Medizin

Schmerz und Spiritualität

René Hefti Schmerz gehört zu den Grunderfahrungen unserer Existenz. Gemäss der medizinischen Fachliteratur gibt es einen impliziten Zusammenhang zwischen Schmerz, Leiden und Spiritualität. Ein Zusammenhang, der zunehmend auch empirisch untersucht wird.

Auf der Titelseite eines Standardwerkes zum Thema «Schmerz» (siehe Bild) erscheint der leidende Stephanus, der zwar nicht mit Steinen beworfen, aber mit Pfeilen beschossen wird. Sein Martyrium wird zum Sinnbild für Leiden und Schmerz und stellt beides in einen unmittelbaren religiösen Kontext. Auch Patienten stellen diesen Bezug spontan her: «Ein Drittel der chronisch Rheumakranken deuten ihre Erkrankung in religiösen Termini», so der Sozialmediziner Raspe (1990).

Ein Thema der empirischen Literatur — und der Kirchenväter
In der wissenschaftlichen Literatur wird diesem Zusammenhang in den letzten Jahren zunehmend Bedeutung geschenkt. Prof. Harold Koenig hat die publizierten empirischen Studien über Schmerz und Spiritualität in den «Handbooks of Religion and Health» (2001/2012) zusammengestellt. Einleitend weist Prof. Koenig darauf hin, dass das Thema Schmerz in allen religiösen Traditionen bedeutsam ist. Schmerz wird nicht nur als Übel verstanden, sondern als konstruktive Kraft. Damit eröffnet sich eine Sinn- und Entwicklungsperspektive, welche die Schmerzbewältigung positiv beeinflusst.
Bereits die Kirchenväter haben sich über den Umgang mit Schmerz
geäussert. So schrieb Clement im
2. Jahrhundert: «Wenn ein Christ an Schmerzen leidet, dann soll er Gott um Folgendes bitten: 1. Den Grund für die Schmerzen zu verstehen,
2. Befreiung von den Schmerzen,
3. Wenn das nicht möglich ist, um die Kraft, die Schmerzen zu tragen.» Dieser Ratschlag scheint mir auch heute noch sehr passend.

Religiöse Schmerzbewältigung
Gebet ist tatsächlich die am häufigsten praktizierte Form von religiöser Schmerzbewältigung (Cronan et al., 1989; Rosenstiel et al., 1983). Dies drückt sich auch im Sprichwort «Not lehrt beten» aus. Der Fokus wird dabei auf Gott und nicht mehr auf den Schmerz gerichtet. Insofern hat das auf Gott bezogene Gebet den Charakter der «Defokussierung». Die Aufmerksamkeit wird vom Schmerz weggelenkt, was die Schmerzwahrnehmung günstig beeinflusst. Turner & Clancy (1986) untersuchten Patienten mit «Chronic Low Back Pain1». Sie fanden heraus, dass im zeitlichen Verlauf die Schmerzintensität bei
denen, die Gebet als Bewältigungsstrategie einsetzten, abnahm. Der Schmerz wird also durch «mentale» Faktoren mitbestimmt. Diese zentralnervösen Einflüsse modulieren über den Gate-Kontroll-Mechanismus (Melzack et al., 1965) die Schmerzwahrnehmung.
Wiech et al. (2008) vom Oxford Center for Functional Magnetic Resonance Imaging of the Brain konnten zeigen, dass bei Katholiken die Schmerzsensitivität durch das Betrachten eines religiösen Bildes reduziert wurde. Dieser Effekt war verbunden mit einer Aktivierung des rechten präfrontalen Cortex, einer Hirnregion, die mit kognitiver Downregulation und emotionaler Neubeurteilung von Erfahrungen zu tun hat. Damit kann einer Schmerzerfahrung eine neutrale oder sogar positive Bedeutung gegeben werden, was wiederum die Schmerzbewältigung begünstigt.Eine eigene Studie an 183 chronischen Schmerzpatienten (Hefti, Laun 2015), welche im Zentrum für Schmerzmedizin in Nottwil durchgeführt wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen religiösem Coping2 (RCOPE, Pargament 2011) und Schmerzbewältigung. Positives religiöses Coping korrelierte positiv mit Schmerzdistanzierung, kognitiver Neubewertung und Selbstwirksamkeit. Negatives religiöses Coping beeinträchtigt die Schmerzakzeptanz, welche einen wichtigen Faktor in der Schmerzbewältigung darstellt. Die Studie gibt damit einen vertieften Einblick in das Zusammenspiel zwischen Religiosität und psychologischer Schmerzbewältigung und eröffnet konkrete Ansatzpunkte für eine spirituell erweiterte Schmerztherapie.

1   chronische Rückenschmerzen
2  Religiöses Coping = Bewältigung unter Einsatz «religiöser Mittel»


Dr. med. Albrecht Seiler ist leitender Arzt Stationäre Dienste und Stv. Chefarzt in der Klinik SGM, Langenthal.
albrecht.seiler@STOP-SPAM.klinik-sgm.ch

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