Hirnforschung

«Der freie Wille ist zurück — und das ist gut so»

Interview: Dorothea Gebauer Das Hirn steuert unsern Willen. So wurden die Ergebnisse der neueren Hirnforschung bei vielen verstanden. Damit sei bewiesen, dass es keinen freien Willen gibt. Unsere Autorin hat mit dem Universitätsdozenten Joachim Bauer gesprochen, der kürzlich ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Er kommt zu ganz andern Ergebnissen.

Magazin INSIST: «Der freie Wille ist zurück und das ist gut so», schreiben Sie in Ihrem Buch. Wenn das stimmt, wo war er, bevor er von uns ging? War es die reduktionistische Sichtweise einer im 19. Jahrhundert stecken gebliebenen Naturwissenschaft? Was genau ist da erkenntnistheoretisch passiert?
Joachim Bauer: Spätestens seit Charles Darwin und Karl Marx war die über Jahrhunderte gepflegte Überzeugung ad acta gelegt, dass es alleine der Geist sei, der die Welt bewege. Dass alles Denken, alles Erkennen und jeder intellektuelle Diskurs in eine evolutionäre, biologische und soziale Realität eingebettet ist, bedeutet aber nicht, dass der Geist auf materielle Prozesse reduziert werden kann; erst recht nicht auf ein determiniertes, den simplen Gesetzen der Mechanik folgendes Geschehen. Die Welt des Geistes ist zwar ein Kind der Biologie, die Produkte des Geistes führen aber ein Eigenleben: Die Musik Chopins lässt sich nicht aus den Baumerkmalen des Steinway-Flügels erklären, auf dem sie gespielt wird.

Wie kann es sein, dass die Neurobiologie sich so täuschte und inzwischen eine so ganz andere Wahrheit verkündet? Musste der Weg zuerst über andere Wissenschaften führen?
Nicht «die Neurobiologie» lag falsch, sondern einige Kollegen, die Befunde falsch gedeutet haben. Benjamin Libet fand in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts etwas Wichtiges heraus: Bei Versuchspersonen, die sich in den nächsten Sekunden entscheiden müssen, einen Finger zu heben, tut sich im Gehirn jedes Mal schon kurz vor der Entscheidung etwas. Der Fehler war, dass Libet – und nach ihm Gerhard Roth und Wolf Singer – daraus den Schluss gezogen haben, nicht die Person selbst, sondern das Gehirn habe entschieden. Dass das Gehirn kurz vor einer Entscheidung ein Bereitschaftspotenzial aufbaut, bedeutet noch lange nicht, dass das «Ich» entmachtet ist. Eine Arbeitsgruppe an der Berliner Charité hat das in einer Studie, die dieser Tage in einem Spitzenjournal erschienen ist, nochmals klar gezeigt1.

Um jedoch wieder den Hut des Neurobiologen aufzusetzen: Wo sitzt denn der freie Wille genau, wo ist seine Heimat?

Im Stirnhirn, im sogenannten Präfrontalen Cortex. Dort laufen nicht nur aus der Aussenwelt, sondern auch aus dem eigenen Körper Informationen ein. Alle diese Informationen werden gewichtet, bewertet und miteinander abgeglichen. Daraus ergeben sich in einer gegebenen konkreten Situation immer mehrere Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten, deren jeweilige Folgen sich in etwa abschätzen lassen. Das ist es, was vernünftigerweise als «freier Wille» bezeichnet wird. Freier Wille bedeutet nicht, dass wir uns oder die Welt neu erfinden können. Der Ort des freien Willens ist die reale Welt.

Ihre Publikation «Selbststeuerung» ist ein grosses Plädoyer für den freien Willen. Sie sagen etwa: «Determinismus ist eine Ideologie, die jede Initiative, Kreativität und Entschlossenheit lähmt. Alles, was uns bliebe, wären Serien verhängnisvoller Ursachen, die ihren Anfang einst in der frühen Kindheit, vielleicht schon bei der Zeugung oder im Moment des Urknalls nahmen.» Können Sie uns weitere Beispiele nennen, die deutlich machen, wie unterschiedlich Leben gelebt wird, je nachdem, welcher Haltung man beipflichtet?
Es gibt mindestens drei Möglichkeiten, bei einem gesunden Menschen den freien Willen ausser Kraft zu setzen: Die erste besteht darin, jemandem weiszumachen, die Wissenschaft habe den freien Willen widerlegt. Experimente zeigen, dass Personen, die man davon überzeugt hat, sich daraufhin deutlich unmoralischer benehmen. Die zweite Möglichkeit ist, einen Menschen unter Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung zu stellen oder jemandem sonst irgendwie Stress zu machen. Einen freien Willen kann ich nur ausüben, wenn ich Zeit habe, innezuhalten und in Ruhe nachzudenken. Die dritte Möglichkeit ist, einem süchtigen Lebensstil zu folgen, also immer alles zu essen, zu trinken oder zu kaufen, was einem billig angeboten wird – oder süchtig am Bildschirm oder Smartphone zu hängen.

Sie argumentieren weiter, dass im Zuge deterministischer Denke persönliche Verantwortung abgeschafft wurde. Sind wir nicht längst von dieser Ideologie durchtränkt und haben Mühe, sie abzuschütteln?
Ja, aber warum? Wir sind auf dem Weg in eine süchtige Gesellschaft. Keiner glaubt mehr, dass wir etwas verändern können. Die Verhältnisse ändern wollen und notfalls eine Revolution machen, das war einmal. Eine Revolution bekommen wir in den westlichen Ländern nur noch dann, wenn man uns die Suchtmittel wegnimmt, mit denen wir uns alle zudröhnen: den billigen Alkohol, das billige Food, die Chips vor der Glotze, die Smartphones und das Internet.

