Erfülltes Alter

Wie der Glaube beim Älterwerden hilft

Interview: Ruth Maria Michel Das ehemalige Pfarrer-Ehepaar Reinhard und Ruth Egg-Altorfer bietet in einer eigenen Praxis seit längerer Zeit seelsorgerlich-psychologische Beratungen an. Zu den Fragen, die dort zur Sprache kommen, gehört auch das Älterwerden. Die beiden berichten von ihren — vor allem auch eigenen — Erfahrungen.

Magazin INSIST: Ihr habt jahrelang den Kurs «Wir werden älter, unsere Ehe auch» geleitet. Ab wann wurde euch bewusst, dass ihr älter werdet?
Reinhard Egg: Wir merkten es an den Kindern, die älter wurden und uns in einer anderen Art brauchten.
Ruth Egg: Das Sterben unserer Eltern machte uns auf das zunehmende Alter aufmerksam. Dieser Einschnitt machte uns bewusst, dass wir ins «oberste Glied» gerutscht sind. Dann kamen Enkel – und wir waren im Grosseltern-Alter. Das ist eine grosse Freude und eine Entlastung. Ja, das Älterwerden bringt auch Entlastung von Verantwortung.
Reinhard Egg: Ich spüre, dass ich schneller müde werde. Ich bin vergesslicher geworden. Manchmal gibt es Wortfindungsschwierigkeiten.

Und wie gehst du damit um?
Reinhard Egg: Das kann ich gelassen nehmen. Ja, das gehört zum Älterwerden. Und ich mache jeden Tag gerne eine halbe Stunde ein sehr spielerisches Training, nämlich Gehirnjogging1.

Was fällt euch zum Stichwort «Alter» ein?
Ruth Egg: Ich spüre die körperliche Verlangsamung. Einzelne Gebresten wie die Arthrose begleiten mich. Auf der anderen Seite geniesse ich es, dass ich Zeit habe und nicht mehr alles muss. Früher war die Agenda einfach vollgestopft.
Reinhard Egg: Mir fällt das Stichwort «erreicht» ein. Dieses Wort verbinde ich mit meinem Alter. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

Zufrieden alt werden — kann man das üben?
Reinhard Egg: In meiner Zeit als Jugendpfarrer sangen wir oft das Lied «Danke, für diesen guten Morgen ...», in dem für viel Alltägliches gedankt wird. Die Zeile «Danke, o Herr ich will dir danken, dass ich danken kann» weist darauf hin, dass nichts selbstverständlich ist. Bei verschiedenen Engagements in Entwicklungsländern wurde mir vor Augen geführt, dass ich zu denen gehörte, denen es gut geht. So wurde uns viel bewusster, wie gut es uns ging und wir lernten umso mehr, dafür dankbar zu sein.

Der Theologe und Buchautor Jörg Zink, unterdessen 93 Jahre alt, schrieb ein Buch mit dem Titel «Ich werde gerne alt». In Spannung dazu steht das Zitat aus den Lehren des Weisirs Ptah Hotep (2300 v. Chr.): «Das Greisenalter ist eingetreten, die Altersbeschwerden sind gekommen, und Hilflosigkeit ist da. Man kann sich an gestern nicht erinnern. Die Kraft schwindet dahin für den mit ermattetem Herzen. Die Augen sind schwach, die Ohren taub, jeder Geschmack ist vergangen. Man liegt unbequem da allezeit. Die Knochen leiden durch das Alter.» Kennt ihr diese Spannung und diese Angst — und wie geht ihr damit um?
Reinhard Egg: Sie ist mir vertraut durch Literatur und Seelsorge. Für mich persönlich passt die Zukunftsangst nicht zusammen mit meinem Vertrauen auf Gott. Auch wenn sich in meinem Leben Schlimmes ereignet hat, habe ich immer erfahren, dass er weiterhilft. Unser Praxis-Logo (siehe Bild) – eine Sanduhr, umfangen von zwei Händen – drückt aus, wozu wir mit unserer Arbeit beitragen möchten: Dass die Menschen, die unseren Dienst in Anspruch nehmen, zu einer positiven und vertrauensvollen Gottesbeziehung finden und ihr Leben aus dem Vertrauen des Getragenseins in Gottes Händen zuversichtlich und kreativ annehmen und gestalten. So, wie es der Psalmdichter im 31. Psalm sagt: «Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.» Auch für uns gilt das Wort von Lothar Zenetti:
«Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter.
Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer.
Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht2

