trotz Arbeitsdruck – zumindest punktuell mit dem Alter auseinanderzusetzen. Für viele ist das Begleiten der älter werdenden Eltern dabei eine gute Vorbereitung.
Nach der Pensionierung bricht das «Golden Age» der «aktiven Alten» an. In dieser dritten Lebensphase kann man weiterarbeiten wie bisher – bis zum Umfallen. Man kann das bisherige Arbeitspensum reduzieren und die grösser werdende Freizeit geniessen. Manche fallen in eine psychische Krise, bis sie neue Strukturen und sinngebende Inhalte gefunden haben. In jedem Fall sollte man sich aber bewusst einen Teil der Zeit für die Gestaltung der Alterspolitik vor Ort reservieren.
Diese Alterspolitik muss heute neu gedacht werden. Die «Golden Ager» fühlen sich von der bisherigen Alterspolitik, die vor allem die «Betreuung von Hilfsbedürftigen» im Auge hatte, nicht angesprochen. «Golden Ager» wollen die Alterspolitik selber mitbestimmen und sind – wenn sie die inneren Werte dazu mitbringen – auch bereit, daran mitzuwirken. Hier liegt das grösste Potenzial der Alterspolitik. Um es zu nutzen, ist es hilfreich, wenn sich diese Altersgruppe – etwa in einem «Seniorenrat» – bewusst organisiert: als Ansprechpartner für die politische Behörde und als Koordinationsstelle für die Entwicklung von Initiativen. Der Beitrag der Politik beschränkt sich dabei auf die «Hilfe zur Selbsthilfe».

Das «fragile» Alter

Im vierten, «fragilen» Lebensalter bekommen Pflege und Betreuung einen höheren Stellenwert. Aber auch hier sollen die Betroffenen so lange wie möglich selber entscheiden können, wie sie wohnen und wie sie mobil sein wollen.
Die Alterspolitik soll dafür sorgen, dass die entsprechenden Infrastrukturen gegeben sind: altersfreundliche Wohnungen mit mehr oder weniger externen Dienstleistungen; verkehrsberuhigte und hindernisfreie Strassen; Treffpunkte, die auch den generationenübergreifenden Kontakt ermöglichen und ein gut zugänglicher öffentlicher Verkehr.
Zu den grössten Problemen im Alter gehört die Einsamkeit. Hier sind werteorientierte Menschen gefragt, die mit ihren Begabungen das soziale Netzwerk knüpfen. Das kostet wenig – ausser Zeit.

Die Aufgabe der Kirchen
Die Alterspolitik kann viel bewegen. Sinn zu vermitteln, gehört aber eher in den kirchlichen Bereich.
Zum Beispiel so: Der indirekte Zugang zum Gottesdienst sollte im Zeitalter der neuen Medien definitiv kein Problem mehr sein. Die kirchlichen Anlässe und Initiativen sollten neben den älteren Menschen bewusst auch die «Golden Ager» ansprechen und einbeziehen. Ein gut durchdachter (auch) seelsorgerlich ausgerichteter Besuchsdienst wird dann realistisch, wenn er nicht nur von den Pfarrpersonen geleistet wird. Nicht zuletzt ist auch die sorgfältige Begleitung in der letzten Phase des Lebens ein nachhaltiger Ausdruck der Botschaft des Evangeliums. Im Übrigen sind (auch) christlich gesinnte Menschen in allen Aspekten der Alterspolitik gefragt, sei es in einem Seniorenrat, in Projekten, als Stimmbürger und in politischen Gremien.

 

Eine neue Alterspolitik aufgleisen

Gemäss den Erfahrungen in Oberdiessbach können wir folgendes Vorgehen empfehlen:

1. Bildung einer Spurgruppe Alterspolitik
Nach dem Motto klein, aber fein, d.h. mit den politisch Zuständigen, Akteuren und Fachleuten, wird eine Spurgruppe einberufen. In unserm Fall: Gemeinderat «Soziales» (Leitung), Leiter «Sozialdienst» (Protokoll), Gemeinderätin «Soziales» als Vertreterin der kleineren Gemeinden (der regionale Sozialdienst umfasst vier Gemeinden); Geschäftsleiter der Regionalen Spitex, Vertretung «Pro Senectute»; je eine Vertretung des Alters- und des Pflegeheimes.

2. Überarbeitung des bisherigen Leitbildes
Für das Gebiet des regionalen Sozialdienstes Oberdiessbach gibt es bereits ein Leitbild, das vor Jahren aufgrund einer Umfrage erarbeitet worden ist. Eine neue Umfrage ist nicht mehr nötig. In der Spurgruppe werden vorerst mal die Leitsätze überarbeitet und ergänzt.

3. Workshop mit Interessierten aus der Zielgruppe
Als Zielgruppe wird die Generation 55+ definiert. Aus den verschiedenen Gemeinden werden Interessierte zu einem Workshop eingeladen, die selber im Bereich Alter engagiert (z.B. Frauenverein, Kirchgemeinde, Seniorenturnen) oder sonst als Vordenker in den Dörfern aufgefallen sind.
Nach einer Einführung durch eine für die kantonale Alterspolitik zuständige Person konkretisieren die rund 40 Teilnehmenden an 7 Stationen je einen Leitsatz aus dem künftigen Leitbild. Dies mit folgenden Fragen: Was gibt es schon? Was braucht es? Wie können wir dies unterstützen? Offene Fragen.

4. Strukturierung der Ergebnisse
Aus dem Workshop ergeben sich rund 390 Hinweise, Ideen und Fragen. Sie werden unter den folgenden Stichworten strukturiert: bestehende Angebote, Infrastrukturfragen, Vernetzen und gegenseitig Unterstützen, Seniorenrat, Mehrgenerationen-Spielplatz, Treffpunkt für Senioren.

5. Öffentlicher Anlass für die Bevölkerung
An einem öffentlichen Abend wird die Bevölkerung über die bisherigen Tätigkeiten der Spurgruppe und die Ergebnisse des Workshops informiert, für den neuen Ansatz der Alterspolitik im Zeichen der «Hilfe zur Selbsthilfe» motiviert und zur konkreten Mitarbeit in sechs Arbeits- bzw. Projektgruppen eingeladen.

6. Weiterarbeit in Arbeits- und Projektgruppen
In einer nächsten Phase können nun die Arbeitsgruppen ihre Projekte entwickeln (Angebots-Verzeichnis für Senioren, Mehrgenerationen-Spielplatz, Treffpunkt für Senioren) bzw. in Arbeitsgruppen die vorhandenen Ideen in konkrete Projekte fassen (Altersfreundliche Infrastrukturen, Vernetzen und Unterstützen, Seniorenrat).

7. Entwickeln eines neuen Leitbildes
Die Spurgruppe formuliert ein kurzes Leitbild und verbindet es mit ersten realisierten und geplanten Projekten. Das Leitbild geht in eine breite Vernehmlassung, wird überarbeitet und dann den politischen Behörden vorgelegt. Die Gemeindeversammlungen genehmigen das neue Leitbild.

8. Umsetzung von Projekten
Erste Projekte werden umgesetzt, je nach Projekt mit oder unabhängig von der Politik. Damit ist das neue Leitbild aktiviert.

1   http://bit.ly/1C6txas

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST
hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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