Europas Zukunft

«Europa braucht eine neue geistliche Kraft»

Dorothea Gebauer Man stelle sich eine Art World Café vor. Tisch 1: Hier sitzt Winston Churchill im Kreise junger Zürcher Akademiker und spricht leidenschaftlich von der «Neuschaffung der europäischen Familie». Allen ist klar: «Nie wieder Krieg!»

Am zweiten Tisch sitzen Marine Le Pen, Geert Wilders, Viktor Orbán und Recep Tayyip Erdogan, rasseln mit den Säbeln und trennen die Welt in Freund und Feind. Am dritten Tisch sitzen Schweizer und tätigen Kosten-Nutzen Rechnungen. Sie fragen: «Was nützt uns der Euro?» Man weiss wohl und raunt es sich zu: «Wir sind zwar ein erfahrenes System der Integration verschiedener Sprachen, Kulturen und Religionen. Wir sind das kleine Europa im grossen Europa und hätten einen Beitrag. Auch wissen wir: Souverän ist immer nur, wer mitbestimmt. Aber wir halten uns grad raus.» Vielleicht fragt einer: «Muss es uns wirtschaftlich erst richtig schlecht gehen, damit wir mitmischen?»
So oder so hilft ein Blick über den Tellerrand: «Man braucht Europa nur zu verlassen, gleich in welcher Richtung, um die Realität unserer Kultureinheit zu spüren», fasste der Schweizer Philosoph Denis de Rougemont eine Erfahrung Ende der 50er-Jahre zusammen. «In den Vereinigten Staaten, in der Sowjetunion, sofort und ohne jeden Zweifel in Asien werden Franzosen und Griechen, Engländer und Schweizer, Schweden und Kastilianer als Europäer betrachtet. (…) Von aussen gesehen ist die Existenz von Europa augenscheinlich.»

Zu schützender Rechtsraum und verbindliche Vereinbarungen
Bleibt Europa eine Vision? Eine Utopie, die in die Ferne rückt? «Realizing Utopia», mahnt der italienische Völkerrechtler Antonio Cassese, sei eine der Hauptaufgaben der Gestaltung von Politik und Recht. Hingegen beschreibt der aus dem Amt scheidende deutsche Bundespräsident Joachim Gauck in seiner «Rede zu Perspektiven der europäischen Idee» Europa vor allem als Rechtsraum, wenn er sagt: «Wir versammeln uns für etwas – für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, für Menschenrechte, für Solidarität.» Er spricht von Verträgen und Zusagen, die in Gesetzen verbindlich gemacht wurden. So ist das Selbstverständnis der EU durch Artikel 2 im Vertrag über die Europäische Union (EUV) geregelt. Dort heisst es: «Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte, einschliesslich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.»
Die Grundrechte der EU-Bürgerinnen und Bürger werden zusätzlich durch die Charta der Grundrechte gestärkt. Darin enthalten sind nicht nur traditionelle Grundrechte, wie sie hochentwickelte rechtsstaatliche Demokratien garantieren. Darin sind darüber hinaus neben politischen auch wirtschaftliche und soziale Rechte verankert. Damit hat man einen der modernsten Grundrechtskataloge überhaupt geschaffen. Diesen riskieren wir derzeit zu entwerten, zu verschlampen oder vielfältigst zu brechen. Wie kostbar sind uns diese Werte wirklich?

Wer übernimmt die Verantwortung?
Es sind die Kirchen, die Europa wieder zusammenführen müssen, so die zentrale Aussage des Kongresses «Miteinander für Europa», der von der Fokolarbewegung im Juni 2016 in München durchgeführt wurde1. Die EU sei nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern eine Union, in deren Zentrum die Menschenwürde stehe, sagte am Kongress der Landesbischof Heinrich Bedford Strohm der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Flüchtlingskrise oder die Brexit-Entscheidung zeigten, dass Europa polarisiere und viele Menschen nicht erreiche. Es brauche eine neue geistliche Kraft. In der Initiative «Miteinander für Europa» sind evangelische, katholische, anglikanische, orthodoxe und freikirchliche Christen aus ganz Europa zusammengeschlossen. Beteiligte Gemeinschaften sind unter anderem die Fokolar-Bewegung, die katholisch geprägte Laienorganisation Sant’Egidio oder der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM).
Auch die Europäische Evangelische Allianz (EEA) beobachtet das, was in Europa passiert, mit Sorge. Mit wachem Auge weist sie darauf hin, dass in den nächsten zwei Jahren 17 entscheidende Wahlen anstehen. In einem Klima, in dem Populisten Feindbilder von Flüchtlingen, vom Islam, aber auch von der EU malen. Thomas Bucher, Leiter der EEA, erlebt dabei, dass auch zunehmend evangelikale Christen populistischen Haltungen auf den Leim gehen. In Amsterdam bekannten sich deshalb im Januar 2017 nationale Leiter ganz neu zur Botschaft der Bergpredigt. Die EEA will über verschiedenste Kommunikationskanäle Materialien bereitstellen und so die Gemeinden für die kommende Auseinandersetzung fitmachen.