Sie plädieren in Ihrer Publikation dafür, dass Menschen nicht, wie manchmal der Zeitgeist zu suggerieren scheint, den Impulsen aus dem Bauch heraus Folge leisten, sondern sich rationalen Zielen unterordnen sollten. Sie ermutigen dazu, sich der «Trickkiste des Geistes» zu bedienen. Ist das nicht völlig uncool? Kehren wir nicht wieder zurück zur schwarzen Pädagogik und zur Lustfeindlichkeit, von der wir uns endlich verabschiedet hatten?
Jeder soll nach seiner Fasson selig werden, jeder soll leben, wie er oder sie will. Ich finde es uncool, jemandem Vorschriften zu machen und mache das auch in meinem Buch nicht. Fakt ist aber, dass jeder Mensch zwei Systeme in sich trägt: Das Triebsystem arbeitet von unten nach oben, man kann es auch als Reptiliengehirn bezeichnen, weil es evolutionär sehr alt und schon bei niederen Tieren vorhanden ist. Das andere System arbeitet top-down, es kann langfristig vorausplanen und Bedürfnisse, die das Reptiliengehirn sofort befriedigt haben will, aufschieben. In den meisten Situationen des Lebens hat man am Ende mehr Erfolg, wenn man durchhalten und auf eine Belohnung warten kann. 

Besonders spannend wird das Thema Selbststeuerung im Umgang mit Krankheit und Stress, grob gesagt mit der eigenen Gesundheit. Sie nennen es «das Hoheitsgebiet der Selbststeuerung» und weisen ihr immense Möglichkeiten zu.

Bei Menschen, die einen Lebensstil pflegen, der auf kurzfristige, schnelle Genüsse aus ist, sind Gene aktiviert, die das Risiko für Herzkrankheiten, für Krebs- und für Demenzerkrankungen erhöhen. Wer aber auf sich achtet, wer selbstfürsorglich mit sich umgeht, so wie es gute Eltern mit ihrem Kind machen würden, der aktiviert seine Selbstheilungskräfte.

Beim Umgang mit dem alternden Menschen vertreten Sie interessante Thesen. Sie ermutigen Pflegende, die Selbstkräfte der älteren Menschen, solange wie es eben nur geht, zu stützen und dabei sogar Risiken einzugehen. Schildern Sie uns bitte warum.
Ich habe in den 90er-Jahren bei Alzheimer-Patienten Lebenslaufstudien durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen, die in mittleren Lebensjahren ihre Autonomie einbüssen und dann beim Eintritt ins Alter einem schweren Stressereignis ausgesetzt sind, ein erhöhtes Alzheimerrisiko haben. Autonom zu leben ist für das Gehirn genauso wichtig wie es für den Körper wichtig ist, sich zu bewegen und etwas Sport zu treiben.

Wenn jemand eine schlimme Diagnose wie Krebs oder anderes erhalte, sei beides fatal: falsche Hoffnungen und falsche Hoffnungslosigkeit. Was hilft denn in dieser Situation, die Selbstkräfte zu stärken und sich selber zu steuern?

Hier kommt Ärzten, die Krebskranke behandeln, eine wichtige Rolle zu. Ärzte sollen – trotz einer ernsten Diagnose – den Patienten ermutigen, auf sich zu achten und gesund zu leben: Ärzte, die das tun, flössen ihren Patienten Mut und Hoffnung ein, was dann wiederum die Selbstheilungs- kräfte stärken kann. Dass viele Ärzte ihren Krebspatienten keine psychologische Unterstützung geben, hängt mit dem Zeitmangel in unserer modernen Medizin zusammen; aber auch damit, dass viele Ärzte bei Krebserkrankungen selbst innerlich resignieren und die Selbstheilungskräfte ihrer Patienten sträflich unterschätzen.

Erlauben Sie, Ihnen noch eine persönliche Frage zu stellen: Wie praktizieren Sie Ihre eigene Selbststeuerung? Sie haben mehrere Hüte auf, sind Arzt, Psychotherapeut und Neurobiologe. Sie schreiben, publizieren, halten Vorträge und führen ein glückliches privates Leben.

Ich habe mich in meinem Leben – schon von Kindheit an – mit vielen äusseren und inneren Schwierigkeiten herumquälen müssen, so wie fast alle anderen Menschen auch. Manchmal wundere ich mich, dass ich am Leben trotz alledem immer noch Freude habe und meine Arbeit gerne mache. Das Geheimnis ist vielleicht, dass ich in kritischen Phasen immer irgendeinen hilfreichen Menschen an meiner Seite hatte.

1  Schultze-Kraft und Kollegen, PNAS 113:1080, 2016

 

Prof. Joachim Bauer ist Autor von viel beachteten Sachbüchern. In ihnen fasst er zusammen, was in den letzten Jahren zum Schwerpunkt seiner Arbeit als Arzt und Forscher wurde: Wie lassen sich Erkenntnisse aus der Genforschung sowie aus der Hirnforschung für die klinische Tätigkeit des Arztes, aber auch für den ganz normalen Alltag des Menschen nutzbar machen? Im Zentrum steht für Bauer dabei die Frage: Welche Bedeutung haben Lebensstile, zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen, aber auch die Art, wie wir selbst Beziehungen gestalten, auf die biologischen Abläufe und damit auf die Gesundheit unseres Körpers?

 

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