Demenz

In Ruhe und Würde den Verstand verlieren dürfen

Dorothea Gebauer Uli Zeller, ehemaliger Student am Theologischen Seminar St. Chrischona, hat eine bemerkenswerte Masterarbeit in der Praktischen Theologie geschrieben. Mit grosser seelsorgerlicher Begabung und Erfahrung greift er darin eine Herausforderung auf, der sich alle Prediger, Pfarrer, Seelsorger und engagierten Angehörigen stellen müssen: Der Tatsache, dass wir es mit einer Gesellschaft zu tun haben, in der es immer mehr ergraute Häupter gibt. 

 

Die Zahlen sind deutlich: 2050 werden nur schon in Deutschland bis zu 40% der Einwohner  60 Jahre und älter sein. Und doch muss Zeller konstatieren, dass Seelsorge im Altersheim kein Thema der praktischen Theologie oder Seelsorge ist. So verwundert es nicht, dass seine Masterarbeit eine Nische trifft und auf vielfältiges Inte-
resse stösst.

Das Evangelium im Altersheim
Zeller interessieren nicht die verwirrten alternden Menschen, nicht die Depressiven, sondern diejenigen, die dauerhaft im Altersheim leben. Dort beginnt die Stunde der Wahrheit, dort stellt sich dem Seelsorger, dem Pfarrer die Frage: Wenn Seelsorge den Einzelnen im Blick hat, wie handle ich seelsorgerlich in dieser Situation? Wie kann Menschen, die ihren Verstand verlieren,  die biblische Botschaft zuteil werden? Wie  lässt sich im Altersheim gar «das Evangelium verkündigen»? Oder gilt die Verkündigung des Evangeliums nur Menschen in der Mitte des Lebens? Wie wunderbar wäre es doch, wenn (alternde) Menschen die Zuversicht haben könnten, in Ruhe den Verstand verlieren zu dürfen und dabei als Menschen geschätzt und würdevoll behandelt zu werden!

Bösartige Einwirkungen durchbrechen
Wie sieht es aber in der Praxis aus? Und im Pflegealltag? Schockierend ist ein Kapitel, das sich einem Beitrag von Tom Kitwood widmet. Dieser stellt fest, dass es im Pflegealltag eine «bösartige» Sozialpsychologie gibt. Kitwood beschreibt Handlungen, die das Personsein des Menschen in dieser Phase zutiefst schädigen. Dazu zählen Einwirkungen wie Täuschen, Infantilisieren, Einschüchtern, Etikettieren, Stigmatisieren, Verbannen, Anklagen oder Zwingen. Es gilt, solche Handlungsmuster zu durchbrechen. Wenn nicht Menschen mit jüdisch-christlichem Menschenbild dies tun sollen, wer denn dann?

Eine Palette an Möglichkeiten
Die eigentliche Stärke der Arbeit von Zeller bilden aber seine praktischen und sehr konkreten Ideen, mit denen er als Seelsorger aufwartet. So, als wolle er sagen: «Ja, Demenz ist schlimm. Schaut euch die Symptome genau an.» Aber auch: «Hier liefere ich eine farbenfrohe Palette an Möglichkeiten, die Schrecknisse mit Hoffnung und Liebe zu durchdringen. Mischt sie für euren spezifischen Fall zusammen. Sie können greifen, sie geben euch Wirkmacht.»
Dass er vieles davon selbst in Bibelkreisen mit Dementen erprobt hat, macht ihn im höchsten Masse glaubwürdig. Zeller stellt sich dem Leser als Forscher, als reflektierter Praktiker vor, der die Methode der teilnehmenden Beobachtung gewählt hat. Ein achtsames Unser-Vater-Gebet, Erinnerungsarbeit mit Bibelsprüchen oder Liedversen, Biographiearbeit, das Arbeiten mit Symbolen, die eine erlebnisorientierte Pflege erlauben: Im Schatzkästlein des Seelsorgers findet sich genug, mit dem sich experimentieren lässt und das Hoffnung macht, dass ein liebe- und phantasievoller Umgang mit pflegebedürftigen Menschen besonders auch in dieser Phase des Lebens möglich ist.

Tom Kitwood (* 1937; † 1998) war ein englischer Sozialpsychologe und  Psychogerontologe. Er entwickelte in den Jahren von 1987 bis 1995 als  Reaktion auf eine eindimensionale, von den Naturwissenschaften und der Medizin geprägte Sozialpsychologie und Pflegekultur seine weiterführende Theorie auf der Basis des «Personzentrierten Ansatzes» (PZA).
(Quelle: wikipedia)

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