Essay

Die Qual der Wahl

Charissa Foster In unserer freien westlichen Welt scheint die Zahl der Optionen unbeschränkt zu sein. Diese Wahlmöglichkeiten bringen uns unter den Druck von gesellschaftlichen und mitmenschlichen Erwartungen. Und damit steigt die Furcht vor der falschen Entscheidung.

Wie viel würde ich aufgeben, um diesen Erwartungen zu entfliehen! Vielleicht sogar mein menschliches Leben…

Ein Leben ohne Wahlpflichten

Die endlosen Wahlmöglichkeiten, auf die ich von Kind an aufmerksam gemacht worden bin, können mich manchmal beengen. In welche Berufsrichtung will ich gehen? Was soll ich aus meinem Leben überhaupt machen? «Die Welt liegt dir zu Füssen», wurde mir immer wieder versichert. Aber im Labyrinth der Möglichkeiten finde ich keinen Durchweg. Der Zwang, ständig Entscheide treffen zu müssen, überfordert mich. Die vielen Optionen schlingen sich um mich wie Efeu, und sie rauben mir die Energie. Da wäre es doch praktisch, wenn ich mich ab und zu in eine Zimmerpflanze verwandeln und das Leben auf später verschieben könnte. Als Pflanze hätte ich keinen Bedarf zu wählen und fremden – oder meinen eigenen – Erwartungen zu entsprechen. Ein Misserfolg wäre nicht mehr zu befürchten. Ich müsste mich auch nicht darum kümmern, welche Art von Pflanze ich sein soll. Und mir wäre es egal, wie oder wo ich wachsen würde. Schade, dass ich mich nicht einfach so in ein Gewächs verwandeln kann. Nun, wahrscheinlich wäre das auch viel zu einfach. Statt mich in eine Pflanze zu transformieren, könnte ich aber wenigstens etwas von ihr lernen.

Die Schönheit der Lilie
Im Neuen Testament gibt es eine Stelle, die nachdenklich macht. Es heisst dort, dass wir von den Lilien auf dem Feld lernen sollten. «Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen1
Nicht einmal der prächtigste König der biblischen Welt konnte sich so schöne Kleider leisten, wie sie die wilden Blumen tragen. Und dazu kommt: «Sie arbeiten nicht und spinnen nicht2.» Wahrscheinlich wüsste auch der Evangelist Matthäus, der hier von Salomo spricht, wie einfach es wäre, eine Pflanze zu sein. Klugerweise wusste er aber auch, dass die Lösung für die Probleme seines Lebens nicht in einem Blumentopf liegt. Matthäus beleuchtet die grossen Unterschiede zwischen Mensch und Natur. Anders als die Pflanzen haben wir die Aufgabe zu spinnen – oder was auch immer zu arbeiten – und uns so mit etwas Sinnvollem zu beschäftigen. Im Gegensatz zu uns sind Pflanzen hirn- und hilflos. Und haben keine Zukunft: heute da, morgen weg. In den Augen der Welt sind sie nichts wert. Trotzdem werden sie von ihrem Schöpfer sorgfältig betreut. Vielleicht gerade weil sie so vergänglich und zerbrechlich sind.

Dankbar sein für die Freiheit
Wenn ich meine Umgebung mit offenen Augen anschaue, sehe ich schnell, wie gesegnet ich eigentlich bin. Wenn ich mein westliches Leben und all seine mühsam vielfältigen Möglichkeiten mit dem Leben der Menschen vergleiche, die gar keine Freiheit haben, eine Wahl zu treffen, erscheint plötzlich alles in einem anderen Licht. Viele Menschen haben im Gegensatz zu mir nur noch eine Option: den Versuch, zu überleben. Manchmal denke ich, dass ich ohne Entscheidungsschwierigkeiten wirklich frei wäre: frei von Verantwortung, frei vom Versagen. Aber Gott hat mich genau mit dieser Entscheidungsfreiheit begabt, nicht als Strafe, sondern aus Liebe. Darum will ich diese Freiheit schätzen lernen. Ich darf meine zahlreichen Möglichkeiten mit offenen und dankbaren Händen akzeptieren, eine Wahl treffen und sie dann ausnützen. Vielleicht werden die Welt und meine Mitmenschen mich manchmal als Versagerin sehen. Aber ich glaube, dass ich von einem Gott geschaffen wurde, der so viel Sorgfalt in eine zarte Lilie investiert hat. Wie viel mehr wird dieser Gott mich versorgen! Diesem Gott traue ich zu, dass ich kein Misserfolg sein werde.

1  Mt 6, 29
2  Mt 6,28

 

Charissa Foster ist Praktikantin bei derSchweizerischen Evangelischen Allianz (SEA)

CFoster@STOP-SPAM.each.ch

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