Kirchen

«I do it my way»

Peter Schmid Gospel-Gottesdienst. Die Silbergeneration ist auch im Chor gut vertreten. Auf breiter Bühne legen die Sängerinnen und Sänger los: «The Lord is good; He reigns forever; He is merciful; bless His Holy Name!» Der Pfarrer liest aus Galater 6: «Was der Mensch sät, das wird er ernten.» Dem nächsten lüpfigen Lied des Gospel-Chors hat wohl Frank Sinatra Pate gestanden: «I do it my way, I sing and pray …»

Ich beginne mich zu fragen, wie das zusammengeht: Gottes ewige Herrschaft – und dass ich es, auch im Singen und Beten, my way, auf meine Weise tun soll1. Ist es so, dass Gott herrscht, den Gang der Dinge bestimmt – und mich zugleich in seiner Güte und Barmherzigkeit auffängt, wenn ich stolpere? Dass er mich aus der Sackgasse zurückleitet, das Pflästerli für mein blutendes Knie parat hat? … Der Pfarrer liest vom Galaterbrief so viel, dass klar wird: Geht der Mensch seinen Weg, erntet er auch Negatives – Gott verhindert es nicht. Und nach Jesu Gleichnis lässt Gott das Arge wie Unkraut im Weizen reifen bis zum Ende der Weltzeit2.

My way-Gesellschaft
Doch jetzt ist my way Trumpf. Autonomie, Wählen ohne Grenzen. Schweizer wählen Beruf und Freunde, den Partner, Fitness- oder Happiness-Strategien, die Lebensform, die Reise nach down under. Sie gefallen sich in der postmodernen Rolle, wählen zu können, ohne sich festzulegen3. Manche wählen das atemraubende Risiko, stürzen sich im Wingsuit vom Felsen. Einzelne wählen eine Identität oder ein anderes Geschlecht.
Wie kann man bei derart selbstgefällig ausgereizter Autonomie noch von Gottes Herrschaft singen? Ich finde die Antwort nicht. Umso weniger als sich die beschriebene Kluft auch im Zusammenleben zeigt. Infolge weitgehender Ablösung vom christlichen Bezugsrahmen ticken wir heute als my way-Gesellschaften. So wie der Einzelne nach Glück strebt, zielt die Gesellschaft auf den Erfolg und glaubt an den Fortschritt. Dieser Glaube, heute säkular, hat seine Wurzel im christlichen Geschichtsbild mit der Überzeugung, dass Gott endlich alles zum Guten wenden wird. Doch weil der Westen sich anderen Facetten des Geschichtsbildes (Gott richtet) entzogen hat, schlägt das Glücksstreben heute über die Stränge und ist ohne Gegengewicht haltlos.
Die Gesellschaft ist von der Multioptionalität überfordert, derer sie sich rühmt. Der Staat schafft es nicht, ihr mit dem Recht zu genügen. Denn die Verfechter neuer Optionen, Zauberlehrlingen gleich, schlagen mit grellen Verheissungen für haltlose, erlebnishungrige Konsumenten um sich. Social freezing4 – warum nicht? Ein Baby mit bestimmten Eigenschaften – heute möglich!

Die prophetische Stimme fehlt
Und die Kirchen? Die Freikirchen haben sich – ohne ganz auf Statements zu gesellschaftlichen Trends zu verzichten – in Nischen eingerichtet, in denen sie ihre Kultur pflegen. In ihnen schaffen sie es tatsächlich, Kerngehalte ihrer Identität der nächsten Generation weiterzureichen. Das ist viel wert, aber es wird am Rand des Mainstreams realisiert, ohne die Autonomie-Exzesse kräftig in Frage zu stellen. Dies tun auch die Landeskirchen nicht. Manche Pfarrerinnen und Pfarrer sehen es als ihre Aufgabe, Gottes gütige, helfende Hand in allem sichtbar zu machen, Falsch-Wähler und Gestrauchelte zu trösten. Selten sind überzeugende und einladende Plädoyers für den Glauben zu hören, Wortmeldungen in der Klarheit und Schärfe alttestamentlicher Propheten. Jesaja, wo bist du?
Können wir im Ernst von Gottes Herrschaft singen und Erweise seiner Güte erwarten, wenn unsere Gesellschaft unter der Fahne der Autonomie segelt, wenn wir zusehen, wie Forscher, Manager, Künstler und Politiker je an ihrem eigenen babylonischen Turm bauen? – Die Frage ist mir zu gross. Ich nehme sie mit in den nächsten Gospel-Gottesdienst.

1  Der Song «I do it my way» stammt von Lorenz Maierhofer.
2  Gal 6,8; Mt 13,30.41f.
3  Alex Kurz: «Zeitgemäss Kirche denken», Stuttgart, 2007, S. 52-58.
4  Einfrieren unbefruchteter Eizellen in der Hoffnung auf eine spätere Schwangerschaft.

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW.
peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch http://www.invethos.ch

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