Kirchen

Mehr Reformation!

Peter Schmid Was wirkt Christus unter uns? Kirche ist 500 Jahre nach dem Aufbruch in Wittenberg und Zürich noch immer im Werden.

An einem der kältesten Abende des jungen Jahres eröffnet meine Zürcher Kirche das Reformationsjubiläum – draussen vor dem Grossmünster. Bundesrat Johann Schneider-Ammann würdigt Luthers Ent-
deckung der individuellen Verantwortlichkeit vor Gott als Grund für Freiheit und Wohlstand im Land.
Die Anwesenden harren über eine Stunde aus, um endlich, anständig durchfroren, kurz die auf Häuser ennet der Limmat projizierten Köpfe Zwinglis zu betrachten1. Denn: Luther kam bekanntlich nie nach Zürich …
In der Menge treffe ich Pfr. Martin Piller. Von den landeskirchlichen Gemeinden der Zwinglistadt hat seine vielleicht am meisten Leute im Gottesdienst. Es ist die Kirche «Maria Lourdes» in Seebach. Ich frage Piller, wie er es mit Zwingli halte. Er finde ihn höchst anregend, schmunzelt er: als katholischen Priester, der die Kirche reformieren wollte. – Dass Piller heute frei ist, den Reformator so offen wertzuschätzen, verdankt er allerdings nicht Rom.

Grandioser Aufbruch …
Zwingli wollte als Verkündiger das edle Angesicht Christi freilegen. Als Sohn eines Ammanns aus dem Toggenburg war er getrieben von der Erwartung, Gott würde seine Kirche und das Gemeinwesen, ja alle Bereiche des Lebens erneuern, reformieren und in eine Ihm gefällige Form bringen2. Grandios! Das war «Integriertes Christsein», wie es diesem Magazin vorschwebt! Die Reformatoren stellten grosse Wahrheiten ins Licht: Die Schrift weist den Weg zum Heil. Ist Gott in Christus für uns, kommt Freude auf!
Die Reformation feiern ist daher eine Chance. Matthias Zeindler hat ihre gültigen Einsichten prägnant formuliert3. Sie umzusetzen, ist aber anspruchsvoll. Denn der Spiegel, in den wir Geschichtsbewussten schauen möchten – egal ob mit oder ohne den Wunsch, hier einen Anker und Gewissheit zu finden –, ist verschmiert. Kriegen wir ihn sauber?

… mit Grenzen
Wir haben allen Grund, uns die geistlichen Anliegen, den Mut und die Schaffenskraft der Reformatoren zu vergegenwärtigen. Aus der Distanz zeigt sich jedoch auch die Begrenztheit des damaligen Aufbruchs zur Freiheit im Glauben. Um von Kaiser und Papst nicht liquidiert zu werden, nahmen die Reformatoren den Schutz von Fürsten (in Deutschland) und Räten (in der Schweiz) in Anspruch – und wehrten den «Schwärmern». Die Räte lenkten das Wasser des Aufbruchs auf ihre Mühlen und wurden quasi-Bischöfe. Die Reformation führte zu rigide gemanagten Staatskirchen.
Damit blieb ein Problem bestehen, das der Kirche von Bischöfen und Theologen der Spätantike eingebrockt worden war. Jene hatten sich umarmen und erheben lassen von Kaisern, die darauf aus waren, die christliche Rechtgläubigkeit politisch als Einigungsinstrument zu nutzen. So edel das einzigartige europäische Unterfangen gedacht werden kann, göttliche Gerechtigkeit und Wahrheit mit staatlichen Mitteln zu befördern, es hat den Kontinent viel Blut gekostet – und das schon vor der Kirchenspaltung! Und es hat der Kirche zahllose Herzen abspenstig gemacht.

Über das Bekannte hinaus glauben
1700 Jahre nach Konstantin scheint die von ihm eingeläutete Ära in Europa am Ende. In diesem Kontext ist das Reformationsjubiläum ohne Scheuklappen mutig zu begehen. Glaube macht frei, über die alte Machtgeschichte hinaus zu denken und Selbstkritik zu wagen. Das gilt für Landes- und Freikirchen je auf ihre Art. Von der herrlichen Kraft des Auferstandenen und vom Wirken des Geistes erwartete Zwingli Heil für Kirche und Staat. Bei diesem Grundmotiv der Schweizer Reformation können wir verweilen und fragen, was Gott heute an Klarheit und Heil schenken will.
Dabei ist alles zu begrüssen, was das Feiern durchsichtig macht auf die Grunddimensionen und Grundlagen der Kirche hin, welche in den fünf soli der Reformation aufscheinen, namentlich im «solus Christus». An Christus allein haben wir uns zu halten, damit unsere reformierte Kirche, aus dem Palast Konstantins ausgezogen, das neu werden kann, wozu Er sie – als Wegweiser zu Seinem Reich – formen will.

1  Bericht auf www.lkf.ch 
2  Vortrag von Peter Opitz, http://tinyurl.com/gtt9xkg
3  Matthias Zeindler, Kernbotschaften zu 500 Jahre Reformation, www.ref2017.ch 

 

Peter Schmid ist Leiter der Medienstelle EGW.
peter.schmid@STOP-SPAM.egw.ch

To top