Philosophie

Die selbstverschuldete Unmündigkeit

Alexander Arndt «Postfaktisch» und «Filterblase» wurden zu den Wörtern des Jahres 2016 erkoren1. Mit diesen Begriffen wurde der wachsende Trend erfasst, offiziellen Daten und Verlautbarungen mit Skepsis oder sogar mit «alternativen Fakten» zu begegnen.

US-Präsident Trump machte sich diese Strategie im Wahlkampf zu Nutze. Und auch im Amt scheint er gezielt darauf zu setzen, missliebige Berichterstattung als «Fake News» abzukanzeln und ihm gegenüber kritische Journalisten als «Volksfeinde» zu brandmarken.

Die Wahrheit biegen
«Was ist Wahrheit?» fragt Pilatus in Johannes 18,38 und wäscht sich opportunistisch die Hände in schuldiger Unschuld – schliesslich zählen in der römischen Provinz immer noch Recht und Ordnung. Die antiken Sophisten nutzten ihre Fähigkeit zur radikalen Skepsis, um nach Belieben die Wahrheit zurechtzubiegen. Sokrates, der dies kritisierte, nahm den Tod auf sich, um für intellektuelle Redlichkeit einzustehen.

Unterschiede verschwimmen
Die «selbstverschuldete Unmündigkeit» zu verlassen, fällt häufig schwer. Das postmoderne Medienzeitalter hinterlässt mit seiner Informationsflut ein vom Spektakel «erschöpftes Selbst» (Alain Ehrenberg). Der Unterschied zwischen dem, waswirklich passiert und dem, was durch mediale Repräsentation verzerrt wird, verschwimmt. Den «grossen Erzählungen» von einst wird misstraut. Gleichzeitig sehnen sich manche nach alles erklärenden Verschwörungstheorien. Diese immunisieren sich mit Zirkelschlüssen gegen eine gesunde Skepsis: Jedes rationale Argument dagegen wird als Bestätigung ihrer Triftigkeit interpretiert. Wer glauben möchte, die Medien wären von geheimnisvollen Mächten manipuliert, wird jeder journalistischen Recherche misstrauen, die dies zu widerlegen versucht. Dass die traditionellen Medien sich im Wettbewerb gegen den Nanosekundentakt des Internets nicht immer die Sorgfalt leisten, jede Agenturmeldung zu prüfen, lässt das Vertrauen zusätzlich bröckeln.

Wie weiter?

Medienkompetenz und das Bewusstsein von der grundsätzlichen Fehlbarkeit des Menschen sind in diesem Zusammenhang wichtige Stichworte. Ein ausgeklügeltes System von «Checks and Balances» hat unsere liberalen Gesellschaften insgesamt stabiler und erfolgreicher gemacht als diktatorische Regierungen. Da Menschen und Behörden irren, gibt es eine Reihe von Instanzen, die einander auf die Finger schauen. Zu der politischen Gewaltenteilung von Exekutive, Legislative und Judikative addiert sich die Presse, wobei auf journalistische Sorgfaltspflicht in den Redaktionen zu hoffen ist. Angesichts der Herausforderungen des Informationszeitalters ist diese unter Druck geraten. Deshalb ist eine kritische Lektüre von unterschiedlich ausgerichteten Medien nötig, ohne in den empörten Chor derer einzustimmen, welche die sogenannten «Mainstream Medien» vorsätzlich zur «Lügenpresse» erklären.
Das «Rasiermesser» des Scholastikers William von Ockham (1288 – 1347) kann vielleicht weiterhelfen. Sein «heuristisches Prinzip» bevorzugt von den angebotenen Erklärungen immer die plausibelste. Der offizielle Untersuchungsbericht zum Terroranschlag von 9/11 mag zum Beispiel manche Fragen nicht abschliessend klären. Verschwörungstheorien bieten scheinbar Antworten, werfen aber gleichzeitig weit mehr Ungereimtheiten auf. Angesichts der Fehlbarkeit von Menschen ist die Annahme einer systemischen Schwäche von Institutionen plausibler als die Behauptung, es gäbe eine effiziente Kabale, der es gelungen sein soll, zahllose Zeugen zu manipulieren.
Sensibilität gegenüber logischen Schwachstellen ist von Nöten. So wenig das zirkuläre Argument, die Bibel sei deswegen wahr, weil sie es von sich behauptet, einer ernst zu nehmenden Diskussion mit Nichtgläubigen standhält, so wichtig ist es, ein Gespür für die eigene fehlbare Fähigkeit zur Objektivität zu entwickeln. Vorurteile, Weltbilder, Ideologien, Emotionen und Prägungen beeinflussen unsere Wahrnehmung, und das weit mehr als es uns bewusst ist. Im Ringen zwischen Verblendung – Ideologie – und Wahrheit – Logos – ist Erstere als menschengemachtes falsches Bewusstsein immer an Letzterer gescheitert. Wie heisst es in Johannes 1,1: «En archeēn ho Lógos – am Anfang war das Wort, die Wahrheit.» Es bleiben das Vertrauen und die Hoffnung, dass sie auch am Ende stehen wird.

 

1  Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte in Deutschland «postfaktisch» zum Wort des Jahres. Radio SRF 3 in der Schweiz dagegen «Filterblase», womit der Effekt sozialer Medien bezeichnet wird, nur noch die Fakten und Deutungen der eigene Bezugsgruppe im Netz wahrzunehmen.

 

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

alex.arndt@STOP-SPAM.gmx.net

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