Staaten und Nationalismus aus biblisch-christlicher Sicht

Bei Christus gibt es keinen Platz für den Nationalismus

Max Schläpfer Lasst es uns gerade vorweg nehmen: Die Bibel enthält keine Staats- und Nationenlehre. Sie zeigt aber, wie Menschen, die den biblischen Gott liebten, sich staatlichen Autoritäten gegenüber verhielten und wie sich die ersten christlichen Gemeinden im Rahmen des Staates bewegten. Die Bibel geht dem Thema also nicht aus dem Weg. 

 

Im Alten Testament lesen wir von berufenen Personen, die in staatlichen Belangen aktiv waren. Moses, der am Hof des Pharao aufwuchs, führte das Volk Israel in die Befreiung aus der Sklaverei. Später wurde Israel eine Monarchie mit herausragenden politischen Führern wie David oder Salomon. Als Israel von den Babyloniern erobert und das Volk in die Gefangenschaft geführt worden war, diente der Prophet Daniel den fremden Herrschern Nebukadnezzar, Belsazzar und Darius. Nachdem die Perser die Babylonier als Regierungsmacht abgelöst hatten, wurde ein jüdisches Waisenmädchen mit Namen Esther Königin am Hof von Xerxes. Sie verhinderte durch ihr mutiges Handeln die drohende Vernichtung des jüdischen Volkes1.
Jesus verbrachte sein irdisches Leben in einer komplizierten staatlichen Konstellation: im von den Römern besetzten und aufgeteilten Israel. Er machte jedoch keine politischen Aussagen und stellte vor dem römischen Statthalter Pilatus klar, dass er nicht gekommen war, um ein irdisches Reich aufzubauen2.
Die erste Gemeinde musste sich immer wieder staatlichen Autoritäten stellen, verhielt sich aber sehr neutral und kämpfte dabei nur für eines, nämlich für die Freiheit, das Evangelium verkündigen zu können3. In dieser Richtung sind auch die Aussagen der Apostel in ihren Briefen zu verstehen4.

Das Alte vom Neuen Testament unterscheiden
Vorerst muss grundsätzlich festgehalten werden, dass es in unserer Thematik einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament gibt. Zur Zeit des Alten Testamentes verband Gott seine Heilsgeschichte ganz bewusst mit einer Nation – mit Israel. Israel sollte mit den von Gott gegebenen Gesetzen, Verordnungen und Geboten leben und so für andere Nationen beispielhaft zeigen, wie gut Gott ist. Darum gab es in dieser Zeit eine starke Verbindung zwischen der Nation und dem direkten Umsetzen des göttlichen Auftrages.
Diese Verbindung sehen wir im Neuen Testament nicht mehr, denn seit dem Kommen Jesu macht Gott Ge-schichte mit der christlichen Gemeinde. Seine Gemeinde besteht aus Menschen, die aus vielen Völkern und Nationen stammen, und sie wird nicht von völkischen oder nationalen Interessen bzw. politischen Zielen bestimmt. Die Gemeinde soll wie ein Sauerteig die Gesellschaft durchdringen und die Herzen der Menschen durch die Kraft des Evangeliums verändern5. In dem sie das tut, breitet sich das Reich Gottes aus. Je mehr Christen ihren Glauben bzw. die Liebe zu Gott und zu den Menschen leben und die entsprechenden Werte vertreten, desto stärker wirkt sich der göttliche Einfluss in einem Staat aus. Zu diesen Werten gehören die Erhaltung des Menschen, die Erhaltung der Welt und das Zusammenleben der Gesellschaft in Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden.

