Aussensicht

Ein Paradies mit Ecken und Kanten

Debby Blaser Traurige Blicke und Erzählungen, die mir die Tränen kommen lassen: Begegnungen mit Flüchtlingen und Migranten gehen nahe. Einige von ihnen haben sich bereit erklärt, über ihre Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen vor ihrer Flucht nach Europa zu sprechen. Und den Vergleich mit der Realität in der Schweiz zu wagen.


Manche suchten einfach Frieden und Sicherheit, egal wo. Andere hatten ein ganz spezifisches Wunschland. So auch Selma und Ari1, ein Ehepaar aus Syrien. «Mein Vater war sehr begeistert von der Schweiz», erklärt Selma. Als sie fliehen mussten, war darum klar, dass sie in die Schweiz wollten. «Als ich Kind war, habe ich viel über die Schweiz gehört. Mein Vater war immer sehr pünktlich und ernst, und alle Leute haben gesagt, er sei wie ein Schweizer.» Selmas Vater hatte die Schweiz besucht, noch bevor Selma geboren wurde, und es hatte ihm sehr gefallen. Auch Ari hatte nur positive Vorstellungen von der Schweiz. Selma verrät: «Er spricht viel über die Schweiz, weil er im Voraus ganz andere Gedanken hatte. Er dachte, die Schweiz ist wie ein Paradies. Wirklich, wie ein Paradies. Du findest alles, was du willst.»

Herausforderungen im «Paradies»

Selma und Ari wohnen in einer kleinen Wohnung in der Innerschweiz. Beim Besuch werde ich überschwänglich begrüsst. Der Eingangsbereich ist zugleich Küche: ein paar Kästchen, ein Kühlschrank, eine Küchenkombination mit Backofen und drei Herdplatten. Zum Essen hat es einen kleinen Tisch mit Barhockern, zu mehr reicht der Platz nicht. Vor dem Krieg hatten sie ein gutes Leben in Syrien: Selma arbeitete als Agrartechnologin, Ari war Lehrer. Aber dann kam der Krieg: «Wir hatten nicht geplant, in die Schweiz zu kommen», beteuert Selma und erklärt: «Wir waren gezwungen, weil wir keine andere Lösung hatten. Der Krieg ist sehr schwierig. Mein Arbeitsplatz war gefährlich. Militär mit Waffen war da, das war sehr stressig. Und Bomben. Viermal war ich stundenlang im Keller, weil überall Bomben waren. Wir konnten nicht bleiben. Ich wollte aber wirklich nicht nach Europa gehen. Weil mein Arbeitsplatz sehr gut war. Meine Familie, meine Kultur ist da. Als eine Reise, gut, ja, aber nicht so. Aber wir hatten keine Wahl. Es war sehr, sehr gefährlich.»
Im Dezember 2014 liessen Selma und Ari alles zurück, was sie hatten, und flohen in die Schweiz. Voller Hoffnung auf Frieden und neue Perspektiven. Frieden haben sie gefunden, doch als Christen, die vom Islam konvertiert sind, fühlen sie sich nirgendwo sicher. Das Ehepaar hat nur eine Aufenthaltsbewilligung F2. Wenn der Krieg vorbei ist, müssen sie zurück. Trotzdem wollen sie sich integrieren: Sie lernen Deutsch, suchen Möglichkeiten zur Arbeit. Ari hat den Führerausweis gemacht und ist Mitglied in einem lokalen Verein. Für Ari ist es schwierig, dem Jobcoach Antwort zu geben, wenn er ihn fragt, was er machen wolle und was für Ziele er habe. Ari hat Physik studiert, hier in der Schweiz muss er sich nun aber überlegen, wie er sich beruflich neu orientieren kann. Gerne möchte er in einer humanitären Organisation arbeiten. Oder als Lastwagenfahrer. Für Selma ist es schlimm, dass einem in der Schweiz plötzlich gekündet werden kann. Sie empfindet das als stressig. Denn in Syrien behält man seinen Arbeitsplatz bis zur Pensionierung. «Wir können nicht einfach wieder eine solche Arbeit finden wie früher», bedauert Selma. «Sogar wenn ich mein Zeugnis hier anerkennen lassen wollte, wäre es schwierig, weil ich nicht mehr so jung bin. Ich müsste vielleicht wieder zur Schule, da ich keine Erfahrung auf anderen Gebieten habe.»
Keine Erfahrung in einem anderen Beruf: Mit diesem Problem ist auch Nevin konfrontiert, die mit ihrer Familie in Aarau wohnt. In der Türkei hatten sie und ihr Mann bei einer Zeitung gearbeitet, die sich für die kurdische Bevölkerung einsetzt. Dies gefiel der Regierung nicht: Nevins Mann wurde 2005 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Deshalb floh er, reiste in einem Lastwagen durch halb Europa und fand in der Schweiz Asyl. Nevin folgte ein Jahr später durch Familiennachzug. Zwar haben sie heute den B- und C-Status. C ist eine unbeschränkte Niederlassungsbewilligung. B steht für eine Aufenthaltsbewilligung, die an Bedingungen geknüpft ist und regelmässig erneuert werden muss. Doch weil sie keine Ausbildung haben, können sie nicht einfach so in ihrem bisherigen Beruf arbeiten. Stattdessen arbeiten sie in der Gastronomie und in der Reinigung.

