Naturwissenschaften

Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen

Konrad Zehnder Kürzlich stiess ich auf einen spannenden Text aus der Vergangenheit, dessen Gedanken so aktuell sind, dass ich sie gerne auszugsweise wiedergeben möchte. Der Autor ist Bernhard Studer, erster Professor der Geologie an der damals neu gegründeten Universität in Bern. Der Titel seines Aufsatzes lautet «Glauben und Wissen, eine Rede, gehalten vor einem gemischten Publikum, den 8. Februar 1856».

Mit dem Wissen der damaligen Zeit vertraut, stand Bernhard Studer diesem zugleich auch kritisch gegenüber. Seine Zuhörer waren, viel ausgeprägter als wir heute, mit neuen, revolutionären Entdeckungen in den Naturwissenschaften konfrontiert. Die triumphierende, fast alles erklärende Naturwissenschaft stellte religiöse Autoritäten und Dogmen radikal in Frage.

Urkraft und Wirkungen
Studer beginnt mit der Feststellung, dass Glauben und Wissen auffallende Gegensätze sind, die dennoch untrennbar miteinander verbunden bleiben. Denn «weiss man doch nur, wenn man an die Richtigkeit erster, nicht weiter herzuleitender Grundsätze glaubt». Und «selbst der ungläubigste Materialist glaubt wenigstens an seine eigene geistige Überlegenheit». Er fragt weiter: «Sollte
denn wirklich ein Widerspruch bestehen zwischen Gott und der Natur? Zwischen der Urkraft und ihren Wirkungen?» Er ortet jedoch die Widersprüche nicht zwischen «religiösen
Wahrheiten» und «Naturwahrheiten», sondern zwischen «seriösen» Wissenschaftlern und solchen, die ihr angestammtes Wissensgebiet überschreiten und sich in fremdem Terrain als Experten aufspielen.

Neue Erkenntnisse
Studer geht auf drei damals immer wichtigere Bereiche der Naturwissenschaft ein, die «mit religiösen Interessen in feindliche Berührung gekommen sind», nämlich: die Astronomie, Geologie und Physiologie. Und er hinterfragt ihre Erkenntnisse in Bezug auf Glaubenskonflikte, die sie auslösen können.
In der Astronomie hat die Erde «nach unserer jetzigen Kenntnis eine geringere Wichtigkeit als das kleinste Stäubchen im Sand der afrikanischen Wüste.» Der Kosmos erscheint wie eine perfekte Maschine, deren Gesetzmässigkeiten die Menschen jetzt genau kennen. Der mittelalterliche Himmel mit der Erde im Zentrum und einem allmächtigen Gott, der die Gestirne lenkt, muss vor diesem Hintergrund zu einer klösterlichen Fantasie verblassen.
In der Geologie wird erkannt, dass die heutige Gestalt der Erde das Resultat einer unfassbar langen, gewiss viele Millionen Jahre alten Entwicklung sein muss. Anders ist es nicht zu erklären, dass auf den heutigen Hügelkuppen in der Umgebung von Bern Kies liegt, der einst von breiten Flüssen in ehemaligen Tälern abgelagert worden ist. Die Hügel bestehen aus Sandstein; die darin eingeschlossenen Pflanzen und Muschelschalen verweisen auf ein flaches, subtropisches Meer, in dem sie abgelagert worden sind; aufgrund der Mächtigkeit der Sandablagerungen muss dieses Meer während sehr langer Zeit existiert haben – Studer vermutet Jahrtausende. Für unermesslich lange Zeiträume in der Entwicklung des Lebens spricht auch die Erkenntnis, dass Tier- und Pflanzenarten, die als Fossilien in Gesteinsschichten lagern, um so stärker von den heutigen Tier- und Pflanzenarten abweichen, je weiter unten und damit älter die betreffenden Schichten sind. In der Physiologie kann nachgewiesen werden, «dass mehrere, früher der Lebenskraft zugeschriebenen
Prozesse Wirkungen bekannter physikalischer und chemischer Kräfte seien». Die vage Vorstellung einer Lebenskraft, die jenseits der Materie existiert, bröckelt deshalb immer mehr. Alles Lebendige scheint ausschliesslich aus Materie, aus physikalischen und chemischen Prozessen zu bestehen.

Unnötiger Streit
Studers Zeitgenossen sind erschüttert von der Erkenntnis, dass vormals geglaubte Dogmen über die natürliche Welt, die aus der Bibel abgeleitet worden waren, sich nun als Irrlehre entpuppten. Er verfängt sich jedoch nicht im Streit der Dogmatiker und stellt fest, dass beispielsweise ein gewaltiges Erdalter nicht im Widerspruch mit der «ehrwürdigen Poesie» der mosaischen Schöpfungsgeschichte, sondern lediglich mit ihrer rationalistischen Auslegung stehe. «Welche Veränderungen auch die Erdoberfläche im Laufe der Zeiten erlitten haben, der Anfang aller Dinge bleibt, nach wie vor, jenseits unserer Fassungskraft.» Studer mahnt sein Publikum, die Naturwissenschaft nicht gegen den Glauben auszuspielen und von der Naturwissenschaft nicht zu erwarten, dass sie alles erklären kann. «An dieser Grenze seines Wissens bescheidet sich der Mensch, auf eine Lösung der sich aufdrängenden Fragen zu verzichten, oder er wendet sich an den letzten Grund aller Dinge, er glaubt, wo das Wissen ihm versagt ist.»

 

Dr. Konrad Zehnder ist Geologe
ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch

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