Der Europäer und «Global-Player» Graf Nikolaus von Zinzendorf

Christen haben die Möglichkeit, demokratische gesellschaftliche Veränderungsprozesse und damit auch das Zusammenwachsen Europas als Impulsgeber zu beeinflussen, sagt Peter Zimmerling, Theologe an der UNI Leipzig. Durch übernationale Vernetzung könnten sie vorleben, dass der christliche Glaube ein Band darstellt, das die Feindschaft, ja selbst die Fremdheit von Menschen unterschiedlicher Nationalität mildert und versöhnt. Das zeige die Geschichte der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg, die ohne das Engagement überzeugter engagierter Christen nicht möglich gewesen wäre. Zinzendorf war der erste «Global-Player der evangelischen Kirche» und hat ihr mit der Weltmission die Tür für viele Kontinente geöffnet, so Zimmerling. Dazu kam, dass für Zinzendorf die Kirche im Vordergrund seines Denkens stand. Diese verstand er wie Paulus als eine universale, die Grenzen von Volk, Rasse, Geschlecht und Stand überschreitende Grösse. Er hat eine Gemeinschaft begründet, die die Grenzen zwischen den europäischen Staaten überschritt. Das war im Protestantismus etwas total Neues und Unerhörtes, weil ja seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 die evangelischen Kirchen streng parallel zu den jeweiligen Landesgrenzen organisiert waren. «Darum finde ich es wichtig, dass die Politik den Europäern die Angst vor dem Verlust ihrer nationalen Identität nimmt. Dann wird die Skepsis gegenüber Europa und der Zulauf, den politische Populisten derzeit erleben, von allein zurückgehen. Es muss deutlich gemacht werden, dass das Zusammenwachsen Europas nicht auf Kosten der Nationen und ihrer kulturellen Identität geht. Ansonsten werden wir in Zukunft noch weitere ‚Brexits’ erleben», warnt der Theologe.
 
Was der Einzelne tun kann – Drei Stimmen aus Europa
Samuel Ninck, Leiter des Think-Tanks «ChristNet», bedauert die Distanz zwischen europäischen Strukturen und Bürgern. Er empfiehlt, Begegnungen zu schaffen, beispielsweise einen europäischen Zivildienst, den Jugendliche im Ausland absolvieren müssen. «Am besten wäre eine Verantwortung von unten nach oben», meint er. «Die politischen Gemeinden sollte man so miteinander vernetzen, dass eine spontane Solidaritätsbereitschaft entsteht.»
Wim Branderhorst ist Schulleiter im niederländischen Gouda. Er stellt fest, dass es in einem individualisierten Europa ein Bedürfnis nach Identität, Sicherheit, Wahrheit und menschlicher Verbindung gibt. «Ich glaube, dass wir dies nur in der Person Jesu Christi finden können. Deshalb bemühe ich mich als Vorsitzender der Stiftung ‚Hope to Europe’, Christen zusammenzubringen, um an einem gemeinsamen Europa zu bauen.»
Marie-Louise Read wurde von der Brexit Entscheidung hart getroffen. «Die EU wird hier meist total einseitig als Wirtschaftsunion dargestellt», beschreibt sie. «Für mich ist diese Sichtweise unvollständig und führt in ein gefährliches Fahrwasser. Die britischen Väter und Grossväter haben nicht nur für Befreiung und Unabhängigkeit, sondern auch für langfristigen Frieden gekämpft, zu dem die europäische Gemeinschaft massgeblich beigetragen hat. Die friedliche Zukunft des Kontinents hängt für mich weiter mit enger Kooperation, nicht mit der Aktivität einzelner Staaten zusammen. Deshalb macht ein eng kooperierendes Europa auch weiterhin Sinn. Mir fällt kein anderes, effektiveres System dazu ein.»

 

1  siehe unseren Beitrag auf S. 30

 

Dorothea Gebauer ist Referentin für Spendenkommunikation&PR (MBA) und
Regionalfundraiserin; sie ist zudem Mitglied der Redaktionskommission des Magazins
INSIST.
dorothea.gebauer@STOP-SPAM.gmail.ch

 

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