Alter und Gemeinde

Wie die christliche Gemeinde mit älteren Menschen sinnvoll umgehen kann

Peter Marti Der Autor hat sich in einer Dissertation mit der Situation der älteren Menschen in unserer Gesellschaft befasst und aufgezeigt, wie diese Lebensphase in christlichen Kirchen und Gemeinden sinnvoll begleitet werden könnte. Er spricht im Folgenden einige wichtige Aspekte an.


Berner Forscher wollen das Altern verlangsamen und haben dazu eine Studie in der Fachzeitschrift «Cell» veröffentlicht. Eine neue Zelltherapie ermöglicht, ungesunde oder defekte Zellen auszusortieren, so dass der Organismus 50-60% älter werden kann. Experimente an Dorsophila-Fliegen funktionieren schon1. Die Verlängerung des Lebens ist aber nicht alles. Trotz aller Bemühungen nehmen nämlich die Krankheiten und Gebrechen zu. Kürzlich wurde anlässlich des Weltkrebstages bekannt, dass in westlichen Ländern nicht nur jeder dritte Mensch im Alter an einer Krebsart leidet, sondern bald jeder zweite. Allerdings sterben viele dann letztlich an einer andern Krankheit oder Schwäche und nicht an Krebs.

Den Sinn finden, nicht erfinden
Philosophisch setzt sich u.a. der Bestseller-Autor Wilhelm Schmid mit dem Thema «Alter» auseinander. In seinem neuen Buch «Gelassenheit – was wir gewinnen, wenn wir älter werden2» zeigt er in 10 Schritten auf, wie die Gelassenheit, die im Älterwerden bei vielen abhanden kommt, wiedergewonnen werden kann.
Er definiert den Begriff so: «Gelassenheit ist das Gefühl und der Gedanke, sich in einer Unendlichkeit geborgen zu wissen, für die nicht wichtig ist, welchen Namen sie trägt3.» Schmid beobachtet, dass es nicht viele Ältere gibt, die sich persönlich mit dem Altern auseinandersetzen. Angst vor dem Älterwerden ist verbreitet in einer Kultur, die ewige Jugend anstrebt.
Das Alter soll aber akzeptiert werden – wie die Merkmale jeder anderen Altersphase. Und der Mensch bleibt endlich, in welchem Alter er auch stirbt. Das kann keiner ändern. Die Haltung dazu ist deshalb wesentlich. Wilhelm Schmid propagiert den Begriff «Art of Aging» statt «Anti-Aging», also die positive Kunst des Alterns statt der negative und auch illusionäre Kampf gegen die Falten im Gesicht und anderswo.
Schmid sucht nach Wegen, wie dem Alter Sinn gegeben werden kann. Das sei der Schlüssel dafür, lange jung zu bleiben, sagt Schmid.
Konkreter als Schmid hat der Psychiater Viktor Frankl über die Frage nach dem Sinn referiert. Er spricht vom Absoluten, gegenüber dem der Mensch verantwortlich ist, weil dieses Absolute (oder der Absolute) ausserhalb und überhalb des Geschöpfes Mensch steht. Demzufolge ist es nicht unsere Aufgabe, für unser Leben «irgendeinen» Sinn auszudenken. Er ist schon gegeben! Im christlichen Zusammenhang sind hier die Inhalte der Bibel entscheidend. Den Sinn meines Lebens schenkt mir Gott. Also «gebe» ich mir den Lebenssinn nicht selber, sondern ich «finde» ihn4.

Spiritualität wird im Alter wichtiger

Menschen kurz vor oder nach der Pensionierung ziehen oft Bilanz über das, was sie in ihrem Leben erreicht oder eben nicht erreicht haben. Existenzielle Fragen kommen vermehrt auf. Woher komme ich? Wozu bin ich da? Wohin gehe ich? Was ist letztlich der Sinn im Leben? Das sind Fragen, die zur Spiritualität, zu Gott oder zu einem Höheren führen. Nach Anemone Eglin, Theologin und Leiterin des Instituts Neumünster in Zürich, umfasst Spiritualität «all jene Erfahrungen, in denen Menschen tief berührt werden und sie in Kontakt mit etwas Grösserem kommen. Sie können es nicht in Worte fassen und spüren doch deutlich, dass es da ist.» Diese Erfahrung kann innerhalb oder ausserhalb der Kirche geschehen. Etwas von dieser Spiritualität ist in jedem Menschen zu finden. Die Sinnfrage kommt früher oder später in jedem Menschen auf.

