Recht

Würdevolles Sterben

Simone Wyss und Markus Müller In der aktuellen Debatte über den Altersfreitod bzw. den begleiteten Alterssuizid fällt oft der Begriff des «würdevollen Sterbens». Gemeint ist damit das Sterben zu einem selbstgewählten Zeitpunkt. Würdevolles und natürliches Sterben werden damit bewusst oder unbewusst als Gegensatz dargestellt. Im ersten Fall bleiben wir jederzeit (einigermassen) Herr der Lage, beim zweiten geben wir die Zügel freiwillig aus der Hand. Ist der natürliche Tod also ein menschenunwürdiger Tod?

Die aktuelle Debatte suggeriert, dass Situationen der Abhängigkeit und des Kontrollverlustes, zumal in der Endphase des Lebens, den Menschen in einen würdelosen Zustand versetzen. Zu Recht?

Was ist mit Menschenwürde gemeint?
Die Menschenwürde gehört zu den ganz «grossen» Begriffen des Rechts. In Artikel 7 der Schweizerischen Bundesverfassung steht: «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.» Dabei gilt die Menschenwürde als Kern und Anknüpfungspunkt für alle anderen Grundrechte und ist Richtschnur für deren Konkretisierung. Was genau mit Würde gemeint und was von ihr unter Schutz genommen wird, ist indes alles andere als klar. Für das Bundesgericht beispielsweise ist die Menschenwürde das «letztlich nicht fassbare Eigentliche des Menschen und ist unter Mitbeachtung kollektiver Anschauungen ausgerichtet auf Anerkennung des Einzelnen in seiner Werthaftigkeit und individuellen Einzig- und allfälligen Andersartigkeit»1. Eine beeindruckende Formel, nur, was heisst sie? Juristische Begriffe, die zwar positiv besetzt, inhaltlich aber offen und wertungsbedürftig sind, laufen Gefahr, durch inflationären Gebrauch abgenutzt zu werden. Sie verkommen rasch zur hohlen Floskel, schlimmstenfalls droht ihnen gar eine missverständliche oder missbräuchliche Verwendung.
Fragen wir konkret: Welche Rolle spielt die Menschenwürde im Zusammenhang mit dem Sterben? Ist das bewusste Aus-der-Hand-Geben des Sterbeprozesses ein für den Menschen unwürdiger Akt, nur weil er sich dadurch in eine gewisse Abhängigkeit begibt? Sind wir auch im sonstigen Leben stets in unserer Würde tangiert, sobald wir nicht selbstständig entscheiden können? Nach schweizerischer Rechtsauffassung sind Unabhängigkeit und Autonomie keine zwingenden Elemente der Menschenwürde und das «natürliche Sterben» also nicht an sich unwürdig.

Christliche Wurzeln der Würde
Der juristische Zugang zur Frage des würdevollen Sterbens führt aber nicht weiter und spielt in der aktuellen Diskussion denn auch keine zentrale Rolle. Um den Gehalt der Würde festzulegen, mag ein Blick auf die christlichen Wurzeln des Würdebegriffs ergiebiger sein. Im christlichen Weltbild ist der Mensch zuallererst ein Geschöpf. Die Würde des Menschen ergibt sich aus seiner elementaren Abhängigkeit vom Schöpfer. Es gibt kein Leben, das unabhängig von Gott und von anderen Menschen wäre, nur der offensichtliche Grad der Abhängigkeit mag unterschiedlich sein. Die Würde des Menschen bleibt damit auch im Sterben bestehen, im Leiden und im Schmerz. Jesus hat dies vorgelebt. Und in jüngerer Zeit hat beispielsweise Papst Johannes Paul II. den Mut gehabt, auch als gebrechlicher, sterbender Mann sein Amt in Schwäche auszuüben. Er erntete dafür viel Bewunderung, aber auch Kritik.

Abhängigkeit in Würde

Das Verwenden des Würdebegriffs im Zusammenhang mit dem Sterben liegt an sich nahe. Erfolgt dies allerdings unreflektiert, kann das leicht zu Missverständnissen darüber führen, was «würdevolles Sterben» eigentlich ist. Dieses hängt nämlich nicht in erster Linie davon ab, ob jemand seinen Todeszeitpunkt frei festlegen kann, sondern entscheidet sich vielmehr nach den gesamten Umständen. Die aktuelle Diskussion rund um das würdevolle Sterben lenkt vom Wesentlichen ab: Als Mitmenschen, als Gesellschaft und als Staat sind wir gefordert, jedem Menschen im Leben und im Sterben mit Liebe und Respekt zu begegnen – gerade auch, wenn sein Weg mit Situationen der Abhängigkeit und des Schmerzes verbunden ist.

1  BGE 132 I 49 E. 5.1 S. 55

Dr.iur. Simone Wyss ist als Juristin tätig und Prof. Dr.iur. Markus Müller ist Ordinarius für öffentliches Recht.

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