Geschichte

Das christliche Erbe Europas

Thomas Hanimann Gibt es so etwas wie ein christliches Erbe Europas? Ja und nein. Europa ist immer ein zersplitterter und zerstrittener Kontinent gewesen, auch im Bereich der Religion. Manchmal hat es in dieser Zersplitterung aber auch erstaunliche Züge von Einigkeit und kontinentalem Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben. Eine Spurensuche nach den religiösen Wurzeln der europäischen Identität.

In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, nach der unerwarteten Öffnung der kommunistischen Welt, schien Europa wieder einmal eine Zeitenwende durchzumachen. Die Europäische Union wurde zum Hoffnungsträger für viele Menschen auf dem Kontinent. In diesen turbulenten Jahren träumten einige bereits von einem wieder erwachenden christlichen Abendland1. Heute domi-
niert die Ernüchterung. Und es wird weiter darüber gestritten, welcher Platz Gott in der Präambel der europäischen Verfassung zukommen soll2. Das ist nicht erstaunlich. Uneinigkeit prägt Europas Geschichte. Und auch religiös war Europa fast immer zersplittert und zerstritten. Selbst zu Zeiten, als die Kirche allmächtig schien.
Rund drei Viertel der europäischen Bevölkerung sind Christen. Damit liegt es natürlich nahe, Europa als «christlichen Kontinent» oder – in der emotional stärkeren Variante – als «christliches Abendland» zu bezeichnen. Bevor wir in einem zweiten Teil näher auf ein paar Charakterzüge des europäischen Christentums eingehen, müssen wir uns darum die grundsätzliche Frage stellen, ob es das «christliche Europa» überhaupt je gegeben hat.

Das islamische Europa

Die Ansicht, dass Europa seit der Christianisierung ausschliesslich den Christen gehörte, ist falsch. Die Juden waren über die Jahrhunderte auf dem Kontinent präsent, ebenso wie die Muslime. In Spanien hatten sich seit dem 8. Jahrhundert islamische Herrscher festgesetzt. Sie konnten erst 1492 mit der Eroberung von Granada durch christliche Truppen wieder verdrängt werden. 1529 hatten die muslimischen Osmanen Wien umzingelt. Auch wenn sie mit Mühe gestoppt werden konnten, war die Gefahr einer muslimischen Herrschaft in Europa nicht gebannt. Der Balkan geriet nach osmanischen Eroberungen im 15. Jahrhundert unter die Kontrolle islamischer Herrscher. Die muslimische Vorherrschaft wurde dort erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebrochen. Auch Ungarn und die Ukraine lebten zeitweise unter muslimischen Fürsten. Diese standen am 4. Juli 1683 erneut vor den Toren Wiens. Von dieser wechselhaften Geschichte her gesehen kann die in neuester Zeit zunehmende Immigration von Muslimen nicht als etwas ganz Neues bewertet werden. Das teilweise konfliktreiche Zusammenleben von Christen und Muslimen gehörte während Jahrhunderten zu Europa.

Das zersplitterte Christentum
Im Verlaufe des Mittelalters wurde Europa über weite Teile christianisiert, aber es entstand keine christliche Einheit. Dennoch wuchs schon früh die Überzeugung, dass es so etwas wie ein gemeinsames christliches Erbe gab. Ein symbolträchtiges Beispiel für diesen europäischen Anspruch war etwa der Weihnachtstag des Jahres 800, als sich Karl der Grosse in Rom vom Papst zum Kaiser krönen liess. Denkwürdig, wenn auch mit katastrophalen Folgen, waren auch jene Tage im März 1095, als Papst Urban II in Piacenza die europäische Christenheit zum Kreuzzug gegen die Muslime aufrief.
Doch die Christen bildeten in Europa keine Einheit. Zwischen dem Papst und dem Oströmischen Reich (Byzanz) gab es seit dem frühen Mittelalter einen tiefen Graben, der im Schisma, der Trennung von Ost- und Westkirche von 1054, seinen Tiefpunkt erreichte. Auch innerhalb der römisch-katholischen Westkirche hatte man sich 1378 so weit zerstritten, dass es eine Zeit lang zwei und mehr Päpste gab. Die Kirche musste sich in Westeuropa zudem immer wieder mit zahlreichen ketzerischen Strömungen auseinandersetzen3.
Die Kirche wurde diese Uneinigkeit bis in die Neuzeit nicht mehr los. Ja, es kam sogar noch schlimmer. Auf die Reformation folgten teilweise erbittert geführte Religionskriege4, was zur Verfolgung und Vertreibung von Gläubigen anderer Konfessionen führte. Erst die Aufklärung bot die gedanklichen Möglichkeiten, diese Konflikte zu begrenzen; aber eine übergeordnete religiöse Einigkeit war damit noch längst nicht gegeben. In katholischen Gebieten (Österreich, Spanien) wurden protestantische Minderheitenkirchen nicht geduldet. Und im Kanton Zürich wurde eine religiöse Diskriminierung katholischer Kirchen beispielsweise erst 1963 aufgehoben. Die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte (1948) gab der Religionsfreiheit dann einen kräftigen Schub. Damit waren aber nicht alle Formen von den Diskriminierung aufgehoben; sie wurden in Spanien, Griechenland, Irland, Polen, Serbien und weiteren Ländern fortgeführt. Und in unserer Zeit ist mit der Zuwanderung von islamisch geprägten Menschen die religiöse Gleichberechtigung wieder stark herausgefordert.

