Bibel

Ein Gott der Geschichte

Felix Ruther Im letzten Beitrag1 habe ich versucht, Schätze aus den langweiligen Namenslisten des Chronikbuches zu gewinnen. Ich sehe in diesen Listen aber noch einen anderen, versteckteren Gewinn.

S. Oishi von der University Virginia und Ed Diener von der University Illinois analysierten vor einigen Jahren die Ergebnisse einer gros-sen, multinationalen Umfrage zu menschlichen Grundfragen des Meinungsforschungsinstitutes Gallup2. Bei der Frage «Denken Sie, dass Ihr Leben einen bedeutsamen Sinn oder Zweck hat?» sagten Glaubende schlicht «Ja». In ihrem Kommentar bemerkten die Autoren lakonisch, dass Individualität, Reichtum, Bildung etc. offensichtlich nicht an die sinnstiftende Kraft des Glaubens heranreichen würden. Wie kommt das? Ich sehe in den Namenslisten versteckt eine mögliche Antwort.

Gott näher kennen lernen

Von Gott zu reden ist auf den ersten Blick noch nicht sehr informativ. Dieses Wort bedeutet in der Bibel aber sehr viel. Hier treffen wir auf den Gott der Väter – auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – oder den Vater Jesu Christi. In der Bibel ist Gott keine theologische Abstraktion. Er ist der, der sich in der Geschichte offenbart hat: dem Adam, Set, Enosch ... den ganzen Namenslisten entlang ... und durch die Geschichte – bis zu mir. Die Namenslisten erinnern uns, dass es um eine Geschichte geht, in der wir Wohnung nehmen dürfen oder in die wir hineingetauft werden können. Und wer um seinen Platz in der Geschichte Gottes weiss, der erfährt Halt, Orientierung und Identität.
In dieser Geschichte können wir erkennen, wie Gott wirkt. Der glaubende Rückblick lässt Irrwege und Umwege, gute und falsche Schritte ans Licht kommen und wird so zum Hinweis für die nächsten Schritte. Gott offenbart uns seine neuen Wege, indem er uns die Vergangenheit aufschliesst. In der Geschichte lernt man Gott kennen.

Orientierung mitten im Wandel

Unsere Zeit vergeht enorm rasch. Täglich werden neue Dinge erfunden, die bald wieder veralten. Alles unterliegt dem steten Wandel. Wer sich nicht ständig neu ausrichtet, verliert rasch die Orientierung. Diese Welt des permanenten Wandels droht uns in sozialer und psychologischer Hinsicht zu überfordern.
Angesichts dieser Tatsache kann man sich aus der Welt zurückziehen und bei der eigenen «Peergroup»3 oder in irgendwelchen Fundamentalismen Halt und Orientierung suchen.
Ganz anders ist es, wenn wir uns rück-besinnen auf die grosse Erzählung der Bibel. Auch wenn die sogenannte «Postmoderne» behauptet, dass die grossen Erzählungen abgebrochen seien, gibt es immer noch dieses «unauslöschliche Gerücht»4, dass Gott hinter der Geschichte steht. Sich in diese Geschichte von Fall und Erlösung, Schöpfung und Vollendung eingebettet zu wissen, scheint mir gerade heute angesichts der herrschenden Unübersichtlichkeit eine vortreffliche Lebensmöglichkeit zu bieten. Denn wer sein «Woher» und «Wohin» kennt, gewinnt Halt und Orientierung und einen stabilen Punkt im stetigen Wandel.

Wir sind Teil von etwas Grösserem
Also nochmals: Die langweiligen Namenslisten der Chronik erinnern uns daran, dass Gott mit den Menschen Geschichte macht – auch mit uns. Und das Wissen, in Gottes grosser Geschichte eine Rolle spielen zu dürfen, gibt uns Halt und Orientierung. Eingebettet in diese grosse Geschichte erfahren wir, dass Gott gerade unsere kleine Geschichte annehmen und verwandeln will. Das ist die wirklich gute Nachricht. Hier können wir unser gesamtes Leben mit seinen guten und schlechten Seiten ernst nehmen, denn Gott hat das schon vor uns bereits getan. Wir spielen bei einer wirklich grossen Geschichte mit und leben in einem Universum, das voller Sinn ist.
Dadurch wird alles bedeutungsvoll. Nichts ist mehr banal. Das Schöne an der grossen Geschichte ist, dass sie Menschen aus verschiedenen Generationen, Nationen und Schichten zusammenbringt. Denn der grosse sinnstiftende Kreis der Geschichte Gottes mit den Menschen umschliesst alles: alle kleinen «Ich-Geschichten», alle «Wir-Geschichten» – und damit alle Menschen.

1   siehe Magazin INSIST 1/17
2  Journal of Personality and Social Psychology, 2012, American Psychological Association, 2013, Vol. 104, No. 2, 267–276
3  Gruppe von Gleichgesinnten
4  vgl. Buchtitel von Robert Spaemann


Felix Ruther ist freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen VBG und Mitbegründer des Instituts INSIST.
felixruther@STOP-SPAM.bluewin.ch

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