Mit älteren Menschen leben

Wie aus einem Altersheim das «Haus Tabea» wurde

Urs Bangerter Es erschien wie ein beruflicher Abstieg, als Urs und Ruth Bangerter 1998 von der Direktion des Dreisterne-Hotels Bethanien in Davos in die Leitung des Altersheims Tabea in Horgen wechselten. Was sie aus dieser Chance gemacht haben, erzählt der inzwischen pensionierte Urs Bangerter.

 

Es löste im Freundeskreis schon einige Fragen aus, als meine Frau Ruth und ich 1998 von der Leitung eines Dreisterne-Hotels in Davos in die Führung eines Altersheims in Horgen wechselten. Bei manchen Reaktionen schimmerte die Frage nach der Begründung für diesen «sozialen Abstieg» durch.

Vom Dreisterne-Hotel zum «Altersheim»

Ich streckte dann jeweils die Finger meiner rechten Hand in die Höhe und zeigte die Unterschiede mit der Zahl fünf auf: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste im Hotel hatte jeweils fünf Tage betragen – im Altersheim waren das fünf Jahre. Im Hotel hatte es deshalb viel mehr Stress als im Altersheim gegeben. Im Hotel war immer die Sorge um eine genügende Belegung im Raum gestanden. Im Altersheim mussten wir uns darum keine Sorgen machen – wir waren immer «ausgebucht». Wesentlich war aber ein anderer Unterschied: Im Hotel war es für die Gäste um die fünf schönsten Tage des Jahres gegangen – im Altersheim verbrachten die Bewohner die fünf letzten Jahre des Lebens. Die Hotelgäste hatten sich lange im Voraus auf die Ferientage gefreut, währenddem fast alle Bewohner vor dem Umzug zu uns sagten: «Ich muss ins Altersheim!» Das hatten wir nicht erwartet.

Umstellungen
Der Name
Nach drei Monaten spürten wir die Herausforderung, die hinter diesem Wechsel der Aufgaben stand. Ruth und ich formulierten es so: «Wir arbeiten darauf hin, dass es einst nicht mehr heisst ‚Ich muss ins Altersheim’, sondern dass gesagt wird ‚Ich will ins Haus Tabea gehen!’» Wir suchten den Kontakt zu Kommunikationsfachleuten. Das brachte es mit sich, dass aus dem «Alters- und Pflegeheim Tabea» kurz das «Haus Tabea» wurde. Schnell merkten wir, dass vor allem Angehörige es schätzten, nun vom Umzug ihrer Eltern ins «Haus Tabea» – statt ins Altersheim – sprechen zu können.

Die Küche
Im Weiteren mussten wir einen Küchenchef suchen, der bereit war, mit uns zusammen eine ganz besondere He-
rausforderung anzunehmen: Gesundes Essen auf den Tisch zu bringen, das gleichzeitig gut («aamächelig») schmeckt. Die Suche war nicht einfach und dauerte längere Zeit. Die Küche eines Altersheims zu leiten ist anforderungsreicher als die Küchenleitung in einem Siebensterne-Restaurant. Zu unseren achtzig Gästen im «Haus Tabea» zählten etwa siebzig Frauen. Mindestens sechzig davon haben jahrzehntelang für ihre Familie hervorragende Arbeit in der Küche geleistet. Das hiess aber auch, dass es bei uns mindestens gegen sechzig verschiedene Rezepte für die beste Kartoffelsuppe gab …

Die Mitarbeitenden im Speisesaal
Bald einmal lernten wir, dass fast keine anderen Mitarbeitenden einen so alltäglich engen Kontakt zu den Bewohnern haben wie die Mitarbeiterinnen im Speisesaal. Dreimal täglich begrüssen sie die Bewohner, fragen nach den Wünschen, erleben mit, ob sie Appetit haben oder nicht und hören das entsprechende Lob oder die Klage. Dreimal täglich – und das während Jahren! Wir merkten bald, dass kaum jemand so schnell erfuhr, wie es um Leib und Seele der Bewohner stand. So engagierten wir Fachleute, um unsere Mitarbeiterinnen für diese besonderen Aufgaben auch besonders zu schulen. Dazu gehörte auch das Wissen, wie einem hörbehinderten Bewohner das Hörgerät eingestellt wird …

Achtsamkeit
Im Rückblick auf die Anfänge erinnere ich mich u.a. an das folgende Erlebnis: Eine (im Sinne des Wortes) völlig «entgeisterte» Mitarbeiterin vom Zimmerdienst stürmte in mein Büro und trug mir ihre Klage und ihren Jammer vor: Niemand hatte sie informiert, dass Herr Meier gestorben war. Die letzten sechs Jahre hatte sie ihren Arbeitstag immer bei Herrn Meier begonnen: Anklopfen und mit einem frohen «Guten Tag Herr Meier» eintreten. Und jetzt war das Zimmer leer. Herr Meier war tot! Ich realisierte, dass zwischen der Mitarbeiterin und Herrn Meier über die Jahre eine gute, ja, fast enge Freundschaft mit viel gegenseitiger Anteilnahme entstanden war. Die Mitarbeiterin hatte jeweils erklärt, sie habe Herrn Meier als Opa adoptiert … Aus dieser Erfahrung entstanden Seminar- und Begegnungstage für Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende zum Thema «Achtsamkeit».