Das Christentum als Machtfaktor

Trotz allem gibt es gemeinsame Aspekte, die das europäische Christentum besonders auszeichnen, und es so zu einem europäischen Christentum machen.
Einen ersten Blick auf die europäische Identität eröffnet die Geschichte des Altertums. Inmitten der griechischen Kultur und der römischen Organisation verbreitete sich das Christentum – nicht nur quer durch Europa, sondern ebenso in Afrika gegen Süden und in Asien weit nach Osten, wahrscheinlich bis nach Indien. Zwei Zentren wurden besonders wichtig für die weitere Verbreitung: Rom und Byzanz. Dabei konnte ein enges Verhältnis zwischen christlichem Glauben und politischer Macht nicht vermieden werden. Die damaligen Theologen, die sogenannten Kirchenväter, gehörten zu den ersten, die sich mit den damit verbundenen Fragen auseinandersetzen mussten.

Gegen die Göttlichkeit des Kaisers
«Der Kaiser ist in der Kirche, nicht über der Kirche», schrieb im Jahr 390 der Kirchenvater Ambrosius an Kaiser Theodosius, der in Thessaloniki gerade ein öffentliches Massaker durchgeführt hatte. Damit zwang er den Kaiser zur öffentlichen Reue. Fast 200 Jahre früher hatte sich schon Tertullian, der älteste lateinisch schreibende Kirchenschriftsteller, vorsichtig von der absoluten Herrschaftsfülle des Kaisers distanziert. Das christliche Europa machte sich in diesen frühen Jahrhunderten auf den Weg zu einer säkular begründeten Herrschaft5. Damit war nicht der Rückzug der Kirche aus der Politik gemeint. Im Gegenteil: Die Kirche beanspruchte gerade in dieser Zeit eine moralische und teilweise auch reale Macht. Der Streit über den kirchlichen Einfluss dauerte auch in der Reformationszeit an, wie die Zwei-Reiche-Lehre Luthers zeigte.

Europa – ein Kontinent der Bildung
Im Jahr 719 n. Chr. wurde in einer Ostschweizer Eremitensiedlung ein Vorsteher eingesetzt: Abt Otmar von
St. Gallen. In der kleinen Eremiten-Siedlung organisierte er eine Klostergemeinschaft, die bald zu den bedeutendsten in Europa gehörte.
Besonders bemerkenswert war seine Hinwendung zur Bevölkerung, die in der Umgebung des Klosters lebte: Er setzte sich leidenschaftlich für diese Menschen ein. Vielleicht war das der Grund dafür, dass Otmar 100 Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen wurde. Aussergewöhnliches leistete Otmar auch, indem er Arme und Kranke versorgte und in der Klosterschule Kinder unterrichten liess. Otmar lebte in den Jahren des aufblühenden fränkischen Reiches, einer Zeit, in der sich das europäische Bildungswesen stark entwickelte. Das mit der Kirche verwobene Bildungsideal von Karl dem Grossen läutete grundlegende Veränderungen in der europäischen Gesellschaft ein.
Für die Entwicklung der Bildung in Europa leistete aber auch der Humanismus (14. – 16. Jahrhundert) einen unvergleichlichen Beitrag. «Menschen werden nicht geboren, sondern gebildet.» Dieses Zitat aus der Feder des Erasmus von Rotterdam bringt das Anliegen der Humanisten auf den Punkt: Sie wollten durch Bildung das kritische Denken der Menschen fördern6. Der Humanismus schuf ein europäisches Konzept, das über Reformation und Aufklärung hinaus seine Wirkung bis ins 19. Jahrhundert hinein entfaltete.

