Kirchen

Weder Karl noch Charlie

Peter Schmid Warum bin ich nicht Charlie, obwohl ich die freie Meinungsäusserung für eines der kostbarsten Güter halte? Überlegungen zur Mission eröffnen den Weg zu einer differenzierten Antwort.

Wenn Weltgeschichte gemacht wird durch Eroberer, Erfinder und Verfechter grosser Ideen, verstehen wir – so meine These – die aktuellen Konflikte besser, wenn wir sie unter dem Gesichtspunkt von Mission1 betrachten. Die drei monotheistischen Religionen geben der Weltgeschichte ein Ziel. Der Knecht Gottes wird zum Licht der Nationen2. Christen gehen daran, dem Herrn des künftigen Äons durch ihr Zeugnis den Weg zu bereiten3. Völker ringen um den Segen, der Abraham verheissen wurde4. Missionare wollen zum Segen führen. Die Botschaft verlangt Öffentlichkeit, mit ihrer Aufnahme entsteht Freiheit5.

Zuerst gewaltlos
Nach grandiosen, gewaltlosen Anfängen6 erlahmte die christliche Mission. Seit Kaiser Konstantin instrumentalisierten Herrscher die Botschaft. Auch Karl der Grosse erlag der Versuchung, sie mit dem Schwert zur Geltung zu bringen. Die Reformatoren stützten sich auf Fürsten und Räte. In Asien schwer zurückgeworfen7, hat die Missionsarbeit in der Neuzeit wieder Fahrt aufgenommen. Der Zugriff westlicher Staaten und Firmen auf die Schätze anderer Erdteile verhöhnte zwar das Evangelium, doch ergriffen Christen die Chance, es dort liebevoll weiterzugeben.

Fortschritt als Mission
Ihre Bildungs- und Aufbauarbeit geschah unter europäischen Vorzeichen8. Schon im 19. Jahrhundert wurde sie überschattet von der Dynamik der westlichen Zivilisation9, welche den Rest der Welt überrollt und umgemodelt hat. Der im Christentum angelegte betörende Gedanke der Freiheit hat sich säkular verselbstständigt – Gott sei Dank für die Religions- und Meinungsäusserungsfreiheit! Andererseits treibt Freiheit grelle und giftige Blüten10. Die Technikfortschritte und Mobilitätssprünge der letzten Jahrzehnte haben das Christentum global transformiert. Christliche Mission, mit der säkularen Dynamik verquickt, schillert: Sie bedient sich wirkungsvoll ihrer Mittel, etwa der Medien, wird aber auch durch ihre Macher-Mentalität verformt11.

Verblasster Glanz

Seit ihrer Frühzeit ist die christliche Mission mit Nachahmungen konfrontiert. Um 615 trat Mohammed mit der Antithese «Allah hat keinen Sohn» auf. Islamische Heere verschafften dem Kult aus der Wüste weit über Arabiens Grenzen hinaus Achtung und überrannten später Teile Europas. Dass auf den kulturellen Aufstieg und die Machtentfaltung12 später der Niedergang und die Fremdbestimmung folgten, macht Muslimen zu schaffen. Denn es bedeutet: Der Anspruch, mit einer anderen Lichtgestalt als Jesus der Welt Frieden zu bringen, konnte nicht eingelöst werden. Gegen das Scheitern bäumen sich Islamisten auf, indem sie angeblich urtümliche islamische Lebensformen propagieren und versuchen, sie andern aufzudrängen oder mit Terror aufzuzwingen.

Verhärtung
Unter dem Halbmond wurden die Völker über Jahrhunderte vom Licht des Heils, das in Jesus leuchtet, abgeschirmt13. Damit fehlt islamischen Gesellschaften, was den Westen vorangebracht hat. Infolge der anti-christlichen Verhärtung wurden weder das Evangelium der Versöhnung noch die Errungenschaften der Aufklärung breiter übernommen. Mit Petrodollars haben Sunniten zwar die höchsten Türme der Welt hinklotzen und islamische Mission neu in Bewegung setzen können14. Doch schon lange vor der «Arabellion» trieb der Niedergang viele Muslime dazu, nach anderen Verheissungen zu suchen.
In dieser Situation tun tiefgehende Religionskritik und nüchterne Dialoge Not. Beidem ist Raum zu geben, auch von missionarisch gesinnten Christen15. Satire lenkt ab, blockiert und polarisiert, wenn sie die Ehrfurcht vor dem Göttlichen lästernd in den Schmutz zieht. Ich bin weder Karl noch Charlie.


1  Mission verstanden als: Sendung(sbewusstsein), Weltverständnis und die daraus folgenden Aktivitäten
2  Jes 42,6
3  Apg 1,8; Phil 2,10
4  1 Mose 12,3
5  Joh 8,31.32
6  2 Tim 3,10-12
7  Die Mongolen zerstörten die Kirche Zentral-asiens; islamische Herrscher verboten jedes Zeugnis in der Öffentlichkeit.
8  Eine der herausragenden Früchte: die indische Demokratie. Vgl. Vishal Mangalwadi: India, The Grand Experiment, 1997.
9  Diese Dynamik wurzelt in der westeuropäischen Reformation.
10  Narzisstischer Individualismus und Atheismus machen es nicht-westlichen Regimen leichter, die UN-Menschenrechte abzulehnen.
11  Nicht-westliche Christen zahlten und zahlen einen hohen Preis dafür, dass man ihre Religion als Ausdruck eines kolonialen oder römischen Machtanspruchs oder als Wegbereiterin massloser Freiheit und säkularer Haltlosigkeit abwertet.
12  Reiche der Moguln, der Safawiden, der Osmanen
13  durch Leugnung seiner Gottessohnschaft, Kreuzigung und Auferstehung
14  Dawa, islamische Mission, wird vor allem mit dem Bau von Moscheen und der Finanzierung von Koranschulen betrieben. In Zürich wollte ein hochgebildeter Araber Pastoren reihenweise kontaktieren, um sie zum Übertritt zu veranlassen.
15  Dazu gehört Selbstkritik durch Unterscheiden von Zielen und Methoden.

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW

peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

To top