Ruth Egg: Ja: «Meine Zeit steht in deinen Händen.» Dieser Gedanke trägt mich, wenn der Gedanke, im Altersheim einmal hilfsbedürftig und einsam zu sein, hin und wieder in mir auftaucht. Ich vertraue darauf, dann die dazu nötige Kraft zu erhalten, um dies zu ertragen. Denn: «Bis hierher hat der Herr geholfen3» – auch durch alles Schwere hindurch – er wird es auch weiterhin tun.
Reinhard Egg: Egal, wie alt man ist, am besten beginnt man sofort damit, sich im Vertrauen auf Gott zu üben, der uns hält, auch in und trotz allem Schweren.

Das Alter führt zu einer Zunahme von Verlusten auf verschiedenen Ebenen. Auf der körperlichen Ebene abnehmende Kraft, auf der kognitiven Ebene vermehrtes Vergessen bis hin zu Demenzen, auf der sozialen Ebene zunehmende Einsamkeit, weil immer mehr Freunde sterben. Kann man dieses Loslassen einüben, das im Alter immer schmerzlicher wird?
Ruth Egg: Ja – durch bewusstes Trainieren und immer wieder Entscheiden loszulassen – auch schon in jüngeren Jahren. Dazu gehört das Loslassen von Dingen, Menschen und Aufgaben, vom Beruf und vom Prestige, das mit dem Beruf zusammenhängt.
Reinhard Egg: Menschen loszulassen braucht Zeit. Ob man das einüben kann? Ich kann darum beten: «Vater im Himmel, gib mir Demut und Vertrauen zum Loslassen.»
Ruth Egg: Auch materielle Güter loszulassen ist ein Training. Wie viele bleiben an ihrem Haus hängen, obwohl es ihnen in einer kleineren Wohnung wohler wäre. Es gilt zu entdecken, dass Loslassen auch ein Gewinn ist.

Worin liegt das Geheimnis, dass manche Menschen gelassen und zufrieden älter werden und andere Menschen im Alter verbittert werden oder den Lebensmut verlieren?
Reinhard Egg: Vielleicht sind diese Menschen geprägt von der Lebenseinstellung: «Als ich aktiv war, konnte ich arbeiten und Gott segnete. Wenn ich nichts mehr leisten kann, lässt Gott mich fallen.» Aber sogar Jesus sagte am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?» Es gibt keine Garantie, dass ich im Vertrauen durchhalten kann. Als ich 14 Jahre alt war, löste der töd-
liche Unfall eines Cousins, er war 20 Jahre alt, bei mir eine Glaubenskrise aus. Meine Mutter sagte: «Das macht nichts, ich glaube stellvertretend für dich.» Es ist wichtig, dass wir in der Fürbitte andere tragen und selber von andern getragen werden. Jüngere Menschen haben oft keine Zeit zur Fürbitte. Das Alter schenkt uns die Gabe von «mehr Zeit». Ja, diese Gabe ist uns noch gegeben und wir können sie einsetzen im fürbittenden Gebet.
Ruth Egg: Menschen, die nicht mehr gebraucht werden, meinen, ihre Daseinsberechtigung zu verlieren. Die
Beziehung zu Gott scheint mir hier ganz wesentlich. Meine Gaben kann ich immer noch einbringen. Wer im Altersheim braucht Unterstützung im Gebet? Wo könnte ich mich hinsetzen und zuhören – und damit anderen einen erfüllten Nachmittag schenken? Es braucht Mut, sich zu beschränken auf das ganz Einfache. Es geht darum, wahrzunehmen, dass auch Kleinigkeiten viel bedeuten können.
Reinhard Egg: Wir kommen gerade aus China zurück, wo wir beeindruckt waren über die Ehrerbietung, die alten Menschen entgegengebracht wird. Bei uns herrscht eine Geringschätzung des Alters vor. Der weise alte Mann, wie wir ihn auch aus der Bibel kennen, ist kein Idealbild mehr.

