Philosophie

Die souveräne Macht und das nackte Leben

Alexander Arndt Um die dreissigste Filmminute kommt es in Pasolinis «Das 1. Evangelium – Matthäus» von 1964 zur Berufung der Jünger. Sekundenlang ruht die zentralperspektivische Nahaufnahme auf dem Apostel Philippus – einem schüchternen jungen Mann. Wenige Filmsekunden später wird Jesus ihn wie ein Schaf «mitten unter die Wölfe» schicken.

Heute gilt der Darsteller des Philippus – Giorgio Agamben – als einer der «meistdiskutierten Philosophen der Gegenwart» und der Begriff des «Messianischen» als eines seiner grossen Themen.

Keine Angst vor Kontroversen
Dem 1942 in Rom geborenen Agamben geht es u.a. um die Wiederkehr eines philosophischen Rekurses auf das Religiöse und das paulinische Erbe, wobei er sich ausgewählt klassischer wie postmoderner Theoriegebäude bedient. Dazu gehören so unterschiedliche Denker wie Michel Foucault, Carl Schmitt, Walter Benjamin, Hannah Arendt und Martin Heidegger. Letzteren beiden ist er
als Student begegnet. Wer wie Agamben intellektuell den Spannungsbogen zwischen Vor- und Mitdenkern des Nationalsozialismus (Heidegger/Schmitt) und seinen entschiedenen Gegnern (Arendt/Benjamin) schlägt, dem ist um Kontroversen nicht bange.

Der unantastbare Mensch
Entsprechend kritisch wird sein über mehrere Bände angelegtes Homo Sacer-Projekt diskutiert. Ausgehend von Schmitts Begriff der Souveränität, die über den Ausnahmezustand gebietet, nähert sich Agamben mit Hilfe der antiken juristischen Figur des Homo Sacer1 der Idee des «nackten Lebens». Ziel ist die Politisierung der von jeglicher Verrechtlichung und Kulturalisierung entkleideten Substanz des Lebens. Das hochaktuelle Stichwort «Biopolitik» reicht im Zeitalter technischer Machbarkeit von den Grenzen des Lebens (Abtreibung, pränatale Diagnostik, Gentechnik) über die Situation der staatenlosen Flüchtlingsmassen bis nach Guantanamo.
Die ethische Brisanz liegt auf der Hand. Wer darf über das Recht auf Leben bestimmen? Wo liegen die Grenzen des Mensch-Seins? Agamben lässt seine Gedanken immer wieder um diese Fragen kreisen und überspannt den Bogen dabei bisweilen kräftig. So erklärt er im ersten Homo Sacer-Band das Konzentrationslager zum «nómos2 der Moderne» und sieht dies im Folgeband am Beispiel Guantanamos bestätigt. Auch im Auschwitz gewidmeten dritten Band drohen gewichtige Unterschiede eher vernebelt denn erhellt zu werden.
Doch es sind Walter Benjamins Reflexionen zum «Messianismus», die Agamben übernimmt und mit einer eigenen Lesart paulinischer Texte zur Idee des Ausnahmezustands in Beziehung setzt. Benjamin hatte die Hoffnung auf eine messianisch-versöhnte Welt vom Ende der Geschichte in die Möglichkeit der Jetztzeit verlegt.

Re-Theologisierung politischer Begriffe
In «Die Zeit, die bleibt» bemüht sich Agamben, den Römerbrief «als grundlegenden messianischen Text der westlichen Kultur wiederherzustellen». Was heisst, die «messianische Zeit» sei mit Christus angebrochen? Für Agamben ist klar: Nicht die Erwartung zukünftigen Heils verändert die Haltung des Menschen zum Sein, sondern dem Hier und Jetzt ist immanent eine radikale Bedeutungsveränderung eingeschrieben, so wie der Ausnahmezustand der Souveränität innewohnt. «Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch3.»
In Jesus und Pilatus analysiert er 2014 die Paradoxie, dem «Reich nicht von dieser Welt» in eben dieser Welt den Prozess zu machen. Wieder sind Begriffe, die sein Werk durchziehen, zentral – Macht, Gesetz, Zeugnis, Ausnahmezustand – chronos4 und kairos5 stehen sich spannungsreich gegenüber und verdeutlichen so die andauernde krisis6 des menschlichen Daseins.
Als Theoretiker der Krise scheut sich Agamben nicht, Fächergrenzen einzureissen. Nicht immer geht diese «schöpferische Zerstörung» auf. Seine Popularität mag selbst ein Krisenphänomen sein. Doch eine kritische Lektüre liefert Gedankenanstösse. Seine Re-Theologisierung politischer Begriffe demaskiert ihre Selbstverständlichkeit im Alltag und legt ihre «metaphysischen Anfangsgründe» (Kant) frei. Die Reflexionen über den Ausnahmezustand und das paulinische «als ob (nicht)»7 rühren an die Grenzen dieser Begriffe und loten die Möglichkeit einer anderen Welt aus.

Agamben, Giorgo. «Homo Sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben.» Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2002.
Agamben, Giorgo. «Die Zeit, die bleibt: Ein Kommentar zum Römerbrief.» Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2006.
Agamben, Giorgo. «Pilatus und Jesus.» Berlin, Matthes & Seitz, 2014.


1   der heilige – d.h. unantastbare – Mensch
2  Gesetz, Ordnung
3  Lk 17,21
4  lineare Zeit aufeinanderfolgender Ereignisse
5  Zeit der Ausnahme, der göttlichen Erfüllung/Intervention
6  Agamben deutet das griechische Wort im Sinne von «Trennung» wie auch als «Gerichtsverfahren» und spricht von einer «historischen krisis, die in gewissem Sinne immerfort stattfindet.»
7  1 Kor 7,29-31


Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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