Europa – ein Ort der Migration
Im Hochmittelalter war Europa überzogen von tausenden von Klöstern. Sie ermöglichten eine Art von europäischer Mobilität, allerdings im Wesentlichen für deren Mitglieder, die Mönche. Unterwegs waren sonst vor allem Händler und allenfalls Fachleute, die als Wanderarbeiter ihre Dienste anboten. Neben dieser Arbeitsmigration gab es schon im Mittelalter einen – oft religiös motivierten – kontinentalen Tourismus: Die Klöster und Städte boten den durchreisenden Pilgern Schutz, Unterkunft und Verpflegung. Im Spätmittelalter führte das Söldnerwesen zu allerdings oft mühsamen und gefährlichen europäischen Reise-Erfahrungen. Daneben gab es die auch heute noch am intensivsten diskutierte Form von Migration: die Flucht. Vertriebene Juden und christliche Gemeinschaften, sogenannte Ketzer, mussten ihren Verfolgern entkommen und lebten deshalb oft illegal im Versteckten. Durch die Strafe der Verbannung, die Reichsacht, wurde die Flucht ein Teil des hochmittelalterlichen Rechtssystems. In der Reformation und Gegenreformation wurden die Fluchtgründe wegen der Verfolgung von Andersgläubigen nicht weniger. Deportation und Landesverweise waren auch ein beliebtes Mittel, um die Identität moderner Nationalstaaten zu sichern. Dass diese problematische Seite der europäischen Nationen bis heute nicht überwunden ist, zeigten letztmals die Jugoslawienkriege, deren Beendigung noch keine 20 Jahre zurückliegt. Im Blick auf diese jüngste Geschichte haben die aufflackernden nationalistischen Ansprüche und die gegenwärtige europäische Krise eine beunruhigende Seite.

Die Neuzeit und die Mission des europäischen Christentums

Die Reformation war eine erneute Glaubensspaltung. Trotzdem stärkte sie das europäische Bewusstsein des Christentums. Das Selbstbewusstsein des europäischen Christentums nahm bis ins 20. Jahrhundert hinein kontinuierlich zu. Das hing besonders auch mit dem ausgebauten Bildungssystem zusammen, das von der Reformation und der katholischen Gegenreformation stark gefördert wurde. Eine weitere Ursache war die Belebung der Kirchen durch die Erneuerungsbewegungen. Die Frage der Neu-Evangelisierung Europas wird nicht erst heute gestellt. Sie war vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hinein ein zentrales Thema der europäischen Kirchen. Auf evangelischer Seite waren es die Pietisten, die mit ihrem Missionsanliegen durch den Kontinent reisten und mit ihrem Anliegen oft ausserhalb ihrer Heimat sesshaft wurden. Einen besonderen Blick auf den Kontinent hatten die Herrnhuter mit ihrem Konzept der Diaspora, der Entwicklung der Kirche in Gebieten ausserhalb der herrnhutschen Stammlande, vorerst in Europa und bald auch weltweit. Der Methodismus und der Baptismus fassten aus England kommend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Kontinent Fuss, sie entwickelten sich so zu europäischen (und später auch weltweiten) Bewegungen. Dazu kamen erweckliche Aufbrüche und Bewegungen wie die Basler Christentumsgesellschaft, die Bibelgesellschaften, die neu gegründete Evangelische Allianz oder die besonders von Johann Hinrich Wichern geförderte Innere Mission. All dies führte dazu, dass sich das Christentum evangelischer Prägung in jener Zeit europaweit vernetzen und verwurzeln konnte.
Trotz aller Zersplitterung blieben also christliche Werte und der christliche Glaube zentrale Konstanten der europäischen Geschichte. Verfolgungen, Migration aus wirtschaftlichen Gründen und koloniale Eroberungen und Missionsbewegungen führten zu einer weltweiten Ausbreitung dieses Glaubens und des damit verbundenen Gedankengutes. Es hat – trotz aller Schattenseiten – Wurzeln geschlagen. Heute blühen die christlichen Gemeinden in weiten Gebieten von Afrika und Asien. Als Frucht davon wird der alte Kontinent neu evangelisiert – diesmal auch aus dem Weltsüden.

1  Otto von Habsburg, Friedensmacht Europa – Sternstunden und Finsternis, Amalthea, Wien 1995, S. 22
2  Lamya Kaddor, Bernd Mussinghoff, Thomas Bauer (Hg.), Zukunft der
Religion in Europa, LIT, 2007. Petra Bahr (Hg): Protestantismus und Europäische Kultur, Gütersloher Verlagshaus, 2007
3  Katharer und Albigenser in Südfrankreich, Italien und Spanien; Bogomilen in Bulgarien und auf dem Balkan; Lollarden in England und Hussiten in Böhmen
4  Hugenottenkriege, Bürgerkriege in England und der 30-jährige Krieg mit religiösen Komponenten
5  Gert Haendler, Von Tertullian bis zu Ambrosius, Evangelische Verlagsanstalt, Berlin, 1986
6  Hans-Jürgen Fraas, Bildung und Menschenbild in theologischer Perspektive, Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen, 2000


Thomas Hanimann ist Kommunikationsleiter bei Connexio, dem Netzwerk für Mission und Diakonie der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK).
thhanimann@STOP-SPAM.bluewin.ch

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