Wie verhalten sich Kirche und Staat zueinander?
Zum Verhältnis von Kirche und Staat gibt es eine bezeichnende Begebenheit im Matthäusevangelium. Die Pharisäer taten sich mit den Herodianern zusammen, den
Anhängern des Regenten Herodes, welche die römische
Besatzungsmacht unterstützten. Sie konfrontierten Jesus mit der heissen Frage nach der Abgabe von Steuern an den Kaiser6. In seiner Antwort bringt Jesus mit prägnanten Worten die Trennung von Kirche und Staat auf den Punkt: Er hält die Angelegenheiten des Staates («was dem Kaiser gehört») und die Angelegenheiten der Gemeinde («was Gott gehört») klar auseinander. Beide Bereiche haben ihre Berechtigung und ihre spezifische Aufgabe, aber sie sollen nicht miteinander vermischt werden.
Auch für die Urchristenheit war eine klare Trennung zwischen dem Bereich der Gemeinde und dem Bereich des Staates charakteristisch. Wir sehen dies zum Beispiel in 1. Korinther 5 und 6, wo es um den Umgang mit moralischen Fragen und Rechtsstreitigkeiten in der Gemeinde geht. Zum Konflikt mit dem Staat kam es nur deshalb, weil für die Römer die Loyalität zum Staat mit dem Bekenntnis zur Kaiserreligion verknüpft war.
Der Entwurf eines staatlichen Gesamtkonzeptes auf christlicher Grundlage kann im Neuen Testament nicht gefunden werden. Auch die Erläuterungen des Apostels Paulus in Römer 13 entwerfen kein solches Konzept. Sie sind ein Aufruf, die staatlichen Behörden zu respektieren, weil sie von Gott den Auftrag erhalten haben, die äussere Ordnung sicherzustellen7. Diese äussere Friedensordnung ist für die Christen weniger wegen ihrer Werthaftigkeit an sich bedeutsam, sondern wegen der Möglichkeit, innerhalb dieser Ordnung ungestört das rettende Evangelium verkündigen zu können8. Zu beachten ist, dass Römer 13 um ca. 57 n. Chr. vom politisch ausgezeichnet informierten Apostel Paulus geschrieben wurde, zur Zeit der Herrschaft des römischen Tyrannen und Kaisers Nero.
Wir können daher ohne Vorbehalt sagen, dass es für die Urchristenheit in staatlichen Belangen eine klare Trennung zwischen «geistlich» und «weltlich» gab. Die Idee eines christlichen Staates lag den ersten Christen fern. Sie waren eindeutig auf das bereits gegenwärtige und kommende Reich Christi ausgerichtet.
Mit der konstantinischen Wende im Jahr 312 war es dann das Christentum, das die Lebensordnung des Reiches bestimmte. Der Glaube nahm die Form einer religiös-politischen und zugleich rechtlichen Treuebindung an den machtvollen Gott-König Christus an. Die Trennung zwischen einem «innerlichen» und «äusserlichen» Glauben war dieser staatlichen Ordnung völlig fremd. Erst die Wiederentdeckung der «Gerechtigkeit vor Gott» durch Luther, die zur Lehre von den zwei Reichen führte, stellte diese Auffassung wieder in Frage. Für Luther war klar, dass der Christ in seinem irdischen Dasein in einer doppelten Beziehung lebt, er ist zugleich «Christperson» wie auch «Weltperson», er hat ein doppeltes Amt und muss beiden Ämtern gerecht werden. Damit griff Luther wieder auf die Sicht der Urchristenheit zurück.
Im weiteren Verlauf der europäischen Geschichte waren es dann grauenhafte konfessionelle Bürgerkriege im 16. und 17. Jahrhundert und schliesslich die französische Revolution, die entscheidend zur Erkenntnis beitrugen, dass der Staat die Substanz des allgemeinen Wohls verkörpern und sichern soll, das unabhängig von der Religion in weltlichen Zielen und Gemeinsamkeiten gefunden werden muss. Diese «Weltlichkeit» des Staates ist auch aus christlicher Sicht absolut notwendig, denn nur dort, wo der Staat die allgemeine Friedensordnung gewährleistet, kann er den Raum für ein freies, vom Staat unabhängiges religiöses Bekenntnis öffnen.
Auch die Barmer Erklärung der bekennenden Kirche von 1934 stützte diese biblische Aussage. Sie trennt in ihrer fünften These die Aufgabe des Staates, für Recht und Frieden zu sorgen, von den Aufgaben der Kirche, die in der sechsten These dann so umschrieben werden: « … an Christi Statt durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.» Gleichzeitig hält sie klar fest, dass die Kirche nicht zu einem Organ des Staates werden darf.
Mit einer solchen Entflechtung kann auch der Staat vielfach vom Beitrag der Religion profitieren. Sie sorgt dafür, dass die Bürger Tugenden wie Gemeinsinn, Selbstlosigkeit, soziales Bewusstsein oder moralisches Handeln entwickeln.

Die Bedeutung der Nationen
Die Bibel respektiert die einzelnen Völker und Nationen und auch den dynamischen Prozess ihrer Geschichte. Sie beschreibt die Veränderung ihrer Grenzen, den Untergang und die Neubildung von Nationen, ganz besonders in den Könige- und den Chronikbüchern.
Aber nur der Nation Israel kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie spielt im Heilsplan Gottes eine spezielle Rolle9. Mit Israel hatte Gott im Alten Testament Geschichte gemacht, und diese Geschichte ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Zwar hat das Volk Israel geistlich gesehen in neutestamentlicher Zeit keine Sonderstellung mehr. Auch diesem Volk soll das Heil in Jesus Christus verkündigt werden, genauso wie allen anderen Nationen, denn die Gemeinde Jesu besteht aus Juden und Heiden10. Aber für Israel als Nation müssen noch einige Verheissungen in Erfüllung gehen11. Gott hat in der Zukunft also noch einen ganz bestimmten Plan mit Israel als Nation12.
Ansonsten ist es aber wichtig zu sehen, dass im Neuen Testament den Völkern und Nationen keine spezifische theologische Bedeutung zuerkannt wird. Zentrale biblische Texte machen klar, dass das neutestamentliche Gottesvolk alle diese völkisch-nationalen Identitäten hinter sich gelassen hat13. Die neutestamentliche Botschaft relativiert die Bedeutung der Völker und Nationen ganz entscheidend, denn das neutestamentliche Gottesvolk kennt eben gerade keine nationalen Schranken. Die Mauer, welche zwischen den Juden und den Nationen zur Zeit des Alten Testamentes aufgerichtet war, wurde durch den Tod Christi niedergerissen14. Auch Galater 3,28 hält eindeutig fest, dass in der Gemeinde die nationalen Unterschiede aufgehoben sind. Jede völkisch-nationale Definition der Berufung zum Christsein ist den Gläubigen verwehrt, weil sie neben der Identität in Christus zusätzliche theologische Identitäten schaffen würde – mit den entsprechenden problematischen Folgen. Mit Jesus ist tatsächlich das Ende des Nationalismus gekommen. Er sieht und behandelt jeden Menschen unabhängig von seiner nationalen Herkunft als Person, die im Bild Gottes geschaffen wurde und deshalb in sich selbst wertvoll ist.

