Bibel

Israel – Heimat der Juden!?

Felix Ruther In einem kleinen Büchlein von Ingolf Dalferth1 las ich eine interessante Auslegung zur «Bindung Isaaks2». Dalferth zeigt, dass der Tötungsauftrag Gottes an Abraham in dieser Geschichte eine unauflösliche Spannung zwischen Gottes Verheissungen und deren Verunmöglichung hervorruft.

Gott verheisst Abraham, dass er durch Isaak3 zu einem grossen Volk werden solle – so zahlreich wie der Staub der Erde4. Und nun soll Abraham gerade diesen Sohn opfern, das «einzig verlässliche Unterpfand der Verheissung Gottes»?

Ein Gott ohne Verheissung?

Gibt Gott etwas mit der einen Hand, was er dann mit der anderen wieder nimmt? Kann man einem Gott trauen, der seine Zusagen jederzeit und ohne Grund wieder zurücknehmen kann? Das sind die Fragen, vor denen Abraham steht.
Wenn Gott nicht zu seinen Verheissungen steht und Isaak sterben muss, dann kann sich dieser Gott ebenso gut aus Israels Geschichte verabschieden. Denn auf einen solchen Gott ist kein Verlass. Nun wissen wir aber, wie die Geschichte ausgeht. Isaak wird nicht geopfert. Gott rettet Isaak durch die Stimme seines Engels. Damit endet für Abraham die notvoll empfundene Selbstwidersprüchlichkeit Gottes. Nun kann er mit Bestimmtheit sagen: Gottes Verheissungen sind gewiss. Gott hat sich an seine Verheissungen gebunden. Er wird ihnen nie mehr widersprechen. So ist «Gott nicht mehr ablösbar von dem, was er Israel verheissen hat. Gott lässt sich nicht mehr gegen seine Verheissungen ausspielen5».

Was hat Gott Israel verheissen?
Hauptsächlich drei Dinge:                
1. die Verheissung des Landes6
2. die Verheissung von Nachkommenschaft
3. die Verheissung von Gottes Gegenwart bei seinem Volk.
Sind diese Verheissungen hinfällig geworden, hat Israel nicht alles verspielt, weil es den Weisungen Gottes (Tora) in seiner Geschichte nicht gefolgt ist? Gott hat dem Volk doch auch angedroht, dass es in diesem Falle aus dem Land herausgerissen werde7. Was denn auch mehrfach geschehen ist. Das war aber nicht das letzte Wort Gottes über Israel. Jeremia konnte in prophetischer Sicht dem Volk die Worte Gottes verkünden, dass er das Volk wieder in das Land der Väter zurückbringen werde8. Auch der Exilprophet Hesekiel weissagte9, dass Gott sein Volk wieder aus allen Völkern sammeln und es zurückbringen werde in sein Land.

Unerfüllte Verheissungen
Oder widerruft Gott seine Landverheissung, weil Israel grösstenteils nicht an Jesus als seinen Messias glaubt? Darauf antwortet Paulus, dass auch nach der Verwerfung Jesu der Bund und die Verheissungen nach wie vor in Kraft sind10. Gleichzeitig gab und gibt es in der christlichen Kirche das Denkmodell, dass alle Verheissungen in Christus erfüllt worden seien und sie somit ihre Zeit gehabt hätten. Aber auch hier sagt Paulus nicht, dass sie alle «erfüllt» worden seien, sie seien durch Christus «bestätigt worden11». So kann die Landverheissung nicht dahingehend aufgelöst werden, dass nun nach Christus die ganze Welt Stätte von Gottes Heil sei und dass die Prophetien der Rückkehr und Wiederherstellung ein Hinweis auf das Hinzukommen der Heiden zur Kirche seien.
Wie diese immer noch gültige Landverheissung in der heutigen Geschichte umgesetzt werden soll, ist schwer zu deuten. Geschieht es durch Heer und Kraft oder durch den Geist? Ist es Aufgabe des heutigen Staates Israel, diese Verheissungen umzusetzen? Oder ist dieser Staat nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Erfüllung der Verheissungen?
Oder haben die orthodoxen Juden Recht, wenn sie sagen, dass das Volk das Land erst wieder erhalten werde, wenn der Messias (wieder)kommt? Die heutige vertrakte politische Situa-
tion ruft in der Tat nach dem Messias Jesus, der verhärtete Herzen verändern und verfeindete Völker in Frieden vereinen kann. Diesem Ziel müssen sich aber auch Politiker vor Ort und ihre Freunde in Ost und West hingeben. Wenn sie es schaffen, Schritte zu mehr Frieden in Israel und Nahost zu tun, nehmen sie die vornehmste Aufgabe wahr, zu der sie berufen und gewählt sind.


1  Ingolf U. Dalferth, «Umsonst», ISBN 978-3-16-150940-7, S. 149 f.
Dalferth war von 1995 bis 2013 Ordinarius für systematische Theologie an der Universität
Zürich
2  1 Mose 22
3  1 Mose 17,19
4  1 Mose 13,16
5  Dalferth, S. 152
6  beginnend mit 1. Mose 12,7; 13,15; 15,7.18; 17,8
7  5 Mose 28,58-68
8  Jer 16,15
9  Hes 36,24
10 Röm 9,4
11  Röm 15,8

 

Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

To top