Bildende Kunst

Paradoxes Décor

Andreas Widmer Vier Gekreuzigte ohne Kreuz an der weissen Galeriewand. Gekrümmt — unverkennbar wie auf Matthias Grünewalds berühmtem Isenheimer Altar. Überwuchert von —nein — gebildet aus messerscharfem Nato-Draht.

Razor blade wire – Rasierklingendraht. Schreiende Christusse, gebildet aus dem Leidensinstrument Dornenkrone. Es ist zuviel. Mindestens ein Christus zuviel, zuviel Leiden, zuviel Gewalt und Schmerz. Eine Zumutung.

Den Schrecken bannen?
Dieses Zuviel ist Absicht. Zu Beginn plante Adel Abdessemed drei Figuren. Wohl um mögliche Assoziationen mit der Trinität Gottes oder mit den drei Kreuzen auf dem Golgathahügel auszuschliessen, fügte er eine vierte hinzu. Die Vierzahl bildet eine Reihung, die potenziell weitergeführt werden könnte und das Motiv zum Muster, also zum Décor – daher der Werktitel – umwandelt.
Dies ist ein Verfahren, um den Schrecken auf Distanz zu halten. Die Repetition des Schrecklichen wendete schon Andy Warhol in den 1960/70er Jahren oft an. Fotos eines tödlichen Verkehrsunfalles, einer blutigen Demonstration oder eines elektrischen Stuhles wurden von ihm per Siebdruck in regelmässiger Anordnung auf Leinwand vervielfältigt. Das Motiv erfährt eine paradoxe Bestätigung – bei gleichzeitiger Abwertung des individuellen Geschehens – und wird zum flächendeckenden Muster. Es mag sein, dass Warhols Bildtafeln der elektrischen Stühle den unmittelbaren Schrecken, der mit dem Anblick einer einzigen Abbildung verbunden ist, bannen können, gleichzeitig brennen sich aber diese Bilder gerade durch die Repetition umso mehr ins Gedächtnis. Nicht mehr unbedingt verbunden mit dem ursprünglichen Schrecken, eher mit der beunruhigenden Frage, ob diese Reihe denn nie fertig sei, ob dieser Schrecken kein Ende habe.
Genauso wirkte nach 9/11 das ständige hartnäckige Wiederholen der Zerstörung der Twin Towers: das
Bedürfnis, den Schrecken durch Wiederholung zu bannen, brannte sich mit bangen Fragen ins Bewusstsein.

Ein paradoxes Zeichen

Abdessemed will provozieren, schockieren, anklagen und in dieser Arbeit wohl auch gegen die Religion polemisieren1. Es geht ihm immer darum, starke, laute Zeichen zu setzen. Er ist ein Mann der Zeichen. Allerdings unterliegen auch starke Zeichen, wenn sie sich zu sehr auf die uns allen vertraute mediale Vermittlung erschütternder Ereignisse beziehen, der Gefahr baldiger Abnutzung. Zu schnell werden sie von der Tagesaktualität überholt.
Deshalb wohl wählt Abdessemed das Christussymbol. Bildet doch dieses in unserer Kultur tief verankerte Symbol den grösstmöglichen Gegensatz zu Bildern z.B. von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer, welche den Künstler ebenso zu einer eindrücklichen Installation inspiriert haben («Hope» 2011-2012). Darum wird auch die Vervierfachung bei «Décor» nötig: der Künstler möchte menschliches Leiden zeigen. Er muss dazu das ursprüngliche Symbol seines christlichen «Zweckes» möglichst entledigen – deshalb die Multiplikation zum Muster. Dennoch muss Schrecken oder Leiden unmittelbar erlebbar bleiben. Etwas, das einem Muster oder Ornament ja völlig widerspricht. Mit der Wahl des aggressiven Materials und der Verwendung der wohl krassesten Leidensdarstellung Christi der Kunstgeschichte gelingt es dem Künstler, dieses Paradox zu lösen.
Vemindert die religionsskeptische Vervielfältigung des christlichen Zentralmotivs dessen Wirkung? Mich dünkt, dass gerade das Gegenteil geschieht: Abdessemed vermag menschliches Leiden gerade mit Verweis auf den Menschen, der nicht nur Mensch war, mit seinem zeitgenössischen Material drastisch und höchst eindringlich für unsere Gegenwart sichtbar zu machen – ohne auf sich abnutzende Nachrichtenbilder zurückzugreifen. Er kreiert eine zeitgenössische Darstellung des Leidens, die von einem Aussen, das nur die (christliche) Religion bereitstellen kann, in unsere medial vermittelte Bilderwelt hereinbricht – und damit die Figur Christi um eine neue Facette bereichert.

Andreas Widmer ist freischaffender Künstler und Lehrer für Bildnerisches Gestalten und Herausgeber von «Bart — Das Magazin für Kunst und Gott».

andreaswidmer@STOP-SPAM.gmx.ch 

info@STOP-SPAM.bartmagazin.com

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