Medien

Das mediale Böse

Thomas Hanimann Da segnet ein Priester im katholischen Uri ein lesbisches Paar und schon kochen die Medien. Die Schweizer Christenheit, oder zumindest der Katholizismus, scheint einmal mehr kurz vor der Auflösung zu stehen. Jedenfalls wenn man den Medien glaubt.

Ein etwas besonnenerer Medienmann meinte inmitten dieses Disputes, es wäre ja wohl jetzt an der Zeit, dass der betroffene Pfarrer und der verantwortliche Bischof einmal in Ruhe miteinander reden würden. Solche Signale zur Gesprächsbereitschaft kommen auch von den Betroffenen selber.

Ein neues Delikt
Ein Gespräch – das wäre für die Medien wohl das Ende der Geschichte. Denn im Grunde geht es ja um die Frage, ob eine Kirche, die eine Segnung von Gleichgeschlechtlichen ablehnt, heute noch ein Existenzrecht hat. Während der katholischen Kirche über Jahre Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wurde, hat man jetzt ein neues Delikt, das man ihr in den nächsten Jahren in den Medien vorwerfen wird: Homophobie.Wohl verstanden, es geht mir hier nicht um eine Verteidigung einer katholisch-konservativen Haltung in dieser Sache. Es geht mir auch nicht darum, diskriminierende Haltungen gegen Homosexuelle zu verteidigen. Es geht mir darum, zu verstehen, wie wir in den Medien – und manchmal vielleicht auch einfach wir Menschen untereinander – unsere Probleme lösen.

Medialer Kastengeist
Eine typische Begegnung mit den Medien könnte etwa so laufen: «Gehörst du zu den Guten oder zu den Bösen?»
«Äh, wie meinst du das?»
«Bist du für oder gegen Homosexualität?»
«Ehrlich, ich weiss es nicht! Der Bibel entnehme ich …»
«Aha, dann gehörst du zu den Bösen!»
«Eigentlich …»
«Genau: fundamentalistisch!»
«Eigentlich wollte ich sagen, dass uns die Bibel ein Liebesgebot gibt, das mich immer wieder neu vor eine riesige Herausforderung stellt.»
«Diese Antwort ist für uns Medien nicht geeignet. Wir brechen hier
ab!»

Evangelikale Muster
Einige evangelische Christen suchen in dieser Diskussion Verbündete: Zum Beispiel in der «konservativen» katholischen Ethik. «Die haben doch recht. Sie schätzen die Lebenswerte und sind uns näher als die ‚liberalen Reformierten‘!» Auch das ist wieder ein wunderschönes Cliché, allerdings verbunden mit einem Schönheitsfehler: «Liberale Katholiken» haben in diesem Denken eine doppelte Null auf dem Rücken: Sie haben keine richtige Lehre und keine richtige Ethik!

Medienkreuzzüge
Aha, so einfach ist das? Darum können auch die Medien so gut urteilen. Auch sie brauchen nur ihre Register von Gut und Böse zu ziehen und mit Geschichten zu dokumentieren. Ich bin ein grosser Fan von Medien. Journalisten leisten täglich eine hervorragende Arbeit. Aber wenn es dann zu «Medienkreuzzügen» gegen «die Bösen» kommt, stimmt mich das nachdenklich. Sicher, man darf einen Missstand anprangern. Das ist sogar eine wichtige Aufgabe der Medien. Aber Medien müssen nicht eine Selektion von Menschen vornehmen. Das wäre, wie wenn ein Lehrer seine Schulklasse in zwei Hälften aufteilen würde: Die einen Schüler erhalten jeden Mittwochvormittag ein Geschenk, die anderen eine Strafaufgabe.

Die medialen Heiligen
Zum Schluss nochmals zurück zum Fall des Pfarrers in Bürglen: Ich verstehe, dass ein solcher Vorfall die Medien interessiert, ja fasziniert. Aber ich finde es seltsam, dass sich die Medien damit selber zum Papst machen und die untergründige Botschaft vermitteln: «Hurra, auch wir haben jetzt unseren Heiligen!»

 

Thomas Hanimann ist Medienbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

thomas.hanimann@STOP-SPAM.insist.ch 

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