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Luther reloaded

Hanspeter Schmutz Es gibt Dinge, die sich im Verlaufe der Geschichte wiederholen, wenn auch in veränderter Form. Zum Beispiel die Frage von Martin Luther, die eine Gesellschaft reformiert hat. Diese Frage muss heute neu gestellt werden. Neudeutsch gesagt: Wir brauchen einen Luther reloaded1. Das Smartphone hilft uns beim Reloaden. Mit ihm können wir jederzeit die neusten Bilder der «Wirklichkeit» laden – und mit andern teilen.


Das Pferd hängt hilflos unter dem Dach und lässt die Beine hängen2. Es hat sich zu Tode gekrampft. Sein Leben war Leistung! Ein schockierendes Symbol unserer Leistungsgesellschaft. Der Reformator Martin Luther formulierte die persönliche und gesellschaftliche Grundfrage seiner Zeit so: «Wie kriege ich einen gnädigen Gott?» Heute müsste die Frage wohl leicht abgeändert werden zu: «Wie kriege ich einen gnädigen Menschen?» Konkreter gesagt: ein gnädiges Schulsystem, das auch Schwachen eine echte Chance gibt; einen gnädigen Arbeitgeber, der mich nicht ausbeutet; eine gnädige Zeiteinteilung, die mir nicht den Schlaf raubt; ein gnädiges Alter, in dem ich nicht auf meine Einschränkungen reduziert werde. Und in allem: einen gnädigen Umgang mit mir selber.
Die Gesellschaft lässt mich mit dieser Frage allein. Sie fordert meine ganze Arbeitskraft, wenn nötig über das gesunde Mass hinaus. Eine kürzliche (australische) Untersuchung3 hat gezeigt, dass dieses gesunde Mass relativ ist. Man muss es individuell anpassen. Und den Begriff «Arbeit» brei-
ter fassen. Gesund sind im Schnitt
39 Stunden pro Woche. Männer ohne Hausarbeit können dagegen locker
50 Stunden arbeiten, ohne krank zu werden. Die bisherige Forschung zeigt, dass Frauen tendenziell eine schlechtere und damit anstrengendere Arbeitsstelle haben – «mit weniger Autonomie, Flexibilität und Sicherheit». Sie verdienen für die gleiche Arbeit weniger, was zu psychi-
schen Störungen führen kann. Sie haben «weniger verfügbares Geld als Männer, weniger Sicherheit, die Wohnung behalten zu können und weniger Möglichkeit, in guter Nachbarschaft zu leben». Und schliesslich erleben sie in der Kinder- und Hausarbeit weniger Spass als Männer, denn sie können sich nicht darauf beschränken, mit den Kindern zu spielen. Das sind Faktoren, die krank machen.
Wenn wir diese Untersuchung ernst nehmen wollen, sollte die wöchentliche Höchst-Arbeitszeit von 45 Stunden in der Regel nicht erhöht, sondern individuell angepasst werden. Unsere beiden nationalen Wirtschaftskommissionen wollen nicht ganz dasselbe. Aufgrund einer bürgerlichen parlamentarischen Initiative stellen sie unsere Wochenarbeitszeit-, Ruhezeit- und Pausenregeln, aber auch die Arbeitszeiterfassung sowie das Verbot von Sonntagsarbeit in Frage. Das Arbeitspferd soll also weiterschuften – bis zu seinem «gnädigen» Ende.
Ja, wir brauchen ihn auch heute noch, den gnädigen Gott. Eine persönliche Beziehung zu ihm würde helfen, dass wir uns selber und die Menschen um uns herum vermehrt mit den Augen Gottes sehen könnten: als Lebewesen mit Bedürfnissen, Begabungen und Grenzen. Der gnädige Gott will uns zu gnädigen Menschen machen. Das tönt fast so revolutionär wie Luther vor 500 Jahren. Und könnte zum Denkansatz für eine neue Bewegung werden, die unsere Gesellschaft im Zeichen der Gnade reformiert.

Dieses Bild ging um die Welt. Ende September 2016 stand die damalige demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton auf einem kleinen Podest und winkte in einen Raum voller junger Men-
schen. Diese kehrten Hillary den Rücken zu. Mit gutem Grund: Sie hatten ihr Smartphone gezückt und knipsten je ein Gruppenfoto unter dem Motto: «Ich und Hillary Clinton». Offensichtlich war diesen Menschen das Foto wichtiger als der reale Augenblick. Schliesslich konnten sie das «intime» Bild anschliessend über die sozialen Medien mit der übrigen Welt teilen. Die offizielle Fotografin der Hillary-Kampagne hielt die schon fast lächerliche Inszenierung fest. Sie wurde ihrerseits auf Twitter veröffentlicht.
Das Internet und die sozialen Medien machen etwas mit uns, folgert die Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach. Sie sagt: «Das Selfie ist ein beeindruckendes Phänomen. Es zeigt, wie Technik die Rituale einer ganzen Generation prägen kann. Man hat das Smartphone heute ohnehin immer in der Hand. Es fehlen also nur zwei Klicks zum Selfie4.»
Ob die jungen Leute auch noch Zeit fanden, ein paar Worte mit Hillary zu wechseln, ist nicht bekannt. Und auch nicht so wichtig. Es ging ja nicht um die berühmte Frau, sondern um das Gruppenfoto mit ihr zusammen. Hand aufs Herz: Beginnen hier nicht die Fake-News, die diesen Wahlkampf so geprägt haben? Fake-News heisst wörtlich: gefälschte Neuigkeiten.

1  reloaded = neu geladen
http://bit.ly/2nGC74z
3  «Der Bund» vom 22.2.17
4  «Der Bund» vom 30.12.16

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST
hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch 

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