Schafft das Älterwerden charakterliche Reife? Welche Schritte führen dazu, dass Menschen im Alter weise werden?
Reinhard Egg: Man wird nicht automatisch weiser.
Ruth Egg: Reflektion und das bewusste Fällen von Entscheiden ist wichtig. Etwa: Jetzt ist es Zeit, die Kinder loszulassen. Oder: Wir verkaufen das grosse Auto. Oder: Wir nehmen weniger Termine wahr. Sonst besteht die Gefahr, dass man sein Leben im selben Tramp weiterlebt und das Jammern darüber beginnt, was man alles nicht mehr kann. Es ist doch auch eine Erleichterung, wenn ich mir eingestehen darf «Das muss ich nicht mehr» und mich entscheide «Ich mache das, was ich noch kann und hänge nicht an dem, was ich nicht mehr kann».

Wie entscheidet ihr, wie viele Ratsuchende ihr in der Praxis noch annehmen wollt?
Reinhard Egg: Unsere Praxis ist in erster Linie nicht ein Broterwerb, sondern ein Dienst. Solange Gott mich im Dienst behält, mache ich es. Wir erleben interessanterweise, dass je mehr Enkelverpflichtungen kommen, desto mehr auch die Anfragen in der Praxis nachlassen. Die Menschen kommen gerade im richtigen Mass zu uns. Es ist mein Gebet, dass ich so lange arbeiten werde, wie Gott mich braucht. Ich hoffe, er schenke mir die Demut, ein Ja zu finden, wenn ich merke, dass dieser Dienst zu Ende geht.

Hat sich euer Glaube beim Älterwerden verändert?
Ruth Egg: Als aktive Pfarrfrau und Katechetin konnte ich bewusst und viel weitergeben. Heute ist dies noch im kleinen Rahmen der Praxis möglich. Meinen eigenen Glauben und Schritte im Glauben reflektierte ich früher weniger. Je mehr Erfahrungen ich mit Gott mache, um so mehr wird der Glaube vertieft. Andererseits sagen wir häufig zueinander: Als reich Beschenkte können wir gut reden. Bei vielen Ratsuchenden, die in Nöten sind, ist Glauben schwieriger. Wir können nicht direkt weiterhelfen, sondern mögliche Schritte aufzeigen, wie Vertrauen gestärkt werden könnte. Ja, es beschäftigt mich, dass es einfacher ist zu vertrauen, wenn es einem gut geht.
Reinhard Egg: Mein Verhältnis zu Gott hat sich nicht verändert. Die Erfahrung der Durchhilfe sowohl in banalen wie in lebensbedrohlichen Situationen stärkt das Vertrauen. Als ich das Fach Religion am Freien Gymnasium unterrichtete, fragten wir uns, was denn «Denken» eigentlich ist. Ein inneres Zwiegespräch? Mit wem rede ich denn da? Mit mir selber? Bin ich ein so interessanter Zwiegesprächspartner für mich? Es könnte doch sein, dass mein Denken eigentlich ein Gespräch mit Gott ist. Schon früh wurde mir bewusst, dass alles, was ich denke, auch die ganz geheimen Gedanken, vor Gott nicht verborgen sind. Bis heute begleitet mich das Wissen, dass ich vor Gott nichts verstecken kann und muss, weil er mich erschaffen hat. So bin ich immer mit ihm im Gespräch.

