Christen in Europa

Einheit der Christen als Hoffnung für Europa

Beatrix Ledergerber-Baumer Europa steht beinahe in einer Schockstarre: «Brexit», Terror, Flüchtlingswelle, Staatsverschuldungen der südlichen Länder sind nur Stichworte. Politiker ringen um Lösungen, können sich nicht einigen. Was aber tun die Christen in Europa?

Ihr gemeinsamer Wirkstoff des Glaubens könnte eine Chance sein – auch für die Zukunft des Projektes Europa, meint unsere Autorin. Und sie sieht Anzeichen, die Hoffnung geben.

Ein anderes Zeichen
2. Juli 2016. Es ist ein starkes Zeichen: Zufällig am gleichen Wochenende, an dem der «Brexit» Tatsache wird, treffen sich 5000 Menschen aus 32 Ländern in München. Ihr Motto heisst: «Miteinander für Europa». Im Vorfeld dieser Kundgebung haben sich 1700 Mitarbeiter aus 200 christlichen Bewegungen und Gemeinschaften an einem Kongress im Circus-Krone-Bau zwei Tage lang intensiv mit ihrer Sendung für Europa auseinandergesetzt. Dieses öffentliche Zeugnis für die Versöhnung und das Miteinander der Konfessionen wird auch in den Medien breit abgebildet. Sogar die deutsche Tagesschau berichtet darüber!
Papst Franziskus und der orthodoxe Patriarch Bartolomäus I. melden sich an der Kundgebung mit einer Videobotschaft: «Euer Miteinander ist eine Kraft der Kohäsion und hat das klare Ziel, die Grundwerte des Christentums in konkrete Antworten auf die Herausforderungen eines Kontinents in der Krise umzusetzen», sagt der Papst. Vielleicht habe es noch nie eine solche Notwendigkeit gegeben, zusammenzustehen und solidarisch zu handeln, ergänzt Patriarch Bartholomäus. Die Christen seien dazu aufgerufen, das Grundprinzip der Kirche zu bezeugen: die Gemeinschaft. Der lutherische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm kommentiert mit Blick ins Publikum auf dem Karlsplatz: «Ich muss keine Botschaft der Einheit geben, in euch steht die Einheit vor mir.»

Kirchen und Gemeinschaften brauchen einander

Etwas am Rande der Menge, auf dem Münchner Stachusplatz, «damit ich ab und zu ein paar Schritte machen kann», steht Marco Würgler vom Schweizerischen Diakonieverein in Rüschlikon. Er war von Anfang an dabei, seit christliche Bewegungen und Gemeinschaften aus allen Kirchen gemeinsam einen Weg der Freundschaft gehen und so der Ökumene und dem gemeinsamen sozialen Engagement neuen Schub gaben. «Wir Gemeinschaften und Kirchen brauchen einander, als Ergänzung und auch als Korrektiv», ist er überzeugt. «Als Christen können wir heute nur noch gemeinsam ein glaubhaftes Zeugnis ablegen.» Auf der Bühne wechseln sich unter dem Motto «Begegnung – Versöhnung – Zukunft» Musik, Kurz-Referate, Tanzdarbietungen und persönliche Statements ab. Der reformierte Theologe Peter Dettwiler aus Zürich erzählt vom historischen Akt der Versöhnung 2004 zwischen den Schweizer Reformierten und den Mennoniten, Nachfahren der Täufer, welche zur Zeit der Reformation verfolgt und getötet wurden. Der rumänisch-orthodoxe Metropolit Serafin Joanta, der Schweizer Kardinal Kurt Koch und der lutherische Landesbischof Otfried July teilen ihre Freuden, Leiden und Hoffnungen im Engagement für die Ökumene mit.

 Europa braucht die Kirchen und Gemeinschaften

«Es geht uns nicht nur darum, die Christen einander näher zu bringen», sagt Marco Würgler, inzwischen unter dem Regenschirm, – die Tropfen können das Publikum auf dem Stachusplatz allerdings nicht verscheuchen. Den Christen hier ist bereits im vorangegangenen Kongress klargeworden, dass sie sich nicht um sich selbst drehen dürfen, sondern sich aktiver in die Gesellschaft einbringen müssen – gerade heute, im Sog der «Fliehkräfte der Angst in Europa», ergänzt Gerhard Pross vom Leitungskomitee des ökumenischen Netzwerkes. Viele Initiativen, gerade für Flüchtlinge, Familien und Bedürftige, sind bereits im Gange. Das gesungene arabische Gebet der 17-jährigen Wajd Asmar aus Syrien berührt alle und erinnert an die weltweite Verantwortung Europas.