Träume werden Realität. Aber nicht immer.

«Für uns waren die Länder in Westeuropa Länder, in denen alles gut funktioniert. Traumhafte Länder. Mit viel Wohlstand. Alle wünschten sich, in einem dieser Länder zu leben oder dorthin zu gehen, um sie zu besuchen», beschreibt Nevin ihre Sicht vor der Flucht. Trotzdem hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie einmal hierherkommen und hier leben würde. Sie blickt zurück: «Ich hatte keine Ahnung, wie die Schweiz so ist. Als Kind war ich einmal in einem Laden und sah dort einen Kalender mit vielen Bildern aus der Schweiz. In diesem Moment träumte ich davon, einmal dort in diesen Schneebergen zu sein. Und das ist jetzt wahr geworden.»
Aber nicht alle, die in der Schweiz Asyl beantragen, finden hier, was sie suchen. Zum Beispiel ihre Schwester, wie Nevin erzählt: «Meine Schwester war zwei Jahre in der Schweiz. Es war für sie so langweilig, so monoton im Asylzentrum. Es ist ihr nicht gut gegangen. Sie hat sich entschieden, wieder in die Türkei zurückzukehren. Heute ist sie dort, und es geht ihr besser. Sie ist glücklich geworden.»

Neue Heimat Schweiz
Ursprünglich ein unbekanntes Land mit fremden Gebräuchen und Sprachen, wird die Schweiz für viele Flüchtlinge mit der Zeit zur Heimat. «Ich fühle mich hier wirklich zu Hause», erklärt Nevin. Das sei für sie Heimat: «Wenn ich nach Hause komme, atme ich ein und fühle mich hier zu Hause. Und wenn ich eines Tages sterbe, möchte ich hier begraben werden.» Auch für Mazen, der als Fünfjähriger aus Eritrea in die Schweiz kam, befindet sich hier ganz klar sein Zuhause: «Ich würde schon nach Eritrea gehen, aber nicht für immer dort leben. Vielleicht einmal zu Besuch für ein paar Monate, aber lieber würde ich hier wohnen.» Mazen hat nur vage Erinnerungen an Eritrea und die Flucht vor neun Jahren: Zuerst nach Libyen, von dort mit dem Boot über das Mittelmeer nach Italien und dann weiter bis in die Schweiz. Der Teenager spricht nebst Tigrinja, der eritreischen Sprache, Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Er geht im Aargau zur Schule, macht im März eine Schnupperlehre und möchte Automobilfachmann werden. Ein ganz normaler Schweizer Teenager.
Meine Gespräche zeigen: Je jünger jemand bei der Ankunft ist, desto eher wird die Schweiz zum Land, in dem er oder sie sich zu Hause fühlt. «Für mich ist die Schweiz meine Heimat geworden», sagt darum auch Ricardo, der als Sechzehnjähriger aus Chile in die Schweiz kam. Vor seiner Einreise kannte er Europa und die Schweiz nur aus dem Geschichtsunterricht: Frieden, finanzielle Macht und natürlich auch Heidi, Schokolade und Berge. Ricardo lebt gerne in der Schweiz, aber für ihn ist es nicht immer einfach: «Was ich sicher sagen kann, ist, dass nicht alles, was glänzt, Gold ist. Ich lebe aber viel lieber hier als in Chile, weil hier die Situation einfach viel friedlicher ist. Du kannst hier ein wunderbares Leben haben, aber du musst dir Mühe geben, es wird dir nicht einfach so geschenkt. Wenn du das schaffst, kannst du in der Schweiz gut leben.»
Selma und Ari, Nevin, Mazen und Ricardo haben in der Schweiz ein neues Leben gefunden. Und mit ihnen Tausende weitere Flüchtlinge aus aller Welt. Jeder und jede von ihnen bringt eine einzigartige Geschichte mit und bereichert unser Land. Als Schweizerin bin ich unglaublich dankbar, in einem Land zu leben, das mir Schutz, Frieden, Freiheit und Perspektive bietet. Es ist ein Privileg, in einem Land zu sein, das anderen Menschen ein neues Zuhause bieten kann. Und es ist schön zu sehen, wie Menschen hier «ankommen» und meine Heimat auch ihre Heimat wird.

1 beide Namen aus Sicherheitsgründen geändert
2 F bedeutet, dass die Personen nur vorläufig in der Schweiz aufgenommen sind. Bessert sich die Lage in ihrem Heimatland, müssen sie dorthin zurückkehren.


Debby Blaser macht nach ihrem Kommunikationsstudium ein Praktikum bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz. In ihrer Freizeit arbeitet sie als Divemaster in einer Tauchschule in Aarau.
deborah.blaser@STOP-SPAM.gmx.ch

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