Der Pflegedienst

Noch ein Wort zum Pflegedienst: So wie sich die Ärzte im Spital (oft oder meistens) als wichtiger einschätzen als die Pflegerinnen, so ist es auch in einem Pflegeheim – nur mit unterschiedlichen Ansprüchen. Im Pflegeheim beansprucht der Pflegedienst für sich die Position Eins gegenüber den Diensten der Hotellerie. Die oben erwähnten Beispiele aus Küche, Service und Zimmerdienst zeigen auf, dass dies so nicht stimmt. Ein Heim ist in erster Linie ein «Daheim». Es ist eine andere Form des Haushalts, in dem die Bewohner bis dahin gelebt haben; mit allen entsprechenden Aufgaben. Wenn sich früher in irgendeiner Form ein gesundheitliches Problem gezeigt hatte, wurde sofort die Hilfe eines Arztes oder eventuell eines Spitals in Anspruch genommen. Das gilt so auch für ein Altersheim. Der Pflegedienst ist wichtig, aber nicht wichtiger als die anderen Dienste und auch nicht unbedingt immer und in jedem Fall anspruchsvoller. Für uns galt es, diese Erkenntnisse mit Hilfe des Hausarztes und weiteren Fachleuten in die Dienstbereitschaft der Pflegerinnen «einzupflanzen».

Und alles Weitere
Dazu kamen als weitere Bereiche unserer Überlegungen die Haustechnik, die Verwaltung, die Buchhaltung, die Behördenkontakte, die Beziehungen zu den Krankenkassen, die Veranstaltungen im Bereich der Kultur – Konzerte, Vorträge, Ausstellungen, Reisen – und so weiter. Und schliesslich auch noch die faszinierende Aufgabe der Seelsorge und der Begleitung von Menschen in diesem vierten (und letzten!) Lebensabschnitt. Fachleute der Geriatrie verhalfen uns zu entsprechenden Erkenntnissen und Erfahrungen. «Leben bis zuletzt!» stand hier als Motto im Vordergrund.

Kirche oder Altersheim?
Ich habe die Aufgabe des Hauses Tabea gerne mit der Aufgabe einer Kirchgemeinde umschrieben. Dort geht es um «Verkündigung, Seelsorge und Diakonie». Das gleiche galt (und gilt) auch für ein Altersheim – nur in umgekehrter Reihenfolge. Hier heisst es: «Diakonie, Seelsorge und Verkündigung». Wichtig: Die Seelsorge bleibt in beiden Fällen in der Mitte!
Noch ein Hinweis zur Leitungsaufgabe in einem von einer Kirche geführten Haus, egal ob Hotel oder Altersheim: Es gibt keine christlichen oder unchristlichen Koteletts; es gibt keine christlichen oder unchristlichen Zimmer; es gibt keine christliche oder unchristliche Buchhaltung. Es gibt nur gute oder schlechte Koteletts, saubere oder unsaubere Zimmer sowie Buchhaltungen, die stimmen oder solche, die nicht stimmen. Und so weiter. Und was ist das Besondere bei Christen? Wir bieten Erholung und/oder Betreuung für Körper und Geist, damit die Seele lächeln kann.

Der richtige Zeitpunkt für den Umzug ins Altersheim
«Entscheiden Sie sich für den Umzug in ein Altersheim, wenn Sie noch selber entscheiden können.» Diesen Satz habe ich wohl bei jedem Informationsgespräch gesagt und damit gemeint, dass nicht gewartet werden sollte, bis Sohn, Tochter oder Arzt das «Urteil» fällen und sagen: «Sie müssen jetzt ins Pflegeheim!» Wer sich freiwillig entscheidet, hat eine wesentlich bessere Perspektive. Ein Umzug ins Altersheim ohne Zwang und bei noch guter Gesundheit bedeutet, dass die Umstellung viel besser gelingt. Im Haus Tabea haben wir uns dafür eingesetzt (und das ist auch in anderen Heimen möglich), dass zum Beispiel Ehepaare eine kleine Wohnung (mit Küche) beziehen konnten. Wenn dann der Mann oder die Frau pflegebedürftig wurden, konnten wir gezielt unterstützen und helfen. Und nach dem Tod des Partners war ein Wechsel vom Appartement in ein Zimmer keine grosse Sache.
Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch «Wohin mit Vater?» Hier wird am (schlechten) Beispiel geschildert, welche traurigen Erfahrungen gemacht werden müssen, wenn keine Vorsorge für den Fall des Falles getroffen worden ist.

Eine reiche Zeit
Zurück zum Anfang dieses Berichtes: Hotel und/oder Altersheim? Meine Frau Ruth und ich haben bei der Leitung eines Hotels eine reiche Zeit erleben dürfen. Es war sehr schön. Im Durchschnitt hatten wir jedes Jahr fünftausend Gäste! Und dann das: Während den zehn Jahren im Haus Tabea haben wir über einhundert Frauen und Männer bis zu ihrem Tod begleitet. Und wir sagen auch nach dieser Erfahrung: Es war eine reiche und sehr schöne Zeit – die wir dann mit dem eigenen Eintritt in den Ruhestand beenden durften.

Urs Bangerter wurde 1942 in St. Gallen geboren. Er war Bauzeichner, Bauführer, Liegenschaftsverwalter, Zentralsekretär Jugendarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), Lektor im Gotthelf Verlag, Leiter des Hotels Bethanien Davos, Leiter des Hauses «Tabea» Horgen und lebt heute mit seiner Frau Ruth im aktiven Ruhestand.

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