Allerdings heisst das nicht, dass man zum Beispiel als Schweizer nicht stolz auf die schweizerische Identität sein darf. Man muss sich einfach bewusst sein, dass es sich dabei um eine staatlich vermittelte Zugehörigkeit handelt, welche auf einer ganz anderen Stufe steht als die Identität in Christus.

Irrige nationalreligiöse Tendenzen
Leider stellt man heute bei manchen Christen fest, dass sie von der Idee geprägt sind, Nationen – und dabei natürlich besonders die eigene – hätten eine besondere Stellung in Gottes Handeln. Auch die Schweiz wird in dieser Sicht als eine Nation dargestellt, die eine besondere Gnade von Gott erhalten habe, etwa unter Verweis auf den Rütlischwur, den Bundesbrief, die Präambel der Bundesverfassung, das Christuskreuz im Wappen oder den Text der Nationalhymne. Damit will man das Anliegen fördern, für die eigene Nation zu beten.

Nach neutestamentlicher Lehre gibt es aber keine direkte Segnung Gottes für ein Volk oder eine Nation. Vielmehr offenbart Gott seine Herrlichkeit durch die christliche Gemeinde15. Damit wird auch die Zielrichtung des Gebetes verändert. Nach neutestamentlichem Verständnis werden die Menschen eines Volkes oder einer Nation in erster Linie dadurch gesegnet, dass die sichtbare Gemeinde, versammelt in konkreten Organisationen, das Evangelium von der Errettung predigt. Das Gebet um die freie und furchtlose Verkündigung des Evangeliums steht dabei immer im Vordergrund16. Das Gebet für ein Volk oder eine Nation kann deshalb nicht in erster Linie darauf abzielen, dass dieses Volk oder diese Nation in einem allgemeinen Sinne besonders von Gott gesegnet wird. Vielmehr geht es um den Segen, dass in dieser Nation gute Rahmenbedingungen für die Verkündigung des Evangeliums geschaffen werden17. Denn es ist nicht ein irgendwie gearteter Segen sondern das Evangelium, das die Kraft Gottes zur Rettung ist für jeden, der glaubt18.

Die Geschichte – insbesondere die Geschichte des Nationalismus in Europa – zeigt, dass die Gemeinde Jesu noch nie gut gefahren ist, wenn sie die Identität in Christus mit völkisch-nationalen Identitäten vermischt hat. Denken wir nur an die europäischen Religionskriege oder die Praxis der Russisch-Orthodoxen Kirche, die noch im
20. Jahrhundert die Waffen ihrer Armeen gesegnet hat.
Auch für Christen ist die Identifikation mit dem eigenen Land erlaubt, immer aber im Wissen, dass das Entscheidende die Identität in Christus ist, das Bürgerrecht im Himmel19. Die Ausrichtung auf die Dimension des Reiches Gottes ist immer grenzüberschreitend und darf nie an nationale Grenzen gebunden werden.

1  Est 7,1-6
2  Joh 18,36
3  zum Beispiel Apg 4 und 12
4  Röm 13,1-6; 1 Tim 2,1-3
5  Mt 13,33
6  Mt 22,15-21
7  Röm 13,1.4
8  1 Tim 2,1-3
9  Röm 9-11
10  1 Kor 12,13; Gal 3,28
11  zum Beispiel Hes 11,19.20; Jer 31,31; Jes 2,2-4
12  Röm 11,15.25-27
13  1 Petr 1,9-10
14  Eph 2,14
15  Eph 3,10
16  Eph 6,18-20
17  1 Tim 2,2
18  Röm 1,16
19  Phil 3,20

 

Max Schläpfer (64), ist Präsident der Schweizerischen Pfingstmission (SPM) und Präsident der «Freikirchen Schweiz» (VFG). Er ist verheiratet mit Anna und Vater von zwei erwachsenen Kindern.
max.schlaepfer@STOP-SPAM.pfingstmission.ch

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