Medien

«Wir stellen die Vertrauensfrage»

Fritz Imhof Kein Ereignis der letzten Jahre hat die Medienschaffenden derart aufgewühlt wie die Umstände, die schliesslich zur Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten geführt haben.
 
«Wir stellen die Vertrauensfrage.» Diesen Titel stellt «EDITO», das Organ des Schweizer Journalistenverbandes «impressum», über das Dossier in seiner jüngsten Ausgabe. Einem Berufszweig anzugehören, der mit «Lügenpresse» tituliert wird, der «fake news» produziert und als Feind des Volkes abgekanzelt wird, ist nicht angenehm. Natürlich wissen die Journalistinnen und Journalisten, dass nicht jeder Bericht oder Kommentar den strengen Richtlinien genügt, die sie sich selbst auferlegt haben. Die Rede von «alternativen Fakten», eine Wortschöpfung des US-Präsidentensprechers, hat aber geradezu Alarmstimmung ausgelöst.
 
Das Umfeld: Kostendruck, Digitalisierung, soziale Medien ...

In der Medienwelt ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum ein Stein auf dem andern geblieben. Die sozialen Medien haben eine News-Szene geschaffen, in der Texte ohne redaktionelle Kontrolle ihres Wahrheitsgehaltes in Sekundenbruchteilen weltweit verbreitet werden. Die Werbung bevorzugt immer stärker digitale Kanäle wie Google und bringt damit die «Qualitätspresse» unter Druck. Damit der Gewinn dennoch stimmt, werden im jährlichen Rhythmus Journalisten entlassen. Das geht nicht ohne Qualitätsabbau, und das merkt die Leserschaft. Das «Tagi Online-Magazin» entlöhnt neuerdings Redaktoren nach der Klickrate, die sie mit ihren Texten erzielen. Das dürfte der Qualität kaum zuträglich sein.
Ein weiteres wichtiges Phänomen ist die Segmentierung bei den elektronischen Medien. Gruppen mit ähnlichen (politischen) Interessen sehen und hören vor allem den auf sie zugeschnittenen Kanal – wie zum Beispiel Fox News in den USA, der die konservativsten Republikaner bedient. Wichtige Fakten und Meinungen gehen so an diesen Leuten vorbei und werden weder wahrgenommen noch beachtet. Die drei Millionen Türken in Deutschland hören dank globalisierten Netzen die türkischen Regierungsmedien und unterstützen dann – viele auch als deutsche Staatsbürger – den despotischen Kurs von Präsident Erdogan.
 
Konsequenzen
In der Medienzunft wird daher wie kaum je zuvor um die Antwort auf die Frage gerungen, wie trotz der misslichen Lage Qualität garantiert und Verantwortung wahrgenommen werden kann. Als vierte Gewalt im Staat sehen sich Medienschaffende als Kontrolleure der staatlichen Macht. SRF Rundschau Moderator Sandro Broz distanziert sich im Fachmagazin «Edito» gegen jeden Opportunismus und insistiert: «Wir müssen unbequem bleiben. Jetzt erst recht.» Als SRG-Angestellter hat er gut reden, denn dort muss nicht von immer weniger Leuten immer mehr produziert werden. Zeitungsangestellte haben es schwerer. Hier müssen weniger Leute täglich die Seiten füllen, auch wenn nichts Wichtiges passiert. Ausgerechnet der Co-Präsident der Jungen Journalisten Schweiz, Matthias Strasser, plädiert für den «Mut zur Lücke». Denn das Bewirtschaften der Aufmerksamkeit mit Scheinsensationen sei letztlich «das Bewirtschaften der Glaubwürdigkeit». Und ausgerechnet die Inlandredaktorin der NZZ, Seraina Kohler, schlägt vor, eine Sprache zu finden und Geschichten zu erzählen, die den heutigen Menschen gerecht werden. «Dazu braucht es Kreativität und Haltung.»
Medienprofessor Roger Blum, ehemaliger Präsident des Schweizer Presserats, erwähnt in den AZ-Medien, dass laut einer Umfrage immer noch 52% der Amerikaner lieber den Medien als dem Präsidenten trauen, wenn es um Glaubwürdigkeit gehe. Donald Trump sei daher ein «unfreiwilliger Förderer des Journalismus». Sein Wort in Gottes Ohr!

Fritz Imhof ist freischaffender Redaktor und Publizist und Mitglied der Redak-tionskommission des Magazins INSIST.

fritz.imhof@STOP-SPAM.gmx.ch

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