Christen sind besser dran
Kann die christliche Gemeinde etwas dazu beitragen, dass Menschen das Altern auf eine gute und konstruktive Art annehmen und gestalten und sich auf ein erfüllendes «Viertes Alter5» vorbereiten können, unabhängig von physischen, psychischen oder äusseren Umständen?
Ich meine ja. Bei Interviews beobachtete ich, dass bekennende Christen, die an einen persönlichen Gott glauben, ihre Kraft, ihren Antrieb und ihre Perspektive nicht selber «erfinden», sondern diese Beweggründe aus der Bibel, dem Wort Gottes beziehen. Ihnen ist eine Ewigkeit in der Gegenwart Gottes verheissen. Eine Ablösung von dem, was gemäss der Bibel ohnehin vergänglich ist, scheint für viele einfacher, ja sogar logischer zu sein als der Zwang, an Dingen festhalten zu wollen. Wie kann ich das begründen?
Generell wird beobachtet, dass nicht nur in der Gesellschaft, sondern vermehrt auch in christlichen Kirchen und Gemeinden die Gruppe der Älteren im Vergleich zu allen andern Gottesdienstbesuchern stark anwächst. In meiner Gemeinde sind fast 50% der Mitglieder über 60-jährig. Dass diese Gruppe in den Gemeinden beachtet werden müsste, versteht sich, auch wenn die Ausrichtung der Programme normalerweise vor allem der Jugend Rechnung trägt.
Wer eine «geistliche» Perspektive für die Zukunft hat – nicht aus sich selber, sondern von Gott gegeben – kann getrost auf Gott und seine Zusagen vertrauen; er kann gelassen und ohne Angst in die Zukunft schauen, auch wenn diese nicht im Detail bekannt ist. Gott weiss es.
Fazit: Christen sind nicht bessere Menschen, sie sind nur besser dran, wie das jemand mal formuliert hat. Sie haben mehr Ressourcen für die gleichen Aufgaben, die von allen Menschen zu bewältigen sind, ob sie nun an Gott glauben oder nicht.

Die «Generation 3» sammeln und fördern
Engagierte ältere Christen, die an einem Reifungsprozess interessiert sind, wachsen im Glauben durch eigenes Bibelstudium, Besuch von Gottesdiensten und Gemeinschaft mit anderen Christen. Sie sind sich gewöhnt zu lernen, auch in Bezug auf das Altern. Die eigene Vergänglichkeit muss nicht bekämpft werden. Sie wird akzeptiert, und eine begründete Gelassenheit darf wachsen.
Die aktiven Pensionierten (drittes Alter) wünschen sich spezielle Anlässe, die auf die kommenden Veränderungen eingehen. Fachpersonen können eingeladen werden, die kompetent auf Altersfragen eingehen. So gelangen aktuelle Forschungsergebnisse zu den Menschen, die sie im Alltag brauchen. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis verringert sich. Christen haben ohnehin die Aufgabe, einander gegenseitig zu helfen und zu tragen. Dies gilt für alle Altersphasen, auch für die Senioren untereinander.
Es drängt sich deshalb auf, die «Generation 3» in einer christlichen Gemeinde als Gruppe zu sammeln und Themen zum gelingenden Älterwerden aus der Sicht verschiedener Disziplinen anzusprechen: theologisch, medizinisch, psychologisch, soziologisch usw. Ich habe in der eigenen Gemeinde sehr ermutigende Momente in dieser Richtung erlebt, die von vielen geschätzt worden sind.
Die «Generation 3» darf und soll lernen, die eigene Lebensphase realistisch einzuschätzen, sich an den neuen Möglichkeiten im Rentenalter zu freuen, aber auch mit den weniger angenehmen Aspekten des Alters zu rechnen und gut damit umzugehen. Wie gesagt darf Gelassenheit und Zufriedenheit zunehmen, auch wenn Leistungsfähigkeit und Kraft mit der Zeit abnehmen. Christen haben die Chance, sich im Alter vermehrt nach Gott auszustrecken und nach der Erfüllung dessen, was er in seinem Wort verheissen hat. Das erachte ich als ein Vorrecht.

1  «Der Bund» vom 16.1.2015
2  Insel-Verlag, Berlin
3  S. 106
4  Siehe das Kapitel «Lebenssinn bei Viktor Frankl» und die nachfolgende Diskussion in meiner Dissertation, S. 60ff.
5  Im vierten Altersabschnitt sind Menschen, wenn sie ihr Leben nicht mehr ohne Hilfe, Unterstützung und Pflege bewältigen können. Das geschieht oft im Alter zwischen 70 und 90.
6  veröffentlicht 2014 im LIT-Verlag: Münster, Wien, Zürich

 

Dr. theol. Peter Marti (bald 72) ist verheiratet mit Bertie, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Kehrsatz bei Bern. Er doktorierte 2012 mit der Dissertation «Das Zusammenspiel von Wohlbefinden und Lebenssinn in der Entwicklung zum Alter: Eine praktisch-theologische Studie6». 

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