Im Psalm 90,12 wird gesagt: «Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.» Denkt ihr oft an den Tod?
Reinhard Egg: Das gehörte zu meinem Beruf.
Ruth Egg:
Wir sind vermehrt damit in Kontakt, weil Freunde sterben. Wenn ich von Szenarien lese, dass im Jahr 2030 eine Brücke fertig gebaut sein wird, taucht immer häufiger der Gedanke auf: «Erlebe ich das noch?» Ich fühle aber kein Bedauern dabei.
Reinhard Egg: Nein, eher im Gegenteil: Ich bin froh, dass meine Lebenserwartung noch maximal 25 Jahre beträgt. Wenn ich daran denke, auf welche Zukunft die Welt zugeht, macht mir das Sorgen. Es ist die Welt meiner Enkel. Nein, ich möchte nicht 20 Jahre jünger sein. Ich finde es sogar schön, dass ich hin und wieder sagen kann: «Nein, das muss ich jetzt nicht mehr – dazu bin ich zu alt.»

Habt ihr Angst vor dem Tod?
Reinhard Egg: Vor dem Tod habe ich keine Angst, weil ich mich bei Gott geborgen weiss. Ich werde bei ihm sein.
Ruth Egg: Ich weiss nicht, wie es sein wird, aber es wird gut sein. – Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod.

Vielleicht ein Tabuthema: Sexualität im Alter. Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Berührung, körperlicher Nähe — nimmt das ab?
Ruth Egg: Natürlich gibt es Änderungen – aber das Bedürfnis nach Berührung ändert sich nicht. Berührung
ist uns wichtig, nicht nur im Bett, sondern auch beim Fernsehschauen und beim Spazieren. Das einander Streicheln, einen Kuss geben, einander beim Einschlafen spüren gehört für uns dazu. Es ist uns wichtig, einander zu sagen, was uns wohltut.

Was würdet ihr unsern Lesern und Leserinnen gerne noch sagen?
Ruth Egg: Geniesst den Augenblick, unabhängig davon, wie alt ihr seid. «Act your age», das heisst: Nützt das Lebensalter aus, in dem ihr euch gerade befindet. Akzeptiert, dass mit dem Älterwerden die Kräfte abnehmen und entdeckt den Gewinn im Alltag, wenn man sich auf weniger fokussieren muss und kann.
Reinhard Egg: Etwas vom Wichtigsten im Leben überhaupt ist es, dankbar zu sein – unabhängig von der Lebensphase, in der man gerade ist. Vergesst nicht zu danken! Deshalb habe ich ein Buch dazu geschrieben: «Mehr haben vom Leben – dankbar sein. Die vergessene Dimension4.» Dankbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel zu einem erfüllten Leben – für jedes Lebensalter. Gerne empfehle ich auch das säkulare, leicht lesbare und didaktisch gut aufbereitete Büchlein von Wilhelm Schmid: «Gelassenheit, was wir gewinnen, wenn wir älter werden5


1  «Gehirnjogging Generations. Der perfekte Gedächtnis- und Denk-Trainer für Jung und Alt!» EAN 4024103 990972
2  Zenetti, Lothar. «Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht.»
Matthias-Grünewald-Verlag, 2002
3  1 Sam 7,12
4  Brunnen-Verlag, 1994. Der Verlag hat dieses Buch zum Download frei-
gegeben: http://www.egg-praxis.ch 
5  Berlin, Insel Verlag, 2014

 

Reinhard Egg, 75 Jahre alt, studierte Psychologie und Theologie. Er war 9 Jahre Jugendpfarrer in Chur, 18 Jahre Gemeindepfarrer in Erlenbach und 12 Jahre Spitalseelsorger in Wald. Daneben baute er mit seiner Frau Ruth eine Praxis auf. Unter-richtstätigkeit am Freien Gymnasium und am Gymnasium Hohe Promenade in Zürich.
Er ist Verfasser der Bücher «Herr, schenk mir Geduld, aber bitte sofort!» und «Mehr haben vom Leben: Dankbar sein», beide erschienen im Brunnen-Verlag, Basel.

Ruth Egg-Altorfer, 68 Jahre alt, war Primarlehrerin. Sie ist Beratende Seelsorgerin, dipl. BTS/bcb, ACC, Beraterin SgfB und Partnerin in der Biblisch-Therapeutischen Praxis ihres Ehemannes Reinhard H. Egg. Reinhard und Ruth Egg sind seit seit 45 Jahren verheiratet; 3 erwachsene und verheiratete Kinder, mehrere Enkelkinder.
www.egg-praxis.ch

 

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