Medizin

Entwicklung durch Krisen

Albrecht Seiler Wir Menschen sind häufig bequem. Wir sind zufrieden, wenn das Leben ungestört läuft. Krisen sind da in der Regel nicht willkommen.

In meiner langjährigen Tätigkeit als Arzt habe ich schon viele Berichte und Lebensgeschichten gehört: Erzählungen von Erlebnissen und Erfolgen, aber noch mehr von Enttäuschungen, Schmerz, Belastungen und von Verletzungen. Einige Patienten klagen mir ihr Leid, andere wirken wie darin gefangen. Andrerseits begegnen mir auch immer wieder Menschen, die sich durch Krisenzeiten weiter entwickelt haben.

Unerwartete Turbulenzen
Schwierige lebensgeschichtliche Ereignisse oder Krankheiten können stabile Mechanismen und Lebensmuster stören. Gewohntes wird durcheinandergewirbelt. Was bisher gut gelaufen ist, funktioniert nun nicht mehr. Krisenartige Situationen erzeugen Stress. Das Gehirn und seine Stresssysteme werden aktiviert. Hirnareale und Nebenniere schütten Stresshormone und Stressmediatoren aus. Das Denken, das Fühlen und das Handeln verändern sich. Im vegetativen Nervensystem verschiebt sich die Balance, Erholung wird schwieriger. Psychische und körperliche Vorgänge können sich gegenseitig aufschaukeln und den inneren Druck noch weiter steigern.
Von einigen Betroffenen höre ich in solchen Lebensphasen den Wunsch, alles möge wieder so werden wie vorher. Denn die Bewältigung einer Krise kostet Kraft – wie jede Veränderung. In Krisen können Fragen aufbrechen: «Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?» Es ist anstrengend, sich diesen Fragen zu stellen. Doch liegen gerade darin die besonderen Chancen einer Krisensituation.
Der Wunsch ist nachvollziehbar, alles möge wieder gut werden – möglichst so wie früher. Doch macht es dieser Blick zurück meist schwer, sich selbst im Hier und Jetzt anzusehen und die richtigen Fragen zu stellen: «Wie bin ich? Was hat mich so verletzt? Könnte ich etwas verändern?» Oder: «Sollte ich sogar etwas verändern?»

Wege der Entwicklung
Wer nicht beim Zurückblicken stehen bleiben sondern auch nach vorne sehen und Schritte hilfreicher Veränderungen gehen will, braucht zweierlei:

1. Standortbestimmung
Meist überfordert es uns zu sehen, wie wir als Mensch wirklich sind und wo genau wir stehen. Wir sind gefangen in der Art und Weise, wie wir die Welt und unsere Mitmenschen wahrnehmen. Unsere Sichtweise unterscheidet sich ja in der Regel von der Art, wie andere Menschen sich und die Welt sehen. Für eine gute Standortbestimmung kann daher auch die Perspektive anderer hilfreich sein. Die anderen sehen die Welt aber ebenso subjektiv wie wir. Für eine vertiefte Standortbestimmung und um sich selbst besser kennen zu lernen, empfehle ich daher auch objektivierende Hilfen. Das können wissenschaftliche Testverfahren zur Persönlichkeit oder das Gespräch mit geschulten Beratern sein1. Mehr über sich zu erfahren, kann helfen, sich selbst besser zu akzeptieren. Sich aufbrechenden existenziellen Fragen zu stellen, kann eine Türe öffnen, die hilft, Gott, den Schöpfer allen Seins, neu kennen oder besser kennen zu lernen.

2. Zielbestimmung
Nur wer das Ziel kennt, kann das Ziel auch erreichen. Daher ist in der Krise der Blick nach vorne ebenso wichtig wie der Blick auf das Hier und Jetzt. «Wie könnte das Leben nach der Krise aussehen? Was könnte sich durch die Krise ändern? Gibt es Dinge, die ich ändern sollte oder möchte? Was kann überhaupt verändert werden?»
Viele Menschen, die sich diesen Fragen stellen, erleben Krisenzeiten rückblickend als Zeiten der Entwicklung. Auch von mir selbst kann ich sagen, dass ich in der Krise Dinge gelernt habe, zu denen ich ohne Krise nicht (oder nicht so schnell) vorgedrungen wäre. Daher empfehle ich meinen Patienten ab und an: «Entdecken Sie das Potenzial Ihrer Krise.»

Krise als Chance
Als Krise werden schwierige oder gefährliche Situationen verstanden. In Krisen spitzt sich die Lage oft zu, sie erreicht einen Höhepunkt. Krisen erzeugen Druck und setzen Kräfte frei. Die Stressreaktionen des Organismus ermöglichen ein schnelleres und intensiveres Lernen und fördern damit die Entwicklung.
Der Mensch in der Krise kann wehmütig auf die Zeit vor der Krise zurückblicken. Er kann in der Situation erstarren. Oder er kann sich entschliessen, sich aufzumachen auf den Weg nach vorne. Hier zeigt sich die eigentliche Bedeutung des altgriechischen Wortes «Krísis».
Krise heisst nichts anderes als: ENTSCHEIDUNG.

1  Dazu eignet sich etwa «permOt», ein von mir mit-
entwickelter wissenschaftlicher Test zu Persönlichkeit und Motivation; siehe: www.permot.pro


Dr. med. Albrecht Seiler ist Chefarzt der Klinik SGM Langenthal, einer christlichen Fachklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

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