Vorreiter der Einheit – auch im Blick auf die Zukunft
Nach dem Anlass ziehen die Verantwortlichen Bilanz: In Bezug auf die Kirchen war da eine prophetische Gewissheit, dass eine neue Epoche der Ökumene anbricht. Die beiden Kirchenvertreter Kardinal Reinhard Marx und der evangelisch-lutherische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm waren ein offensichtliches Bild dafür: Sie gaben ein gemeinsames, strahlendes Zeugnis der Freundschaft. Von den Medien wurden die Bewegungen und Gemeinschaften erstmals ganz als Teil der Kirche wahr-
genommen – und als Vorreiter der Einheit.
Für die Zukunft sind die Richtungen des gemeinsamen Weges vorgegeben: Nebst mehr Engagement für und in der Welt muss auch der freundschaftliche Dialog weiter gepflegt werden, gerade auch mit Osteuropa. Mehr Orthodoxe wären im Miteinander nötig, um den Aspekt des dreifaltigen Gottes besser ins Licht zu rücken. Die Kernbotschaft der Bewegung «Miteinander für Europa» muss noch besser herausgearbeitet werden: «Wir können am Andern lernen, was wir ihm zu verkünden haben», sagte beispielsweise Herbert Lauenroth. Oder Thomas Römer (CVJM) vom Leitungskomitee meinte: «Am Anderen werde ich zum Ich. Wir ebnen nicht ein. Einheit ja, aber nicht Gleichmacherei. Wir brauchen die verschiedenen Identitäten und dann führen wir sie im Herzen zusammen.» Sr. Anna-Maria aus der Wiesche von der Christusbruderschaft Selbitz drückte aus, was alle empfanden: «Unser Miteinander ist eine Gabe Gottes für die Welt, damit tröstet Gott die Welt.»

Das Miteinander auch bei gegensätzlichen Standpunkten

Szenenwechsel: Ein halbes Jahr später, vom 24. – 26. November 2016 trifft sich in Beirut eine Gruppe von zwölf Medienschaffenden, es sind Christen aus fünf Ländern Europas. Sie wollen gemeinsam mit lokalen Journalisten, Politikern und Vertretern von Hilfswerken – insgesamt sind es rund 40 Kongressteilnehmende – die Situation in einem der Ursprungsländer der Flüchtlingswellen verstehen. «Jedes Volk hier im Nahen Osten leidet. Ohne Verständnis für dieses Leiden gibt es keine Lösung.»
Die Begrüssung von Gastgeber Roland Poupon, der seit 46 Jahren im Nahen Osten in einer Fokolar-Gemeinschaft lebt, drückt aus, was alle empfinden. Der Kongress in Beirut ist das letzte mehrerer Symposien im Rahmen des Projekts «Journalismus im Dialog», veranstaltet vom christlichen Netzwerk «NetOne». Sie fanden jeweils an Brennpunkten der Flüchtlingsthematik statt: in Budapest (Ungarn), Athen (Griechenland), Man (Elfenbeinküste) und Lublin (Polen).
Das Projekt ist aus einer Auseinandersetzung zwischen der Redaktion von «città nuova», der Zeitschrift der Fokolar-Bewegung in Italien und christlichen Medienschaffenden in Polen und Ungarn entstanden. Letztere fühlten sich in der Beurteilung von «città nuova» bezüglich der Reaktion ihrer Länder zur Flüchtlingsproblematik missverstanden. Sie machten klar, dass in der Beurteilung der Flüchtlingswelle für Christen auch eine andere politische Antwort möglich sei – jene Osteuropas, die im Gegensatz zur grösseren Öffnung Westeuropas steht. Für die angesprochenen Redaktoren war klar: Hier geht es nicht um eine theoretische Diskussion. Wir kommen einander nur näher, wenn wir Fakten und Situationen vor Ort sehen, mit Betroffenen sprechen, die Perspektiven der «Anderen» wahrnehmen und zu verstehen lernen. Seit 2015 hat sich deshalb eine Gruppe von Journalisten aus verschiedenen europäischen Ländern (Italien, Ungarn, Deutschland, Slowenien, Schweiz) auf einen Weg des Dialogs gemacht. Nicht, dass so gemeinsame politische Lösungen gefunden worden wären. Aber das Miteinander auch in schwierigen Momenten und mit unterschiedlichen politischen Ansichten ist sicher etwas, das Christen in der europäischen Diskussion beitragen können.
Geplant ist nun eine Fortführung und Erweiterung des Projektes mit dem zusätzlichen Schwerpunkt Islam als der vermutlich nächsten grossen Herausforderung, mit der sich unsere Gesellschaften auseinandersetzen müssen.
Der Weg zu Einheit und Versöhnung unter den Christen mag lang und mühsam sein und muss immer wieder neu gegangen werden, denn jede neue Herausforderung braucht neue Antworten. Doch die Art und Weise, wie wir diesen Weg gehen, ist bereits Beispiel und Hoffnung für Europa. Das soll auch an der nächsten Veranstaltung im September 20171 im Flüeli-Ranft zum Ausdruck kommen, dem nächsten Zwischenhalt für Christen verschiedener Konfessionen, Bewegungen und Gemeinschaften im Rahmen des Reformations-Jubiläums und des Bruder-Klaus-Jahres.

1 Samstag, 9. September 2017. «Miteinander auf dem Weg – 500 Jahre Trennung sind genug!»
Ökumenische Tagung christlicher Bewegungen und Gemeinschaften. Infos und Anmeldung: info@STOP-SPAM.miteinander-wie-sonst.ch www.together4europe.com

 

Beatrix Ledergerber-Baumer ist Redaktorin bei «Forum – Pfarrblatt der Katholischen Kirche im Kanton Zürich» und Medienbeauftragte der Fokolar-Bewegung Schweiz.
beatrix.ledergeber@STOP-SPAM.fokolar.ch

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