Naturwissenschaften

Genesis im Licht der Naturwissenschaft und der Bibel

Konrad Zehnder Die biblische Schöpfungsgeschichte und die naturwissenschaftliche Sicht auf die Evolution: sind das nicht unüberbrückbare Gegensätze? Ein aktueller Beitrag zu diesem Thema in der Zeitschrift «Science and Christian Belief» zeigt auf, wie sich beide Sichtweisen heute verbinden lassen1.

Die Evolutionstheorie sei doch nur eine Hypothese, denken viele. Dem steht entgegen, dass sich eine inzwischen überwältigende Zahl unabhängig voneinander entdeckter Tatsachen – wie fossile Knochenfunde und genetische «Fingerabdrücke» – zu einem Gesamtbild fügen, das aus Darwins Hypothese eine gut fundierte wissenschaftliche Theorie macht. Auch wenn diese Theorie nicht alles erklären kann, ist sie doch die zur Zeit beste von der Wissenschaftsgemeinde weltweit akzeptierte Erklärung.

Unsere Herkunft
Unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind die Schimpansen. Sie und wir Menschen stammen von gemeinsamen Vorfahren ab, die vor fünf bis sechs Millionen Jahren lebten. Der Zweig der Hominiden lässt sich bis vor 2-3 Millionen Jahren und zu einem Ort in Afrika zurückverfolgen. Die ältesten Knochen unserer Art, dem «Homo sapiens», wurden im südlichen Äthiopien gefunden. Sie sind etwa 200 000 Jahre alt. Von dort breitete sich der Homo sapiens in den Nahen Osten2 und weiter über den ganzen Erdball aus. Aufgrund genetischer Unterschiede zwischen Individuen kann man auf eine afri-kanische Population von ca. 10’000 Menschen schliessen, von denen etwa 1000 auswanderten und so zu den Vorfahren der übrigen Weltbevölkerung wurden.
Dies widerspricht in krasser Weise der Vorstellung, dass alle Menschen von einem einzigen Paar abstammen. Ein Vergleich der genetischen Sequenzen von Schimpansen und Menschen ergibt, dass sie zu 95 – 99% (je nach Zählmethode) identisch sind. Die heutige Forschung ist intensiv damit beschäftigt, genetische Eigenschaften zu identifizieren, die spezifisch menschlich sind. Unabhängig davon gewinnt eine Sichtweise in der grenzwissenschaftlichen Diskussion zwischen Natur- und Geisteswissenschaften an Terrain, wonach das spezifisch Menschliche in der Ausprägung von Persönlichkeit – einer Ich-Du-Beziehung – liegt, die sich (noch) nicht an genetischen Eigenschaften festmachen lässt.

Unsere Bestimmung
Die Bibel enthält neben Genesis 1-3 weitere Texte über die Schöpfung. Viele Elemente dieser Erzählungen finden sich auch in älteren Mythen der mesopotamischen und anderer Kulturen der damaligen Zeit und Region. Das Neue an den biblischen Texten sind nicht die Mythen an sich, sondern ihre gemeinsame Aussage, dass der Weltenschöpfer nicht zum Beispiel Baal, sondern der Gott Israels ist.
Wie können wir heutigen Menschen diese Botschaft verstehen, die vor mehreren tausend Jahren in einer für die damaligen Menschen verständlichen Sprache aufgeschrieben wurde? Jüdische und christliche Theologen waren und sind sich darin einig, dass Genesis 1-3 keine Geschichtsschreibung sondern eine sinn-bildliche Erzählung ist. Darin repräsentiert Adam die ganze Menschheit. Gott hat die Menschen nach seinem Bild – bzw. ihm ähnlich – geschaffen. Nur so und auch nur dann, wenn sie sich unter seine Führung stellen, können sie seine Repräsentanten sein und so ihre Bestimmung erfüllen.
Die biblische Schöpfungsgeschichte sagt uns, wer die Menschen geschaffen hat, und wozu sie da sind. Des Weiteren beschreibt sie, wie ein Bruch in der Beziehung zwischen Mensch und Gott alle menschlichen Beziehungen beeinträchtigt, auch jene zur ganzen übrigen Schöpfung. Die Naturwissenschaft beschreibt, wie sich der Homo sapiens als winziger Teil des Universums entwickelt hat. Und wie skrupelloses Wirtschaften das Leben auf diesem Planeten aus dem Gleichgewicht bringt. Die Bibel zeigt uns die Hintergründe dazu. Es sind zwei Geschichten derselben Wirklichkeit, die sich bei sorgfältiger Betrachtung sehr wohl verbinden lassen.


1  Lucas E. C. et al. (2016): The bible, science and human origins. – Science and Christian Belief, Band 28, Heft 2, S. 7 74-99, www.scienceandchristianbelief.org/view_abstract.php?ID=1315).
2  Im heutigen Israel wurden 115’000 Jahre alte Knochen gefunden.


Dr. Konrad Zehnder ist Geologe.
ko.zehnder@STOP-SPAM.bluewin.ch

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